Rauchen in der Schwangerschaft verdoppelt das Risiko des Kindes, an einer ADHS zu erkranken.

Was man schnell erreichen kann, ist unwichtig.

Die Welt ist nur ein Splitter ihrer Teile.

ADHS / Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung

  1. Symptome
    1. 1.1. Überlappungen
    2. 1.2. Varianten
  2. Ursachen
  3. Häufigkeit und Verlauf
  4. Psychosoziale Prozesse
  5. Lösungsstrategien
    1. 5.1. Psychotherapie
    2. 5.2. Medikamentöse Behandlung
    3. 5.3. Selbsthilfe

1. Symptome

Das Kernsymptom der ADHS ist die mangelnde Einbindung in den Ereigniszusammenhang des Hier-und-Jetzt.

Daraus ergeben sich gemäß DSM-IVDiagnose-Manual der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung drei Gruppen typischer Folgesymptome:

Bedingungen

Nicht jedes Zustandbild, das von Konzentrations­störungen und Antriebssteigerung geprägt ist, ist einer ADHS zuzuordnen. Vier Bedingungen sollten erfüllt sein:

  1. Das Leiden besteht seit der Kindheit.
  2. Es tritt nicht nur bei besonderem Stress auf, sondern auch bei alltäglichen Tätigkeiten.
  3. Andere ErkrankungenZum Beispiel Schilddrüsenüberfunktion. und Substanzeinfluss sind ausgeschlossen.
  4. Es führt zu starken Problemen in Beziehungen und Arbeitswelt.
  1. Aufmerksamkeitsdefizit

    • Unachtsamkeit gegenüber Details
    • Flüchtigkeitsfehler
    • Schwierigkeit, die Aufmerksamkeit über längere Zeit aufrechtzuerhalten
    • Unachtsamkeit beim Zuhören
    • Vorzeitiges Abbrechen von Aufgaben
    • Schwierigkeit beim Organisieren und Planen von Aktivitäten
    • Abneigung gegen Aufgaben, die länger dauerende geistige Anstrengung erfordern
    • Verlieren und Verlegen benötigter Gegenstände
    • Gesteigerte Ablenkbarkeit sowohl durch Außenreize als auch durch gedankliche Assoziationen und Einfälle
    • Vergesslichkeit bezüglich Alltagstätigkeiten
    • Vergessen von Verabredungen
  2. Hyperaktivität

    • Zappeln mit Händen und Füßen; sich winden beim Sitzen
    • Aufstehen in Situationen, in denen sitzenzubleiben passender wäre
    • Unangemessenes Herumlaufen
    • Sich leise beschäftigen fällt schwer / unnötiges Lärmen
    • Häufig auf Achse / wirkt wie aufgezogen
    • Exzessives Reden
    • Entspannung durch Sport, Ungeduld und Reizbarkeit bei erzwungener Inaktivität
    • Paralleler Beginn mehrerer Aktivitäten
  3. Impulsivität

    • Herausplatzen mit der Antwort, bevor die Frage beendet wurde
    • Nicht warten können, bis man an der Reihe ist
    • Häufiges Unterbrechen und Stören anderer
    • Risikoverhalten im Straßenverkehr
    • Kopflose Entscheidungen
    • Vorschnelle Einkäufe, die nachher als sinnlos bereut werden
    • Mangelnde Affektkontrolle
    • Kommunikation unter dem Einfluss unkontrollierter Affekte
    • Beziehungskonflikte
1.1. Überlappungen

Viele Patienten mit ADHS leiden zusätzlich unter Symptomen, die anderen Diagnosen zugeordnet werden können. Man spricht dann von einer Komorbidität, also dem gemeinsamen Auftreten mehrerer Krankheiten.

Was mit der ADHS gemeinsam vorkommt
oder
mit ihr verwechselt werden kann

Da sich die diagnostischen Merkmale psychiatrischer Krankheitsbilder oft überlappen, ist zuweilen schwer zu entscheiden, welche Erkrankung man überhaupt diagnostiziert. Krankheitsbilder, die so ähnlich aussehen können wie eine ADHS, bezeichnet man als ihre Differenzialdiagnosen.

1.2. Varianten

Nicht alle Betroffenen leiden unter der gleichen Mischung an Symptomen. Man unterscheidet drei Varianten:

  1. Vorwiegend Aufmerksamkeitsstörung
  2. Vorwiegend hyperaktiv und impulsiv
  3. Mischtyp

Grundsätzlich gilt: Hyperaktiv-impulsive Bilder sind bei Kindern häufiger. Bleibt die Störung bis ins Erwachsenenalter bestehen, geht die Impulsivität oft zurück. Die Störung der Aufmerksamkeit tritt in den Vordergrund.

2. Ursachen

Vermutlich ist die ADHS keine einheitliche Erkrankung, sondern eine Gruppe von Störungen mit ähnlichen Symptomen. Zwillingsstudien haben belegt, dass anlagebedingte Faktoren eine große Rolle spielen. Mindestens ebenso groß ist der Einfluss familiärer Konflikte und elterlicher Verhaltens­auffälligkeiten. Untersuchungen zufolge steigt das Risiko, eine ADHS zu entwickeln, durch psychosoziale Belastungen in der Kindheit und Kommunikationsstörungen von Seiten der Eltern auf das Vielfache an.

3. Häufigkeit und Verlauf

In der Regel beginnt die Erkrankung in der frühen Kindheit oder spätestens im Jugendalter. Etwa 4-5 % der Kinder sind betroffen. Ging man früher davon aus, dass sich die ADHS grundsätzlich "auswächst", weisen neuere Untersuchungen darauf hin, dass bei knapp der Hälfte Symptome bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben. Allerdings schwächen sie sich oft ab.

4. Psychosoziale Prozesse

Den drei Symptomgruppen (Aufmerksamkeitsstörung, Hyperaktivität und Impulsivität) der ADHS, liegt ein gemeinsames Kernsymptom zugrunde: Die mangelhafte Orientierung der individuellen Verhaltenssteuerung am situativen Ereigniszusammenhang.

Hinter dem Mangel an Aufmerksamkeit steht der Hunger nach Beachtung. Auf dem Weg zu Erfolg und Anerkennung hat es der Kranke zu eilig. Je mehr er sich beeilt, desto öfter stolpert er. Je öfter er stolpert, desto langsamer kommt er voran. Je langsamer er vorankommt, desto mehr beeilt er sich. Auf der Jagd nach dem Glück bleibt keine Zeit, sich auf das Hier-und-Jetzt zu konzentrieren.

Vermutlich ist der Ausgangspunkt des Krankheitsgeschehens eine genetisch bedingte Normvariante des individuellen Grundmusters der Wahrnehmungs- und Handlungsbereitschaft. ADHS-gefährdete Kinder gehen meist rasch auf das zu, was ihre Aufmerksamkeit erregt und lassen ebenso rasch davon ab, falls etwas Neues im Blickfeld auftaucht. Zunächst ist dieses Muster bloß ein Experiment der Schöpfung, womit sie untersucht, ob spontanes Handeln trotz flüchtigen Wahrnehmens bei der Eroberung der Welt nicht mehr Erfolg als ein bedachtes Muster verspricht.

Beim Aufeinandertreffen dieses Grundmusters mit dem jeweiligen Kommunikationsklima des Umfeldes entscheidet sich dann allerdings, ob sich daraus eine handlungsorientierte Persönlichkeit mit impressionistischem Wahrnehmungsstil entwickelt oder ein Mensch, der sich psychosozial schlecht integriert.

Maßgeblich beteiligt an der pathologischen Entgleisung ist auch hier der Psychologische Grundkonflikt. Ein impulsives Kind konzentriert seine Aufmerksamkeit kürzer als andere auf die Gegenwart, in der sich jene Details befinden, deren Beachtung ihm eine erfolgreiche Teilnahme am Gemeinschaftsleben erleichtern würde. Wie Hans-guck-in-die-Luft ist es im Geiste oft nicht mehr da, wo Probleme zu lösen sind, sondern dort, wo man die Lösung der Probleme bereits feiert oder wo ein neuer Reiz rasche Begeisterung verspricht. Dem entsprechend macht es bei der Erledigung von Aufgaben Flüchtigkeitsfehler oder bricht den Versuch, komplexe Aufgaben zu lösen, vorzeitig ab; sobald es ihm nämlich zu lange dauert, sich an einer komplizierten Aufgabe abzumühen, was wegen der Eile und Beiläufigkeit, mit der es Aufgaben generell lösen will, häufiger als bei achtsamen Kindern vorkommt.

Je mehr Aufgaben schlecht oder gar nicht gelöst werden, desto weniger Lob und desto mehr Kritik bekommt das Kind. Da mangelnde Bestätigung und wachsende Kritik die Angst vor dem Verlust der Zugehörigkeit schürt, wächst sein Drang, möglichst rasch Erfolge vorzuweisen. Je kopfloser es aber dem Erfolg entgegendrängt, desto unachtsamer wird es, desto weniger Geduld hat es zuzuhören, desto impulsiver platzt es mit Antworten heraus, desto weniger kann es Organisatorisches bewältigen und desto mehr unterbricht und stört es andere.

Da ein solches Kind selbst einem hartgesottenen Umfeld oft mehr Geduld abverlangt, als das Umfeld bereit ist zu geben, wird der Riss zwischen ihm und dem Kontext oft größer. Je größer der Riss wird, desto unbehaglicher empfindet das Kind die Gegenwart. So entsteht ein psychologischer Teufelskreis: Beim Versuch, möglichst bald in einem Kontext eingebettet zu sein, in dem es so, wie es ist, empfangen wird, setzt es sich über den Kontext hinweg und provoziert damit dessen Widerstand.

Flucht vor bedrückender Wirklichkeit

Nicht jeder Teufelskreis fängt mit der Verhaltensproblematik des Kindes an. Oft ist das Kind zunächst bloß lebhaft. Viele Kinder werden aber in familiäre Felder hineingeboren, deren Strukturen nur wenig Geborgenheit bieten.

Die Eltern sind zerstritten und vom Alltag überfordert. Der Vater trinkt und ist arbeitslos. Das Wohnzimmer wird von einem Bildschirm beherrscht, durch den sich Doku-Soaps und Aktionknaller in den Raum ergießen. Wiederholt trennen sich die Eltern oder ein neuer Partner zieht ein. Die Mutter kommt aus der Klinik zurück. An der Haustür klingelt das Jugendamt. Vor dem Fenster rauscht Dauerverkehr. In der Nachbarschaft lebt ein Prekariat, das keine Ahnung davon hat, wie es je zu einer integrierten Gemeinschaft zusammenfinden soll.

Die ADHS des Kindes ist hier als Fluchtversuch zu verstehen.

Der Fluchtversuch scheitert. Er trägt dazu bei, die familiären Probleme zu vergrößern.

5. Lösungsstrategien

Gemäß den aktuellen LeitlinienGemäß Expertenkonsensus der DGPPN ist eine Behandlung der ADHS angezeigt, wenn ein Patient in einem Lebensbereich unter ausgeprägten Störungen leidet oder in mehreren Bereichen unter leichten Störungen.

Da die Fähigkeit des Kindes, eigenes Verhalten zu überdenken und daraufhin gezielt zu verändern, geringer als beim Erwachsenen ist, ist im Kindesalter eher an eine medikamentöse als an eine psychotherapeutische Behandlung zu denken. Beim Erwachsenen ist es umgekehrt. Erst wenn klar ist, dass alleine mit Maßnahmen zur aktiven Verhaltensänderung keine angemessene Besserung zu erreichen ist, ist zusätzlich eine Medikation angezeigt.

5.1. Psychotherapie

Bei der Psychotherapie der ADHS stehen kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze im Vordergrund. Dabei gilt es, das konkret störende Verhalten gezielt anzugehen und Lösungsstrategien zu erarbeiten, die unmittelbar im Alltag nutzbar sind. Dazu gehören Anleitungen zur Fokussierung der Aufmerksamkeit, Strategien zur Strukturierung des Alltags und der Kontrolle gesteigerter Impulsivität.

5.2. Medikamentöse Behandlung

Bei der Pharmakotherapie der ADHS sind sogenannte "Stimulanzien" Mittel der ersten Wahl, wobei in Deutschland fast ausschließlich Methylphenidat zum Einsatz kommt. Gibt es Gründe, die gegen Methylphenidat sprechen, kann in zweiter Linie auf Atomoxetin oder auf solche Antidepressiva zurückgegriffen werden, die eine Wirkung auf das noradrenerge Transmittersystem im Gehirn entfalten. Zu nennen sind hier Desipramin, Nortriptylin, Bupropion, Venlafaxin und Reboxetin.

Bitte beachten Sie auch die Allgemeinen Hinweise über den Umgang mit Psychopharmaka. Treffen Sie Entscheidungen über den Umgang mit Psychopharmaka ausschließlich in Rücksprache mit dem behandelnden Arzt.

Wird die ADHS durch eine ausgeprägte Begleiterkrankung überlagert, wird in der Regel erst diese behandelt. Bei Depressionen und Angsterkrankungen bevorzugt man auch hier Substanzen mit noradrenerger Wirkung. Im Anschluss daran wird die verbleibende ADHS-Symptomatik hinsichtlich ihrer Behandlungsbedürftigkeit abgeschätzt.

5.2.1. Methylphenidat

Methylphenidat bessert die Symptome bei 70-80 % der Betroffenen. Zur Wahl stehen rasch wirksame und verzögert wirksame Präparate. Über die Wahl des Präparats und die Dosierung ist jeweils individuell zu entscheiden.

5.2.2. Atomoxetin

Atomoxetin hemmt wie viele Antidepressiva die Wiederaufnahme des Noradrenalins im synaptischen Spalt zwischen den Hirnzellen. Dadurch wirkt es auf die ADHS-Symptomatik ein und gilt als Mittel der zweiten Wahl bei der ADHS.

Wie beim Methylphenidat besteht ein wesentliches Risiko der Behandlung im Einfluss der Substanz auf das Herz-Kreislauf-System. Es kann zur Erhöhung des Blutdrucks und der Herzfrequenz kommen. Atomoxetin sollte daher nur angewendet werden, wenn potenziell gefährliche Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems ausgeschlossen wurden.

5.2.3. Amphetamine

In seltenen Fällen kommt auch Amphetamin zur medikamentösen Behandlung in Betracht. Es gibt keine Fertigprodukte. Amphetaminsäfte können entsprechend individueller Rezeptur in der Apotheke hergestellt werden.

5.3. Selbsthilfe

Die ADHS beim Erwachsenen ist ein Krankheitsbild, bei deren Bewältigung die Selbsthilfe eine große Rolle spielt. Ausgehend von der Symptomatik lassen sich eine Reihe von Maßnahmen nennen, deren beharrliche Einhaltung zu wesentlichen Besserungen führen kann.

Maßnahmen zur Selbsthilfe