Für andere alles zu machen, macht andere schuldig. Ist das ein guter Dienst?

Man ist erwachsen, wenn man niemandem mehr gefallen will.

Das Überflüssige muss weg, damit man das Wesentliche sieht.

Sensationen sind reizvoll, wenn sie selten sind. Zwei am Tag sind eine schiere Plage.

Gut und böse sind nicht immer unterschiedlich. Zuweilen sind sie ein und dasselbe.

Die Neigung, sich selbst zu entwerten, ist oft ein Introjekt abwertender Botschaften aus dem Umfeld. Als Introjektion (lateinisch: das Hineingeworfene) bezeichnet man die unüberlegte Übernahme fester Denk- und Bewertungsmuster aus dem Umfeld.

Abwehrmechanismen


  1. Angst und Weltbild
  2. Wichtige Abwehrmechanismen
    1. 2.1. Abwertung
    2. 2.2. Affektisolierung
    3. 2.3. Altruistische Abtretung
    4. 2.4. Antizipation
    5. 2.5. Autoaggression
    6. 2.6. Des-Identifikation vom Selbst
    7. 2.7. Dramatisierung
    8. 2.8. Fixierung
    9. 2.9. Idealisierung
      1. 2.9.1. Unterwerfung
      2. 2.9.2. Identifikation mit dem Aggressor
    10. 2.10. Intellektualisierung
      1. 2.10.1. Pathologisierung
    11. 2.11. Introjektion
    12. 2.12. Konfluenz
    13. 2.13. Konversion / Dissoziation
    14. 2.14. Projektion
    15. 2.15. Projektive Identifikation
      1. 2.15.1. Projektive Des-Identifikation
    16. 2.16. Rationalisierung
    17. 2.17. Reaktionsbildung
    18. 2.18. Rechtfertigung
    19. 2.19. Regression
      1. 2.19.1. Abtretung des Aggressionsausdrucks
      2. 2.19.2. Intellektuelle Regression
      3. 2.19.3. Ideologisierung des Weltbilds
    20. 2.20. Somatisierung
    21. 2.21. Spaltung
    22. 2.22. Sublimation
    23. 2.23. Ungeschehenmachen
    24. 2.24. Verdrängung
    25. 2.25. Verleugnung
    26. 2.26. Verschiebung

      Grundprinzip

      Durch die Verengung des Weltbilds auf einen kontrollierten Ausschnitt der Wirklichkeit wird die Angst vor der Weite des Daseins aus dem Bewusstsein beseitigt. Statt ohne Wenn und Aber in der Welt zu stehen, richtet sich das Ego in einem Ausschnitt persönlicher Sichtweisen ein. Dort kann es glauben, dass es nicht mehr an sich zweifeln muss. Aus gefühlter Angst ist eine Illusion der Sicherheit geworden.

  3. Abwehr oder Symptom
  4. Reife und unreife Abwehr
  5. Mystische Identifikation

1. Angst und Weltbild

Weder die Außenwelt noch die Dynamik seiner Seele ist dem Menschen geheuer. Beide Elemente der Wirklichkeit erschrecken ihn durch ein bedrohliches Netzwerk an Kräften. Deren Über­macht fühlt er sich ausgeliefert. Darauf reagiert er mit Angst.

Der Angst, abgeleitet von indogermanisch angh = eng, folgt der Impuls, in eine schützende Enge zu flüchten. Um die Angst zu mindern, versucht das Ego, ein beruhigendes Weltbild zu schaffen. Beruhigend wirkt ein Weltbild, wenn man es überblicken kann; und wenn es die Illusion vermittelt, man könne die Wirklichkeit so kontrollieren, dass es keinen Grund mehr zum Fürchten gibt. Dazu benutzt das Ego Werkzeuge: Abwehrmechanismen.

Coping-Strategie oder Abwehrmechanismus

Zwischen Coping-Strategien (englisch to cope = bewältigen) und Abwehrmechanismen gibt es Ähnlichkeiten und Unterschiede. Beide dienen der Bewältigung unerwünschter Erlebnis­qualitäten.

Während der Abwehrmechanismus ein Grundmus­ter im Umgang mit alltäglichen Widrigkeiten darstellt, kommt die Coping-Strategie bei konkret belastenden Einzelerlebnissen zum Einsatz. Dabei greift sie oft gleichzeitig auf verschiedene Abwehrmechanismen zurück.

Abwehrmechanismen sind psychische Manöver, durch die man ein überschaubares Weltbild aufrechterhält. Was ein überschau­bares Weltbild stören könnte, blenden Abwehrmechanismen aus. Dazu gehören Fakten, die man nicht wahrhaben will ebenso wie Gefühle und Handlungsimpulse, vor denen man sich fürchtet.

Die Palette der Abwehrmechanismen ist breit gefächert. Zum Teil gehen sie ineinander über. Oder sie überlappen sich. Obwohl jeder bestimmte Muster bevorzugt, gibt es niemanden, der sich nicht verschiedener bedient.

Abwehr oder Problemlösung

Die Grenzen zwischen Abwehr und Problemlösung sind fließ­end. Nehmen wir an, Sie langweilen sich. Sie entschließen sich, ins Netz zu gehen und herumzusurfen. Durch Zufall landen Sie auf dieser Seite. Ist das nun eine kreative Lösung des Problems oder wehren Sie durch Ablenkung gefürchtete Impulse ab, die hinter der Lange­weile auf Sie warten?

Ob ein Verhalten Abwehr oder kreative Gestaltung ist, ist objektiv kaum zu beurteilen. Das gleiche Verhalten kann mal das eine, mal das andere sein. Entscheiden kann man nur, wenn man die Details der jeweiligen Situation beachtet.

2. Wichtige Abwehrmechanismen

Die Definition der Abwehrmechanismen gehört zu den Konzepten der Psychoanalyse. Den Grundstein legten Sigmund Freud (1915) und seine Tochter Anna (1936). Spätere Vertreter der analytischen und tiefenpsychologischen Schulen haben die ursprüng­lichen Konzepte ausgebaut (Vaillant 1992, König 1996). Neben der folgenden Liste kann alles als Abwehrmechanismus benannt werden, was der Stabilisierung des Welt- und Selbstbilds bei der Konfrontation mit der Wirklichkeit dient. Als Beispiel sei die Betäubung durch Suchtmittel genannt. Süchtiger Substanzkonsum kann aber auch als chemisch unterstützte Variante der Verdrängung aufgefasst werden.

2.1. Abwertung

Selbstabwertung

Ein verbreitetes Übel ist die Selbstabwertung. Abwertende Urteile über sich selbst können verschiedene Funktionen haben:

  • Sie bremsen expansive Impulse aus, um gefürchtete Rivalitäten und Konflikte zu vermeiden.
    • Eine graue Maus wie ich hat auf der Party nichts zu suchen.
    • Ines behandelt mich herablassend, weil ich mal wieder was Blödes gesagt habe. Da kann ich nicht verlangen, dass sie anders mit mir umgeht.
  • Sie dienen dazu, sich als Reaktion auf die Abwertung mehr ins Zeug zu legen: Ich Idiot habe den dritten Satz vermasselt.

Eine nützliche Übung

Wer andere abwertet, macht es unbewusst auch mit sich selbst. Achten Sie darauf, wann und warum Sie abwerten. Formulieren Sie statt­dessen kreative Kritik; oder erkennen Sie, wodurch Sie sich selbst entwertet fühlen.

Abwertung spielt als Abwehrmechanismus eine herausragende Rolle. Dabei werden As­pekte der Realität als bedeutungslos oder unwert betrachtet um das bestehende Welt- und Selbstbild gegen eine Infragestellung durch die abgewerteten Elemente abzu­schirmen. In der Fabel vom Fuchs, der die Trauben, die zu hoch für ihn hängen, für sauer erklärt, ist der Mechanismus bildhaft dargestellt.

Abwertung kann sich gegen sämtliche Wirklichkeitsaspekte rich­ten, durch die man sich verunsichert fühlt.

Besonders problematisch ist der Mechanismus, wenn er sich gegen Personen oder Menschengruppen wendet.

Die Abwertung von Bezugspersonen kann im Stillen vollzogen werden. Dann dient sie vorrangig dem eigenen Selbstwert­gefühl. Sie ist ein pathologischer Heilungsversuch narzisstischer Zweifel.

Wird Abwertung offensiv ausgetragen, entsteht, was man neudeutsch als Mobbing bezeichnet. Dann dient sie zusätzlich sozialer Konkurrenz.

2.2. Affektisolierung

Bei der Affektisolierung wird die emotionale Reaktion auf ein Ereignis ausgeblendet. Man könnte auch sagen: Das Gefühl wird in Quarantäne geschickt. Somit vermeidet man, sich die emotionale Komponente eigener Handlungsmotive einzu­gestehen. Man erlebt sich als ausführendes Organ einer nüchternen Notwendig­keit. Man handelt so, als habe man mit den eigenen Gefühlen nichts zu tun.

Von Gefühlen, die man nicht bewusst durchlebt, wird man besessen.

Die Affektisolierung geht oft mit einer Rationalisierung der eigenen Motive einher; zum Beispiel dem Argument, Prügel führten Kinder auf den rechten Weg. Sie führt jedoch nicht zu einer Befreiung des Verhaltens vom störenden Ein­fluss ungesteuerter Emotionen. Vielmehr wird man erst recht durch den ausgeblendeten Affekt bestimmt. So steckt hinter Svens Schweigen womöglich der Impuls, Petra durch scheinbare Gleichgültigkeit zu strafen und Richter Besenrein weiß nichts von seinem Neid auf jene, die es sich im Gegensatz zu ihm erlauben, Regeln bei Bedarf zu übertreten.

2.3. Altruistische Abtretung

Dem Anderen nützt nicht nur, dass man ihn mit Kuchen füttert. Es nützt ihm auch, dass man eine Grenze hat. Einem selbst nützt das ebenfalls.


Hinter einer Abtretung steckt oft die Erwartung besonderer Dankbarkeit. Altruismus und Egoismus bilden dann ein unübersichtliches Gemenge, das eine Beziehung regelrecht vergiften kann.


Aus einem Ich tue das doch gerne für Dich wird ein Ich habe doch so viel für Dich getan.


Der pathologische Altruist versucht, sein Ego aufzuwerten, indem er es abwertet.

Bei der altruistischen Abtretung werden eigene Interessen verleugnet. Stattdessen gilt aller Einsatz ähnlichen Interessen anderer, für die sich der Altruist dann um so hemmungsloser einsetzt.

Typische Vertreter

Die altruistische Abtretung bietet psychologische Vorteile.

Die altruistische Abtretung ist zum Teil ein sozial nützlicher Abwehrmechanismus. Ihr übermäßiger Einsatz birgt aber Risiken: für Geber und Empfänger. Dem Geber drohen Helfer- und Burn-out-Syndrom. Die Bereitschaft des Empfängers, eigene Tatkraft zu entwickeln, kann untergraben werden. Für den, der sich für andere einsetzt, mag es daher sinnvoll sein, eigene Interessen besser zu beachten. Für den, der sich von Helfern versorgen lässt, ebenfalls.

Widersprüchliche Facetten eines Themas

Altruismus selbstlose Fürsorge für Schutzbefohlene
altruistische Abtretung Verleugnung egozentrischer Interessen, stellvertretender Egoismus
pseudo-altruistischer Missbrauch Erzeugung von Abhängigkeiten

2.4. Antizipation

Antizipation, also die planende Vorwegnahme kommender Probleme, gilt als reifer Abwehrmechanismus. Bei der Antizipation werden zukünftige Schwierigkeiten im Voraus bedacht und vorbeugende Maßnahmen ergriffen, um die Gefahr zu entschärfen, die der Person oder ihrem Selbstbild durch ein Scheitern an den Problemen droht.

Auch Antizipation kann schaden: wenn man sie übertreibt. Ist man zu sehr mit der Zukunft beschäftigt, verpasst man womöglich die besten Chancen in der Gegenwart.

Abwehrmuster oder zielführendes Handeln
Planende Vorwegnahme ist nicht immer Abwehrmuster. Streng genommen ist sie nur soweit ein psychologisches Manöver, wie sie dem Schutz des Selbstbilds dient. Dient sie - ungeachtet aller Sorge um das Selbstbild - der Gestaltung einer Zukunft, ist sie Komponente zielführenden Handelns.
2.5. Autoaggression

Aggressive Impulse sind ein Risiko für den Bestand zwischenmenschlicher Beziehungen; und damit der Rolle, die man als Beziehungspartner inne hat. Ihr Ausdruck wird oft gefürchtet. Bei der Autoaggression werden solche Impulse vom Gegenüber weg und auf sich selbst gelenkt. So verhindert man, sich unbeliebt zu machen. Gegebenenfalls erntet man sogar Zuwendung und Aufmerksamkeit.

Zuweilen vermengen sich auto­aggressives und passiv-aggressives Verhalten oder wechseln einander ab. Bei beiden Mustern wird der offene Konflikt vermieden.

Im autoaggressiven Akt schimmert die Aggression gegen Bezugspersonen durch. Durch die Folgen der Autoaggression werden sie vereinnahmt, angeklagt oder ins Unglück gestürzt; denn der Schutz einer Beziehung durch Wendung der Aggression gegen sich selbst kann tödlich enden.

Vorrangig wird wohlgemerkt nicht immer eine reale Beziehung geschützt, sondern die Rolle, die man spielt... und mit der Rolle das Bild, das man von sich selber hat. Das zeigt Pauls Entscheidung: Indem er sich tötet, beendet er alle realen Beziehungen und doch hält er sie virtuell aufrecht. Im Leben der anderen spielt er von da an eine Rolle, die sie niemals vergessen werden.

2.6. Des-Identifikation vom Selbst

Es gibt Menschen, die das, was sie für sich selbst halten, so radikal ablehnen, dass sie die Erscheinungsformen ihrer selbst nicht mehr als Ausdrucksweisen ihrer selbst erkennen. Sie des-identifizieren sich von sich selbst. Meist stecken schwere Selbstwertzweifel und entsprechende Schamgefühle dahinter, deren Erleben durch den Mechanismus abgewehrt wird.

Zwei Sichtweisen

Vor der Des-Identifikation vom Handlungspotenzial des Selbst

Ich bin es, der...

danach

Mir geschieht...


Wie könnte ich Verursacher meines Erlebens sein, wenn ich kein Selbst habe, das Ursache sein könnte?
2.7. Dramatisierung

Beim Dramatisieren werden Sachverhalte, eigenes Erleben und Empfinden oder die Taten anderer mit übermäßig emotionalem Aufwand dargestellt. Wer dramatisiert, gebraucht Superlative... und wiederholt sie gerne.

Häufiges Motiv beim Dramatisieren ist die Furcht, nicht beachtet zu werden. Durch lebhaftes Auftragen will man sich die Aufmerksamkeit des Gegenübers sichern. Auf Dauer passiert jedoch das Gegenteil. Je öfter man dramatisiert, desto schneller ziehen die Zuhörer das meiste vom Drama stillschweigend wieder ab; was man als mangelndes Interesse erlebt und womöglich zum Anlass nimmt, noch dicker aufzutragen.

Wer gebannt nach außen schaut, weiß nichts mehr vom Zusammen­hang in seinem Inneren. Der Körper mag dann Dinge tun, ohne dass sein Verstand versteht, wer der Täter ist.

Im extremen Fall richtet der, der sich beim Bemühen um Aufmerksam­keit aufs Dramatisieren verlässt, den Blick so begierig auf den Effekt seiner Mühe, dass er das Gefühl für die eigene Integrität verliert. Zuweilen scheint es ihm dann so, als führten seine Impulse, oder gar seine Organe, ein Eigenleben: Ein Arm ist plötzlich "gelähmt", für Stunden war man "blind", rätselhafte Zuckungen schütteln den Körper... und wie sie schwanger werden konnte, ist der Jungfrau unerklärlich. Das nennt man Dissoziation.

2.8. Fixierung

Fixierung nennt man das Stehenbleiben auf einer bestimmten Entwicklungsstufe. Dadurch werden Progressionsängste vermieden, also die Angst, an den Herausfor­derungen einer heranrückenden Lebensphase zu scheitern.

Die Fixierung auf kindliche Grundmuster führt zur Beibehaltung abhängiger Verhaltensweisen. Der Abhängige spielt die Rolle des braven Kindes oder die des trotzigen. Oder beide Rollenmuster verweben sich zu einem widersprüchlichen Konglomerat. Das kommt z. B. bei der Borderline-Störung vor.

2.9. Idealisierung

Wer idealisiert, sieht vom Anderen oder einem Sachverhalt nur noch die positive Seite. So ist die Idealisierung ein Teilaspekt der Spaltung. Sie bezweckt, Kritik und Konkur­renzimpulse, die zu Konflikten mit anderen führen könnten, abzuschwächen.

Wenn ich mache, was der Meister sagt...

Menschen neigen dazu, anderen besondere Autorität zuzuordnen. Sobald man glaubt, man habe jemanden gefunden, der zweifelsfrei weiß, was richtig ist, kann man auf das Risiko eigenen Denkens und Entscheidens verzichten. Mit dem glücklichen Gefühl, dass nun alles in Ordnung ist, folgt der Gläubige seinem Meister. Solche Mechanismen sind in Politik und Glaubensdingen weit verbreitet.

2.9.1. Unterwerfung

Der Idealisierung folgt logischerweise Unterwerfung. Dem Ide­alen muss man sich kritiklos unterordnen. Da Unterordnung keine Schande mehr ist, wenn der, dem man sich fügt, makellose Eigenschaften hat, verstärken sich beide Abwehrmuster wech­selseitig.

2.9.2. Identifikation mit dem Aggressor

Mit Idealisierung und Unterwerfung ist oft die Identifikation mit dem Aggressor vergesellschaftet, denn der beste Schutz vor einer Schlägertruppe besteht darin, ihr beizutreten oder ihr zumindest zu signalisieren, dass man ihre Taten gutheißt. Die Identifikation mit dem Aggressor ist ein häufiger Abwehrmechanismus im Kleinen.

Bei der Ausbreitung feindseliger Weltanschauungen spielt er eine ausschlaggebende Rolle.

Ester 8,17:*
Viele aus den Heidenvölkern bekannten sich zum Judentum, denn die Furcht vor den Juden hatte sie befallen.

Die Feindseligkeit einer Weltanschauung geht mit der Neigung ihrer Vertreter, sie zu idealisieren, Hand in Hand. Die Aggression politisch Radikaler entspringt wie die konfessioneller Kulte einem Wechselspiel aus Unterwerfung und Idealisierung. Je mehr sich jemand politisch radikalen Kräften unterwirft, desto mehr Idealisierung braucht er, um seine Unterwerfung zu rechtfertigen. Die Aggression, die die Unterwerfung in ihm schürt, richtet er nicht gegen den idealisierten Aggressor. Er verschiebt sie auf Gruppenfremde; was diese ihrerseits in Versuchung bringt, sich mit dem Aggressor zu identifizieren.

2.10. Intellektualisierung

Bei der Intellektualisierung wird der theoretische (griech.: theorein [θεωρειν] = betrach­ten) Aspekt eines Sachverhaltes stärker beachtet als der emotionale (lat.: emovere = herausbewegen).

Herausbeweger I

Emotionen sind Herausbeweger. Wenn man sie bewusst durchlebt, machen sie beweglich. Wenn man sie in der Untergrund verbannt, bewegt sich der Boden, auf dem man steht; zuweilen so ruckartig, dass alles einstürzt.


Wohlgemerkt

Betrachtung an sich ist kein Problem, sondern wesentliches Mittel der Erkenntnis. Problema­tisch ist die Einordnung des Erkannten in Denk­schablonen, die anderenorts weitere Erkenntnis behindern.
Beispiele:

Wie viele andere Abwehrmechanismen dient auch die Intellektualisierung der Vermeidung von Konflikten und der Sicherung der Auto­nomie. Im Grundsatz ist es nützlich, Ereignisse zunächst nüchtern zu betrachten und dann erst zu reagieren. Nicht jede Emotion hat das Zeug, Verhaltensweisen heilsam zu befruchten.

Betrachtung schafft jedoch Distanz. Wer sich herausbewegt, bewegt sich auf den anderen zu; oder von ihm weg. Der reine Betrachter steht abseits weltlicher Wogen. Übertreibt man das Intellektualisieren daher, begnügt man sich also damit, sich alles bloß zu erklären statt gefühlvoll mitzuschwingen, wird der Kontakt zum Anderen unlebendig.

Das führt genau zum Gegenteil: Konfliktspannung wird aufgestaut. Die vermeintliche Autonomie wird theoretisch. In seinem privaten Weltbild hat der Intellektualisierer alles im Griff. Tatsächlich wird er ständig von verleugneten Emotionen und einer ent­fremdeten Umwelt bedroht.

2.10.1. Pathologisierung

Eine Spielart der Intellektualisierung ist das Pathologisieren. Es ist in der Psychiatrie weit verbreitet. Beim Pathologisieren werden problematische Stimmungen, Gefühle und Verhaltensweisen als Krankheitssymptome interpretiert und in theoretische Denk­modelle eingeordnet.

Wie bei allen Abwehrmechanismen hängen Nutzen und Schaden des Pathologisierens von der jeweiligen Situation ab. Bei schwerkranken Menschen ist es oft das Beste, zur übermächtigen Symptomatik Abstand zu schaffen; indem man sie als Krankheit auffasst und damit als behandelbares Objekt. Zur vollständigen Heilung von Ängsten, Depressionen und Zwangserscheinungen ist es in einem zweiten Schritt aber ebenso oft nötig, das Symptom wieder als Ausdruck der eigenen Person zu betrachten; und nicht nur als lästigen Störfaktor, der einfach nur weg soll.

2.11. Introjektion
Die ungefilterte Übernahme kognitiver Muster ist zunächst weder Problem noch Abwehr­mechanismus. Sie ist ein entwicklungs­psychologisches und gruppendynamisches Grundmuster. Das Rad muss nicht jedes mal neu erfunden werden und vieles, was vertrauensvoll übernommen wird, ist kein unverdaulicher Fremdkörper, sondern fertiger Baustein. Erst wenn der Baustein nicht passt und es Angst ist, die zum Einbau verleitet, wird der Baustein zum pathogenen Introjekt.

Bei der Introjektion werden Werte, Normen, Sichtweisen oder Meinungen aus dem Umfeld übernommen. Damit die Übernahme als Abwehrmechanismus gelten kann, sollten zwei Kriterien erfüllt sein:

  1. Die Übernahme erfolgt unreflektiert, also ohne geistige Auseinandersetzung mit dem Inhalt um ihn gegebenenfalls individuell anzupassen.

  2. Die Übernahme erfolgt nicht nur aus Bequemlichkeit oder fehlendem Interesse, eine eigenständige Sichtweise zu entwickeln, sondern zum Beispiel zur Abwehr von Trennungsangst.

Introjektion spielt eine große Rolle bei der Festigung von Gruppenzugehörig­keiten. Viele Kulturen setzen gezielt auf suggestive und manipulative Techniken, um die Introjektion ihrer Wertvorstellungen durch andere - vor allem Kinder - zu bewirken. Introjektionsfördernde Maßnahmen gelten als wesentliche Elemente gängiger Erziehung. Auch Subkulturen werden durch Introjektion stabilisiert.

Psychodynamisch ist die Introjektion mit der Identifikation mit dem Aggressor verwandt. Je freiwilliger übernommen wird, desto eher spräche man vom erstgenannten, je unmittelbarer Druck von außen ausgeübt wird, vom zweiten Mechanismus.

2.12. Konfluenz

Mystische Identifikation oder Konfluenz

Bei der mystischen Identifikation wird die Verflochtenheit mit dem Kontext (an-)erkannt. Bei der Konfluenz wird ein Verfließen mit dem Umfeld angestrebt. Das Erste dient der Überschreitung des Ego, das Zweite seiner Festigung. Bei der Konfluenz schützt sich das Ego durch die Tarnkappe der Gleichheit. Bei der mystischen Identifikation verzichtet das Selbst auf den Anspruch, als besonderes Ego zu gelten.


In Santa Maria del renacimiento beten alle zur heiligen Jungfrau. In Gilead ruft die Menge Hosiannah. In Wahad al Sayed verbeugt man sich gemeinsam Richtung Mekka. Andernorts vergießen Massen heiße Tränen für den großen Führer in Pjöngjang. Die meisten frommen Leute zweifeln nicht daran, dass ihr Tun das einzig richtige ist. Es darf vermutet werden, dass die Mehrzahl dieser Menschen etwas anderes täte, hätte der jeweilige Zeit- und Ortsgeist ihnen gesagt, es zu tun.

Konfluenz (lateinisch com = zusammen und fluere = fließen) mit dem Umfeld dient der Vermeidung gefürchteter Konflikte und zur Abwehr des Unbehagens, das erkennbares Anderssein nach sich ziehen kann. Menschen, die übereifrig Erscheinungsformen, Konventionen und Rituale des Umfelds übernehmen, sichern ihre Zugehörigkeit zum Preis eines abgeschwächten Ausdrucks ihrer Individualität ab.

Konfluenzphänomene finden sich....

Auch Konfluenz gehört zur normalen Dynamik sozialer Gruppen. Sie ist thematisch eng mit der Introjektion und der Identifikation mit dem Aggressor verwandt. Das Umfeld wird als schützender Rahmen gedeutet, in den man durch optimale Angleichung einzutauchen versucht. Während kognitive Muster bei der Introjektion verinnerlicht werden, mag es bei der Konfluenz bei einer oberflächlichen Anpassung an Erscheinungsformen bleiben. Auch die Identifikation mit dem Aggressor kann tief vollzogen oder bloße Taktik sein.

Erst wenn der Impuls zur Anpassung an das Umfeld überwertig wird, ist der Mecha­nismus pathologisch. Böse Zungen bezeichnen Menschen mit einer Vorliebe für konfluente Muster als Normopathen.

2.13. Konversion / Dissoziation

Modi, die dissoziieren können

  • Gefühle
  • Impulse
  • Gedächtnisinhalte
  • Wahrnehmungen
  • Entscheidungsprozesse
  • Bewegungen
  • sensorische Wahrnehmungen

Bei der dissoziativen Identitäts­störung durchziehen Dissoziationen das gesam­te Selbsterleben. Statt sich als viel­schichtige Person mit widersprüchlichen Impulsen zu erleben, spaltet der Kranke das Widersprüchliche auf und agiert nacheinander verschiedene Rollen aus, die scheinbar unabhängig voneinander im selben Körper hausen.

Konversion und Dissoziation sind nicht dasselbe. Oft treten sie aber gemein­sam auf. Bei der Dissoziation werden einzelne Modi der Selbstwahrnehmung oder -steuerung aus dem Zusammenhang des Ich-Bewusstseins abgespal­ten.

Konversion bezeichnet den Ausdruck der abgespaltenen Inhalte durch symbolhafte Fehlfunktionen der motorischen, sensiblen oder sensorischen Systeme. Das Symptom drückt dann jenen Bewusstseinsinhalt aus, den der Patient bewusst nicht als Element seiner selbst akzeptiert. Zur klassischen Symptomatik der Konversionsstörung gehören:

Beispiele:

Von den Konversionsstörungen sind die Somatisierungsstörungen abzugrenzen. Dabei beeinflusst der psychische Inhalt nicht die Funktion der Willkürmotorik, der Sinnes­organe oder der Oberflächensensibilität, sondern die Funktionen des vegetativen Ner­vensystems und damit die Funktionen innerer Organe.

Alles Böse liegt bei den anderen.
2.14. Projektion
Projektionen setzen Distanz voraus. Am leichtesten projiziert man auf das, was man am wenigsten kennt.

Bei der Projektion werden eigene Impulse und Eigenschaften, die man nicht wahrhaben will, anderen zugeschrieben. Projektionen erkennt man oft an der Pauschalität ihrer Urteile.

Was Projektionen begünstigt

Durch Projektion vermindert man Konflikte, die man mit sich selber hat. Das Bild von sich selbst bleibt übersichtlich und widerspruchsfrei. Die Wahrnehmung anderer wird jedoch verzerrt. Da man Impulse, die man nicht wahrhaben will, als schlecht bezeichnet, führt Projektion regelhaft zur Herabsetzung anderer... und begünstigt damit Feindseligkeit.

Milde Formen der Projektion sind weit verbreitet. Nur durch umfassende Selbsterkenntnis kann man projektive Muster vollends hinter sich lassen. Die Übergänge vom Normalverhalten zur paranoiden Persönlichkeit und zum Verfolgungswahn sind fließend.

2.15. Projektive Identifikation

Zum Verständnis der Projektiven Identifikation macht es Sinn, sich die Situation eines Säuglings vor Augen zu halten. Ein Säugling ist auf sich gestellt nicht lebensfähig. Seine Existenz setzt die Übernahme wesentlicher Fürsorgefunktionen durch die Mutter voraus. Der Säugling vereinnahmt somit Funktionen, die der Entscheidungshoheit einer anderen Person zugeordnet sind. Man geht davon aus, dass sein Bewusstsein den Hunger und die nährende Brust der Mutter noch nicht zwei unterschiedlichen personalen Einheiten zuordnet. Der Säugling unterscheidet nicht zwischen Ich und Du.

Die Projektive Identifikation gehört zum normalen Funktions­modus des vorsprachlichen Bewusstseins. Je mehr sie bis ins Erwachsenenalter über­dauert, desto problematischer wird sie. Keineswegs ist ihr Gebrauch auf Menschen mit Borderline-Störung beschränkt. Sie ist eine Grundlage jedweder persönlichen Unreife.

Mit dem Auskeimen des Ich-Bewusstseins in der Frühkindheit beginnt er, diese Unterscheidung mehr und mehr zu treffen. Es ist jedoch keinesfalls die Regel, dass der Erwachsene die Unterscheidung zwischen sich selbst und dem Anderen auf allen Ebenen vollständig vollzieht. Ohne sich dessen bewusst zu sein, neigt auch der normale Erwachsene dazu, die Erfüllung eigener psychischer Belange von anderen zu erwarten.

Die Aufgabe zur Erfüllung des Belangs wird auf den Anderen projiziert und gleichzeitig wird die ausgelagerte Funktion der eigenen Identität zugeordnet. Das Ich identifiziert sich mit einer bestimmten Funktion des Du.

Beispiele:

Die Projektive Identifikation wird erkennbar, wenn der andere das gewünschte Verhal­ten unterlässt. Da sich die projizierende Person dann in ihrer Identität bedroht fühlt, reagiert sie mit Wut oder Verzweiflung.

Typisch ist, dass die projizierende Person versucht, das erwartete Verhalten beim anderen zu bewirken. Entweder übt sie unmittelbaren Druck aus oder sie verhält sich so, dass ihr Verhalten genau jene Gefühle und Impulse im anderen auslöst, die das erwartete Verhalten anstoßen.

Nicht immer handelt es sich beim erwarteten Verhalten um positive Zuwendung. Auch der Impuls, sich zu kritisieren, zu verachten oder herabzusetzen, kann bei sich selbst verleugnet, dem Gegenüber zugeordnet und schließlich durch ein entsprechendes Verhalten provoziert werden.

2.15.1. Projektive Des-Identifikation
Wer sich von einem Teil seiner selbst des-identifiziert, beschreibt ein innerseelisches Ereignis als Resultat äußerer Umstände. Er definiert sich als Objekt, dessen Sosein fremdbestimmt ist.
Verantwortung für eigenes Leid ist der innerseelische Aspekt, der am häufigsten der projektiven Des-Identifikation zum Opfer fällt. Wer die volle Verantwortung für sein emotionales Erleben von sich weist, entlastet sich für den Augenblick. Er verbaut sich aber den Weg zu befreiendem Handeln.

Projektive Des-Identifikation ist ein Abwehrmechanismus, der meist nicht als solcher erkannt wird. Er gehört zur normalen Psychodynamik; wobei normal wohlgemerkt nicht dasselbe wie gesund bedeutet. Er wird von den meisten Menschen als inhaltlich stimmige Deutung interaktiver Prozesse hingenommen.

Projektive Des-Identifikation und Projektive Identifikation gehen fließend ineinander über. Trotzdem sind es zwei psychische Manöver, die sich voneinander unterscheiden. Die Unterscheidung verbessert das Verständnis dessen, was bei vielen Konflikten vor sich geht.

Während bei der Projektiven Identifikation eine Ich-Funktion des Anderen für eigene psychische Belange vereinnahmt wird, kommt es bei der Des-Identifikation zu einem gegenläufigen Vorgang: Die Urheberschaft eines eigenen innerseelischen Vorgangs wird dem Anderen zugeordnet.

Ein Beispiel macht den Vorgang deutlich:

Klarheit oder Verstrickung

Die Ich-Grenze ist...
Klar oder Verwischt
Meine Frau ist fremd gegangen. Dafür ist sie verantwortlich. Wut und Eifersucht sind aber meine Reaktion auf das Ereignis. Für meine Reaktionen bin ich selbst verantwortlich. Meine Frau ist fremd gegangen. Sie hat mich dadurch wütend gemacht. Sie ist also auch für meine Reaktion verantwortlich.


Zwei Aspekte einer alltäglichen...

Ich-Grenzen-Störung
Projektive Des-Identifikation und Projektive Identifikation
Meine Frau hat mich wütend gemacht, indem sie fremdging. Indem sie treu bleibt, erfüllt meine Frau ihre Verantwortung für mein Wohlergehen.
Sie ist die Urheberin meiner Wut. Wenn ich sie aus der Wut heraus schlage, bin ich nicht dafür verantwortlich, weil sie selbst die Wut verursacht hat. Wenn sie fremdgeht, erfüllt sie ihre Aufgabe nicht.


Die Verantwortung für Gefühl und Tat verschiebe ich durch Projektion auf mein Gegenüber. Ich des-identifiziere mich von der Urheberschaft meiner eigenen Reaktion. Das Gegenüber wird für eine Ich-Funktion vereinnahmt. Ich identifiziere einen Teil des Anderen als einen Teil meiner selbst.
Einen Teil meiner selbst ordne ich dem Anderen zu. Einen Teil des Anderen ordne ich mir selbst zu.

Die Abgabe der Verantwortung für eigene Gefühle und Impulse durch Des-Identifikation von der Rolle als Verursacher und Zuschreibung der Urheberschaft an Andere oder "missliche" Umstände ist in der Normalpsychologie verbreitet. Viele stimmen Roman spontan zu, wenn er Simone für seine Eifersucht verantwortlich macht. Tatsächlich ist es aber er, der bewusst oder unbewusst über seine Reaktionen entscheidet.

Herausbeweger II

Emotionen sind Herausbeweger. Wir setzen sie ein, um die Wirklichkeit aus unangenehmen Zuständen heraus in angenehme hinüber zu bewegen.

Wir sprechen von emotionalen Reaktionen. Nur selten ist uns dabei klar, dass eine Aktion kein passives Bestimmtsein, sondern selbst dann eine eigenverantwortliche Handlung ist, wenn sie auf Ereignisse re-agiert.

Nur wenn es die Zielsetzung von Simones Untreue gewesen ist, Roman eifersüchtig zu machen, ist sie tatsächlich die Urheberin seiner Eifersucht. Wollte sie sich aber bloß ein heimliches Schäfer­stündchen mit Bernd gönnen, liegt die entscheidende Urheberschaft der Eifersucht nicht in ihrem Verhalten, sondern in Romans Verlustangst und seiner Erwartung, dass Simone treu zu sein hat.

Seine Wut ist dann kein Schaden, der ihn passiv von außen trifft, sondern ein Werkzeug, das er einsetzt, um zukünftig Simones Treue zu erzwingen.

Ein zweites Beispiel verdeutlicht einen weiteren Aspekt des Abwehrmusters: Die egozentrische Struktur des Weltbilds.

Nein, die Schnecken im Beet machen mich nicht ärgerlich. Was die Schnecken tat­sächlich machen, ist Erdbeeren zu fressen. Die Ursache meines Ärgers liegt in mir selbst. Es ist mein Anspruch, dass die Natur mir ihre Früchte zur Verfügung stellt, ohne dass ich dafür Steuern an sie zahlen muss.

Zuordnung von Urheberschaft und egozentrisches Weltbild

Die Schnecken sind nicht für meinen Ärger verantwortlich; weil es keine Zielsetzung der Schnecken ist, mich zu ärgern. Im Gegenteil, wahrscheinlich wäre es ihnen lieber, wenn ich über ihre Besuche erfreut wäre.

Ich sage: Die Schnecken machen mich ärgerlich; obwohl sie nichts anderes tun, als sich zu ernähren. Das belegt, wie egozentrisch mein Weltbild ist. Ich deute Ereignisse um mich herum als auf mich ausgerichtet, obwohl sie auf meine Existenz nicht angewiesen sind.

Was bezwecke ich mit der Emotion, die ich erlebe?

Die Übernahme der Verantwortung für die eigenen seelischen Prozesse ist unver­zichtbarer Baustein eines selbstbestimmten Lebens. Wer seine emotionalen Reaktionen konsequent als selbstbestimmtes Handeln deutet, kann sich von einer Menge "Fremd­bestimmtheit" lösen. Er verbessert die Chance, dass er aus der Verstrickung heraus geboren wird.

Projektive Abwehrmuster im Überblick

Name Extern zugeordnet wird... Beispiel
Projektion ein Gefühl, ein Impuls oder eine Eigenschaft Ich bin nicht neidisch. Du bist es.
Projektive Identifikation die Zuständigkeit für die Erfüllung eines Bedürfnisses Die anderen müssen mich loben, damit ich mich wertvoll fühle.
Projektive Des-Identifikation die Urheberschaft für ein unangenehmes Gefühl oder ein Unvermögen Meine Eltern sind schuld an meiner Schüchternheit.

2.16. Rationalisierung

Bei der Rationalisierung werden Handlungsweisen, die von unbewussten Impulsen angestoßen wurden, nachträglich rational erklärt. Der Rationalisierer gaukelt sich selbst und anderen vor, vernunftgemäßer zu handeln, als er es tatsächlich tut. Dadurch stabilisiert er sein Selbstwertgefühl.

Klingt harmlos - kann übel enden

Es ist nicht so, dass man Rationalisierungen verwendet, weil man ein Freund der Vernunft wäre. Im Gegenteil: Zumeist benutzt man sie nicht der Vernunft zuliebe, sondern um ein besseres Licht auf sich zu werfen. Wohl jeder hat schon rationalisiert. Sobald man etwas getan hat, was nicht klug war, oder gar unrecht, setzt das Hirn ein, um solange gute Gründe zu suchen, die die Schuld abmildern oder die Dummheit klug erscheinen lassen, bis die passenden Argumente gefunden sind.

Wenn man es nicht übertreibt, betrachtet das Leben den Missbrauch des Verstandes, den man beim Rationalisieren begeht, als Kavaliers­delikt; und belässt es bei kleineren Strafen. Millionen unglücklicher Menschen bevölkern jedoch die Erde, die ihren Verstand so umfassend missbrauchen, dass ihr Leben schwer belastet wird.

Wer seinen Verstand missbraucht, um das Eingeständnis seiner Schwächen zu vermeiden, macht aus vielen kleinen Schwächen eine große Schwachheit.

Auch wenn der Begriff Rationalisierung harmlos, ja fast schon positiv klingt, kann sie zerstörerisch sein; denn nur wer seine Fehler nicht schönredet, hat die Chance aus ihnen zu lernen. Wer im Nachhinein stets gute Gründe findet, die ihm Gefälligkeitsdienste leisten, den führen seine Gründe in den Abgrund.

Ein folgenreiches Anwendungsgebiet der Rationalisierung ist die Politik. Ich bin etwas Besonderes. Ich kann etwas lenken. Ich schreibe anderen etwas vor. Ich habe Macht. Das sind vier Vorstellungsbilder, die im Bündel auftreten und viele derart verlocken, dass sie den Weg in die Parteipolitik wählen. Angekommen an den Hebeln der Macht, setzen sie diese in Bewegung. Am laufenden Band werden Gesetze und Vorschriften erlassen. Und das alles aus gutem Grund!

Hat man aber jemals von einem Gesetzgeber das Eingeständnis gehört, die Vorschrift, die er anderen macht, sei nicht rational begründet, sondern befriedige das Bedürfnis des Vorschriftenmachers, sich durch das Erlebnis der Bevormundung anderer aufgewertet zu fühlen? Hat man nicht! Nach unbestätigten Expertenschätzungen dienen 2/3 aller Gesetzestexte aber genau diesem Zweck. Würde das Rationalisieren in der Politik beendet, könnten die Politiker sich zum größten Teil wegrationalisieren. Ein riesiges Potential an Arbeitskräften käme auf die Altenpflege zu.

2.17. Reaktionsbildung

Bei der Reaktionsbildung wird ein Impuls, den man fürchtet, durch gegenläufiges Verhalten überdeckt.

Wie bei anderen Abwehrmechanismen gibt es auch hier fließende Übergänge zwischen bewusster Absicht und automatisierter Gewohnheit. Wenn man Impulse beharrlich durch ihr Gegenteil überdeckt, verdrängt man sie ins Unbewusste. Der Freundliche weiß nichts mehr von seiner Wut, der Kühle nichts mehr von seiner Lust und der Fromme nichts mehr von seiner Bosheit.

2.18. Rechtfertigung
Meist ist es besser, Angst zu erleben, als sich darum zu bemühen, dass sie weggeht.

Falls eine Entscheidung unwieder­bringlich getroffen ist, begrüßen Sie die Angst, die sie mit sich bringt, statt ihr den Zutritt zu verwehren, weil sie angeblich nicht rechtens ist.

Ein mühsamer Abwehrmechanismus ist die Rechtfertigung. Oft hat sie rationalisierende Muster im Marschgepäck.

Durch Rechtfertigung kämpft man gegen Zweifel an Entscheidungen und die Angst, dass eine Entscheidung schmerzhafte Konsequenzen hat. Statt Zweifel und Angst durch rechtfertigende Gedankenketten abzuwehren, könnte man sie als Preis der Freiheit ohne wenn und aber akzeptieren.

Durch Rechtfertigung versucht man sich der Verantwortung für eigene Taten zu entziehen. Wenn es nämlich nur eine richtige Entscheidung gäbe, trüge man keine Verantwortung, wenn man sie wählt; denn dann hätte Jennifer kein Recht dazu, Juliane überhaupt böse zu sein und Juliane könnte beruhigt einschlafen. Tatsächlich ist es aber so, dass es zwei richtige Möglichkeiten gibt: auf Dennis aufzupassen oder es nicht zu tun. Im besagten Fall ist es nicht möglich, objektiv zu entscheiden, was richtiger wäre.

Anders liegt der Fall, wenn ich den Elektroherd eines Freundes ans Stromnetz anschließe. Da gibt es nur eine richtige Möglichkeit. Wähle ich sie, trage ich keine Verantwortung, wenn es hinterher nicht klappt.

2.19. Regression

Regressive Muster

Unter Regression (lateinisch: re-gredi = zurückgehen) versteht man den Rückgriff auf kindliche Verhaltensmuster. Dazu gehören grundsätzlich alle Verhaltensweisen, die es erlauben, von der Frontlinie des zweckgerichteten Handelns zurückzutreten und sich zweckfreien Daseinsformen hinzugeben.

Zum gesunden Leben gehört ein Wechselspiel zwischen lösungs­orientierter Progression und zweckfreier Regression. Erst wenn man ausschließlich regressive Muster nutzt und der Frontlinie damit zum eigenen Schaden beharrlich ausweicht, wird Regression problematisch.

Problematisch ist aber auch, wenn man nicht genügend regrediert; zum Beispiel aus mangelndem Grundvertrauen in den Gang der Dinge oder weil man die eigene Person zu wichtig nimmt. Wenn ich nicht ständig aufpasse und alles selbst mache, kann es nur schief gehen. So sehen es viele.

Das kann zur Überaktivierung des Organismus und psychosomatischen Erkrankungen führen. Zu nennen sind Bluthochdruck, Verspannungen der Rücken- und Halsmuskulatur sowie Spannungskopfschmerzen.

Aktivismus / Hyperaktivität

Ein Gegenpol der Regression ist übersteigerte Aktivität. Im psychiatrischen Sprach­gebrauch gilt sie nicht als Abwehrmechanismus. Es ist aber sinnvoll, sie als solchen zu erkennen; vor allem, weil der Zeitgeist ihr mit wachsender Blindheit verfällt. Es wird reguliert, umstrukturiert, vermehrt, gesteigert und verbessert. Wir können dabei sicher sein, dass ein guter Teil der Umtriebig­keit psychologischen Abwehr­zwecken dient. Die Angst, Wesentliches zu verpassen, führt dazu, dass das Ego im Stillstand nur Rückschritt sieht.

2.19.1. Abtretung des Aggressionsausdrucks

Eine Spielart regressiver Muster ist die Abtretung des Aggressionsausdrucks. Der regressive Partner verzichtet darauf, mit defensiver oder offensiver Aggressivität zu handeln. Derlei Aufgaben überlässt er einem geeigneten Partner.

2.19.2. Intellektuelle Regression
Probleme?
Was denn für Probleme?

Probleme, die man nicht zur Kenntnis nimmt, können auch keine Sorgen machen.

Als intellektuelle Regression kann ein Phänomen bezeichnet werden, das besonders dort auftritt, wo Argumente der Vertretung wirtschaftlicher oder politischer Interessen dienen. Obwohl die Meinungsvertreter im klinischen Sinne nicht als minderbegabt einzustufen sind, regredieren sie bei der Einschätzung komplexer Sachverhalte auf ein altersinadäquates Reflektionsniveau. Selbst Zusammenhänge, die eigentlich mühelos zu erkennen sind, nehmen sie nicht zur Kenntnis, sobald sie ihren Sichtweisen widersprechen.

Der Vorgang ist als Abwehrmechanismus zu bezeichnen, wenn das Weltbild, das der regressiven Vereinfachung entspringt, der kognitiven Abschirmung gegen beunruhigende Aspekte der Wirklichkeit dient. Er ist gehäuft in Politik und Journalismus zu beobachten, außerdem dort, wo komplexes Denken erwünschte Entscheidungen in Frage stellen könnte. Die intellektuelle Regression kann als Werkzeug der Verleugnung betrachtet werden.

2.19.3. Ideologisierung des Weltbilds
Wirklichkeit, was störst du mich?

Ich bau mir meine Welt...

... wie sie mir gefällt. So singt fröhlich Pippi Langstrumpf. Während es kaum Schwierigkeiten macht, die Fensterläden einer Villa Kunterbunt lila zu streichen, damit die Welt so wird, wie man sie haben will, leistet die Wirklichkeit als Ganzes kindlich vereinfachten Umbauplänen aber so viel Widerstand, dass der Idealismus der Kindsköpfe nur selten Ideales, umso öfter aber Katastrophen nach sich zieht.

Ein weiterer Abwehrmechanismus, der nur selten als solcher eingestuft wird, ist die Ideologisierung des Weltbilds. Wer seine Heimat und Hoffnung im vereinfachten Vorstellungshorizont einer geschlossenen Weltanschauung gefunden hat, neigt dazu, das heimatliche Dorf im Kopf zu idealisieren und es, da Ideales keiner Verbesserung bedarf, gegen fremde Ideen und Einflüsse abzuschirmen.

Die Ideologisierung des Weltbilds kann als weitere Variante der Regression eingestuft werden, obwohl ihre Anwender in einem zweiten Schritt aus ihren jeweiligen Weltanschauungen heraus hochgradig progressiv oder gar fremdgefährdend handeln können. Zwischen der Ideologisierung und der intellektuellen Regression bestehen enge Verbindungen. Falls nicht von vornherein eine Fixierung auf kindlich naive Vorstellungswelten besteht, kommt es sekundär zu einem regressiven Rückzug auf einfache Muster. Für Ideologisierungen des Weltbilds sind junge Menschen besonders anfällig, falls sie beim Übergang ins Erwachsenenleben durch dessen Herausforderungen und Vieldeutigkeiten verunsichert werden. Aber auch hier gilt: Alter schützt vor Torheit nicht.

2.20. Somatisierung

Zwischen Somatisierung und Konversion gibt es Parallelen. Bei beiden Mustern werden psychische Inhalte nicht bewusst wahrgenommen. Stattdessen wirken sie sich auf körperlicher Ebene (griech.: soma [σωμα] = Körper) aus. Während man den Ausdruck seelischer Konflikte über das motorische, sensible und sensorische Nervensystem als Konversion bezeichnet, wird der entsprechende Ausdruck über das vegetative Nervensystem Somatisierung genannt.

Resultat solcher Somatisierungen sind funktionelle Symptomenkomplexe, die sich um einzelne Organsysteme gruppieren. Zu den klassischen Symptomenkomplexen, als deren Ursache man Somatisierungen vermutet, gehören:

2.21. Spaltung

Spaltung ist ein früher Mechanismus im Umgang mit der Welt. Der Säugling unterteilt die Wirklichkeit in ein grobes Raster: gut oder schlecht bzw. böse.

Das Raster passt in ein liebevolles Elternhaus. Milch und Liebe akzeptiert das Kind bedenkenlos, gegen Hunger, volle Windeln und elterliches Desinteresse schreit es an.

Im Laufe der Entwicklung erkennt das Kind, dass vieles nicht entweder gut oder schlecht ist, sondern beide Facetten in sich trägt; je nach der Perspektive, aus der man es betrachtet. Es erkennt, dass manches gut sein kann, obwohl es zunächst schmerzt oder Mühe macht: zum Beispiel laufen zu lernen oder Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Und es erkennt, dass manches durchwachsen ist, was zunächst als ungetrübt gut erschien. Das gilt besonders für komplexe Aspekte der Realität, wie das eigene Ich, andere Personen oder gesellschaftliche Verhältnisse.

Bekommt das Kind genug Zuwendung, entwickelt es den Mut, Hindernisse anzugehen und sich Zwiespältigem zu stellen. Bekommt es zu wenig, ist die Gefahr groß, dass es eine von zwei pathogenen Haltungen entwickelt:

  1. Es wartet ängstlich ab ob das eindeutig Gute, das es passiv absorbieren kann, nicht doch noch kommt.
  2. Oder es kämpft aus einem radikal gespaltenen Weltbild heraus kopflos gegen das, was vermeintlich nur böse ist.

So wird der Reifungsschritt von passiver Erwartung und polarisierender Spaltung zu Tatkraft und differenzierter Wahrnehmung behindert. Der Lebensweg wird durch die Beibehaltung von Spaltungen als Organisations­prinzip des Weltbilds erheblich erschwert. Es kommt zu...

2.22. Sublimation

Sublimation (lat: sublimare = in die Höhe heben, veredeln) gilt als der reifste Abwehrmechanismus. Ihm ist laut Freud die Kultur zu verdanken. Impulse, die an Hindernissen scheitern, werden nicht bloß verdrängt, sondern zur Erlangung von Höherwertigem genutzt.

Sublimiert werden meist sexuelle oder aggressive Impulse, deren Umsetzung gefährlich werden könnte. Obwohl Sublimation ein kreativer Weg im Umgang mit frustrierten Bedürfnissen ist, kann auch sie krank machen...

Wenn es stimmt, was sich die Nachwelt darüber erzählt, war die Ehe von Constanze und Wolfgang Amadeus Mozart äußerst sinnenfroh: Ein schöner Beleg dafür, dass die Kultur nicht zwingend auf die Enttäuschung jener Triebe angewiesen ist, die die Natur dem Menschen in die Wiege legte, als der Begriff Sublimation noch kein Kulturgut war.

So stimmt es zwar, dass Kulturschaffende oft unglücklich sind, weil ihnen die Erfüllung ursprünglicher Wünsche misslingt, Freud war jedoch zu pessimistisch. Wenn Rüdiger den Mut hat, Adelheid zu rauben, kann er durchaus ein Liebhaber sein, der Adelheid nicht nur durch Tatkraft beglückt, sondern das Glück nach geglückter Erfüllung im Lied besingt.

2.23. Ungeschehenmachen

Das Ungeschehenmachen kommt gehäuft bei Zwangsstörungen vor. Es ist aber auch im Rahmen der Normalpsychologie verbreitet. Grundmotiv des Ungeschehenmachens sind moralische oder ethische Bedenken und die Furcht, durch ein bestimmtes Handeln, Denken oder Fühlen das eigene oder das Wohl anderer gefährdet zu haben. Um die Gefahr zu bannen, wird ihr durch ein Sühne-, Vermeidungs- oder Reinigungs­verhalten begegnet. Dabei handelt es sich entweder um beliebige Rituale oder um ein Verhalten, das Schuld tatsächlich ausgleicht.

Eng verwandt mit dem Ungeschehenmachen sind Zwangshandlungen sowie Vermeidungs- oder Reinigungsrituale, deren Ziel es nicht ist, bereits entstandene Schuld wiedergutzumachen, sondern künftigen Schaden zu verhindern. Der befürchtete Schaden kann dabei von eigener Schuld als auch von äußeren Gefahren ausgehen.

Magisches Denken
Magisches Denken beruht auf der archaischen Vorstellung, dass Vorstellung und Wirklichkeit so miteinander verwoben sind, dass Vorstellungen unmittelbar auf die äußere Wirklichkeit einwirken. Das Ritual ist eine Symbolhandlung, die auf magischem Denken aufbaut. Wer die Wirklichkeit durch Rituale zu beeinflussen versucht, glaubt die Macht seiner Vorstellungen zu erhöhen, indem er seine Wünsche symbolisch ausagiert.

Erfolgt das Ungeschehenmachen durch bloße Rituale, sind damit oft magische Vorstel­lungen verbunden. Zur Tragik schwerer Zwangsstörungen gehört jedoch, dass der Glaube an die magische Macht des Rituals nicht lange anhält. Dann kommt die Schuldangst wieder hoch und das Ritual muss immer wieder ausgeführt werden.

2.24. Verdrängung
Alltägliche Anwendungsgebiete
Verdrängung kommt keineswegs nur bei psychi­schen Erkrankungen vor. Vielmehr durchsetzt sie den Alltag aller und es ist oft kaum zu entschei­den, was als Abwehr zu bezeichnen ist und was als legitime Wahl zwischen Möglichkeiten. Dass man wählen muss, ist unbestreitbar. Eigentlich wollte ich die Fenster putzen. Doch dann lud das Wetter zum Spaziergang ein und der Vorsatz verschwand in der Versenkung. Dass man beim Wählen Angenehmes vorzieht, liegt nahe. Wie oft muss man sich aber zum Spaziergang entschei­den, bis aus den Entscheidungen Verdrängung wird?

Verdrängung ist ein psychodynamisches Phänomen, das unerwünschte Inhalte aus dem Bewusstsein ausblendet oder eigentlich bewusstseinsfähige Gedächtnisinhalte daran hindert, wieder erinnert zu werden.

Sprachgeschichtlich gehört der Begriff Verdrängung zum Verb (ein)-dringen, das seinerseits der Wurzelform ter[ə] = drehen, bohren entspringt. Praktisch vollzogen wird die Verdrängung, indem man sich solange Angenehmem zuwendet bis das Unangenehme im Bewusstsein keinen Platz mehr hat.

Drei Varianten des Gedächtnisverlusts

Variante Grundmuster Einordnung Selektivität
Banales Vergessen Löschung von Gedächtnisinhalten wegen fehlender Bedeutung physiologisch
sinnvolle Ökonomie der Gedächtnisfunktion
gemäß aktueller Relevanz
Verdrängung motiviertes Ausblenden von Inhalten zwecks Vermeidung unangenehmer Erlebnisweisen psychodynamisch
Steuerung von Selbstbild und Befinden
gemäß Vorliebe und Abneigung
Amnesie Gedächtnisverlust aufgrund organischer Veränderungen des Zentralnervensystems, betrifft vorwiegend Inhalte des Kurzzeitgedächtnisses organpathologisch
rein defizitär
z.B.: demenziell, nach Hirntrauma oder Alkoholexzess
keine

Verdrängt werden nicht nur einzelne Inhalte, sondern komplette Strebungen oder Impulse. So neigen Menschen mit depressiv strukturierten Persönlichkeitsmustern dazu, Impulse autonomer Selbstbehauptung zu verdrängen, da sie ihren altruistischen Dienst an den Bedürfnissen anderer gefährden.

Ich will wirklich keine Hähnchenkeule. Ein Scheibchen Knäckebrot ist für mich mehr als genug.

Vom Annehmen und Ablehnen des Unangenehmen

Eine Eigenschaft teilt alles Verdrängte: Sich seiner bewusst zu sein, ist unangenehm. Fragt man daher, wie Verdrängung zu Stande kommt und warum die einen es häufig tun und andere nur selten, erkennt man, dass Verdrängung mit Sichtweisen auf das Leben zusammenhängt. Wer glaubt, man komme am besten durchs Leben, indem man Unangenehmes vermeidet, wird es bereitwillig verdrängen. Wer glaubt, es sei besser, sich Unangenehmem zu stellen, verdrängt es nicht.

Genauso verdrängt der Depressive, dass seine Dienstbereit­schaft auch egoistischen, also "bösen" Zielen dienen könnte: sich nämlich beliebt zu machen und daraus Vorteile zu zie­hen. Eigentlich ist der Dienst des Depressiven daher pseudo-altruistisch. Er dient nur beiläufig den Interessen anderer; oder gar nicht. Tatsächlich dient er der Verdrängung jenes Persönlichkeitspotenzials, durch das sich der Depressive unbeliebt machen könnte.

Der Verdrängung zum Opfer fallen aber nicht nur Impulse autonomer Selbstbehauptung, sondern auch Bedürfnisse nach Zugehörigkeit; zum Beispiel in der Manie sowie bei narzisstischen oder paranoiden Persönlichkeitsstörungen.

Verdrängung oder Dissoziation

Sobald psychologische Begriffe das Licht der Welt erblicken, wird darum gefochten, wie sie zu definieren sind. Das gilt auch für Abwehrmechanismen.

Das gemeinsame Resultat von Verdrängung und Dissoziation ist die Ausblen­dung potenzieller Bewusstseinsinhalte aus dem Bewusstseinsfeld. Obwohl das Resultat sehr ähnlich ist, macht eine Unterscheidung Sinn. Hier wird folgende vorgeschlagen:

Zu vermuten ist, dass die dissoziative Ausblendung eher zum Zuge kommt, wenn der potenzielle Bewusstseinsinhalt für das bisherige Selbstbild beson­ders bedrohlich erscheint; zum Beispiel bei wuchtigen seelischen Traumata. Während Verdrängung schleichend unbewusst zustande kommt oder bewusst betrieben wird, z.B. durch mutwilliges Ignorieren von Fakten oder gezielte Ablenkung vom unerwünschten Thema, entsteht Dissoziation reflexartig unbewusst.

Therapeutisch kann den pathologischen Folgen beider Mechanismen abge­holfen werden, indem man die ausgeblendeten Inhalte ins Bewusstsein zurück­führt.


Ein Kriterium bedarf der Erwähnung: Unangenehme Inhalte aus dem Bewusstsein auszublenden, ist kein grundsätzlich pathogenes Abwehrmanöver. Es gibt so viel Unerfreuliches auf der Welt. Sich ständig damit zu befassen, macht keinen Sinn. Unangenehmes auszublenden, auf das man keinen Einfluss hat, ist vielmehr Voraussetzung dafür, sich Dingen zuwenden zu können, die man beeinflussen kann. Nur Inhalte, auf die man kreativ reagieren müsste, um Nachteile zu vermeiden, werden daher im psychiatrisch definierten Wortsinn verdrängt.

2.25. Verleugnung

Unterschiede

Ein verleugneter Inhalt ist bewusstseinsnah.

Ein verdrängter Inhalt ist dem Bewusstsein entfallen, kann aber bewusst gemacht werden.

Ein vergessener Inhalt ist auf Dauer verloren.

Bei der Verleugnung werden Tatsachen oder deren Bedeutung bei der Konstruktion eigener Sichtweisen ignoriert. Oder sie werden bei der Kommunikation mit dem Umfeld nicht eingestanden. Dabei kann es sich um persönliches Erleben oder um sachliche Zusammenhänge handeln, deren Eingeständnis das persönliche Erleben in unerwünschter Weise zu verändern droht.

Verharmlosung

Wo von Verdrängung und Verleugnung die Rede ist, fällt der Begriff Verharm­losung ein: zu Recht. Harm ist der altgermanische Begriff für Kummer und Qual. Er wird auf die indogermaniche Wurzel kormo-s = Qual, Schmach, Schande zurückgeführt und ist mit dem persischen scharm [شرم] = Scham verwandt. Verharmlosung verkleinert Aspekte der Wirklichkeit, die zu Kummer, Scham oder Schande Anlass geben könnten. Sie bedient daher das Kernmotiv aller Abwehrmechanismen und kommt in sämtlichen Lebensbereichen zur Anwendung:

2.26. Verschiebung

Verschiebung ist ein weiteres Werkzeug der Psyche. Meist dient sie dazu, zwiespältig erlebte Beziehungen zu sichern. Gefühle, Impulse und Phantasien, die die Beziehung gefährden könnten, werden nicht mehr der Beziehung zugeordnet, sondern auf ungefährliche Bereiche verschoben.

Verschiebung und Phobie

Verschiebung kommt auch bei der Entstehung von Phobien vor.

Um den Zusammenhalt zu festigen, werden Aggressionen zwischen Mitgliedern einer Interessensgruppe oft auf äußere Feinde verschoben. Der Gruppenfremde wird zum phobischen Objekt, gegen den sich aller Widerwille richtet. Dieser Mechanismus wirkt vor allem bei ideologischen Gruppierungen. Je eindeutiger eine Gruppierung ihre Mitglieder auf eine Sichtweise verpflichtet, desto feindseliger wird sie sich nach außen verhalten.

Grundregel

Wenn es ihm Nutzen verspricht, geht der seelisch Gesunde auf das, was er fürchtet, zu. Er nimmt Angst in Kauf und überwindet sie. Bei ihm bleibt die Abwehr konstruktiv. Er nutzt die Werkzeuge um sich kontrolliert weiterzuentwickeln.

Der seelisch Kranke flieht vor dem, was er fürchtet. Er will Angst vermeiden. Seine Abwehr wird übermäßig defensiv. Weil er zurückweicht, spürt er den Impuls des Lebens in seinem Inneren als Gefahr. Um sich vor sich selbst zu schützen, versteift er sich noch mehr.

3. Abwehr oder Symptom

Drei psychische Erlebnisweisen werden in der Regel als Symptome aufgefasst: Depression, Zwang und Wahn. Entspringt ihr Auftreten keiner körperlichen Ursache, deutet man sie als Folgeerscheinungen einer misslungenen psychischen Dynamik. Dann können sie als komplexe Abwehrmechanismen verstanden werden, die nicht nur Endpunkte einer Ereigniskette sind, sondern ihrerseits Werkzeuge des Ego, um gefürchtete Aspekte der Wirklichkeit aus dem Bewusstsein zu entfernen.

Depression

Depressive Gefühle erleben wir meist aus der Sicht eines Opfers. Man sagt: Ich bin deprimiert (von lateinisch deprimere = niederdrücken). Tatsächlich ist das Niederdrücken aber eine Tätigkeit der Psyche. Deprimiert zu sein erfüllt eine Funktion, die man zwar unbewusst, aber trotzdem aktiv, ausführt. Man drückt unliebsame Impulse nieder, deren Auftauchen man noch mehr fürchtet als die Schwermut, die der Preis des Niederdrückens ist.

Zwang

Zwangshandlungen und Zwangsrituale dienen der Abwehr von Ängsten. Sie bieten, wenn auch nur flüchtig, Schutz vor der Erkenntnis, dass man niemals im Leben vollständig über sich selbst verfügt.

Wahn

Durch einen psychogenen Wahn wird die Wirklichkeit einer kosmetischen Operation unterzogen. Den Teil, den er partout nicht wahrhaben will, ersetzt der Wahnsinnige durch eine Deutung, die zu seinem Selbstbild passt.

4. Reife und unreife Abwehr

Der Gebrauch von Abwehrmechanismen ist an sich nicht krankhaft. Erst wenn man sich auf einige wenige Muster beschränkt oder hauptsächlich Muster benutzt, die einer unreifen psychologischen Entwicklungsstufe entsprechen, droht der Gebrauch der Abwehrmechanismen psychische Symptome hervorzurufen. Der stereotype Gebrauch bestimmter Muster deckt sich dann mit einer sogenannten Persönlichkeitsstörung.

Manche Abwehrmechanismen gelten als unreif, andere als reif. Eine genaue Aufteilung ist schwierig, weil der Wert eines Abwehrmechanismus auch von der Situation abhängt, in der er benutzt wird. Als reif gelten Sublimation und Antizipation (Situa­tionskontrolle durch vorausschauendes Handeln). Als grundsätzlich reif kann auch der Humor gelten, zumindest wenn er sich verletzender Abwertungen enthält.

Zu den unreifen Mustern zählen Regression, Spaltung, Projektion oder Projektive (Des)-Identifikation. Es gibt jedoch viele Momente, zu denen Regression besser passt als alle reifen Manöver.

5. Mystische Identifikation

Bei der mystischen Identifikation setzt die Person ihr Selbst mit der Wirklichkeit gleich. Dadurch lockert sie den Bezug zu ihrem Ego kategorisch. In der Folge sinkt das Bedürfnis, das Selbstbild durch Abwehr erkennbarer Bewusstseinsinhalte entgegen der Wirklichkeit zu stabilisieren.

Wer sich für einen Ausdruck von allem hält, wird sich weniger wehren.

Wer aus der Perspektive einer mystischen Identifi­kation heraus die Welt betrachtet, hat die grund­sätzliche Unterscheidung zwischen Ich und Nicht-Ich aufgegeben. Da Abwehrmechanismen Strategien des Ich sind, um Gefahren auszuweichen, die vom vermeintlichen Nicht-Ich ausgehen, kann man nach einer solchen Identifikation Gefühle und Impulse ebenso unbefangen wahrnehmen, wie alle anderen Aspekte der Realität.

Glaube

Identifikation mit dem Ganzen

Einsicht

Des-Identifikation von den Teilen

Aus dieser Position heraus ist ein Altruismus möglich, der nicht wie bei der altruistischen Abtretung auf einer Verleugnung egozentrischer Impulse beruht, sondern auf deren Integration in ein ganzheitliches Weltbild.

Von der Abwehr und ihrem Ende

Die mystische Identifikation kann entweder ein reifer Abwehrmecha­nismus sein, oder der Anfang vom Ende der Abwehr selbst. Sie ist Abwehrmechanismus, wenn die Identität des eigenen Wesenskerns und der Wirklichkeit nur ein gedankliches Konzept ist, an das man glaubt.

Sie läutet das Ende der Abwehr ein, wenn die Identität durch Introspektion eingesehen wird, sodass sich das Ich aus der Identifikation mit dem Ego löst und dem Leben in der Folge aus dem Selbst heraus begegnet. Der Weg dorthin ist die mystische Des-Identifikation aus der Gleichsetzung des Ich mit objektivierbaren Teilaspekten der Realität.

Der Übergang von der mystischen Identifikation, also dem Glauben, zur mystischen Des-Identifikation, also der Einsicht, wird im Regelfall nur durch beharrliche Selbsterkenntnis und konsequente Hinnahme entdeckter Inhalte vonstatten gehen.


* Die Heilige Schrift / Familienbibel / Altes und Neues Testament, Verlag des Borromäusvereins Bonn von 1966.