Soziale Phobie


  1. Symptome
  2. Kritische Situationen
  3. Ursachen und Auslöser
  4. Innerseelische Prozesse
    1. 4.1. Psychologischer Grundkonflikt
    2. 4.2. Impuls und Rollenspiel
    3. 4.3. Lawineneffekte
    4. 4.4. Schamabwehr
  5. Lösungsstrategien
    1. 5.1. Medikamentöse Behandlung
    2. 5.2. Psychologische Bewältigung
      1. 5.2.1. Einsichten
      2. 5.2.2. Umsetzung

Ein gefährliches Prinzip

Ich will nicht nur dazugehören. Ich will auch etwas gelten. Wenn ich in den Augen anderer nicht als das gelten kann, als das ich gelten will, weise ich mich selbst zurück. Dann gelte ich mir selbst nichts mehr.

Der Sozialphobiker ist mehr mit der Rolle beschäftigt, die er gerade spielt als mit der Sache, die das Rollenspiel begründet.

1. Symptome

Bei der Sozialen Phobie (ICD-10: F40.1, griechisch phobos [φοβος] = Furcht) vermeidet der Betroffene Begegnungen, bei denen zu fürch­ten ist, beurteilt und für unwert befunden zu werden. In der Folge verengt sich sein sozialer Horizont. Die internationale Klassifikation der Krankheiten benennt folgende Symptome:

Erythrophobie

Erythrophobie heißt Angst vor dem Erröten. Gelegentlich gehen sozialphobische Personen davon aus, dass das Kernproblem im Erröten liegt. Für sie ist die Angst eine Folge des Errötens und nicht das Erröten eine Folge der Angst. Manche beklagen sich über "hektische Flecke", die ihnen peinlich sind. Ob nun aber das Ei oder das Huhn eher da war, das Problem bleibt das gleiche.

2. Kritische Situationen

Sozialphobische Ängste werden durch Situationen ausgelöst, in denen der Betroffene in den Fokus der Aufmerksamkeit anderer gerät. In abgeschwächter Form ist die sozialphobische Angst vielen als Lampenfieber bekannt. Selbst Schauspieler, die schon tausendmal auf der Bühne standen, berichten, dass das Lampenfieber vor dem Auftritt nicht verschwunden ist.

Während es dem durchschnittlichen Menschen nur bei besonderen Belastungen mulmig wird, wenn er ungewohnterweise eine Rede halten soll oder bei einem Vorstellungs­gespräch, von dessen Ausgang viel für ihn abhängt, steigt die Anspannung beim Sozialphobiker bereits in Situationen, die ein anderer gelassen durchlebt. Darüber hinaus ist er nicht nur angespannt. Zuweilen steigert er sich in eine Angst, die seine Kommunikationsfähigkeit untergräbt. Typische Auslöser sind:

Startschuss

Sozialphobische Entwicklungen werden oft durch traumatisch erlebte Ereignisse angestoßen, in denen sich der Betroffene entweder wehrlos herabgesetzt sah, oder sein Zugriff auf eine hervorgehobene Rolle im sozialen Umfeld vor den Augen anderer durch eigenes Unvermögen scheiterte.

3. Ursachen und Auslöser

Die Ursachen und Auslöser sozialphobischer Ängste sind vielschichtig. Regelhaft liegt ein brüchiges Selbstwertgefühl vor, was den Betroffenen dazu verleitet, der Wertschätzung durch andere besondere Bedeutung beizumessen. Als Kehrseite des Bedürfnisses nach Bestätigung besteht folgerichtig eine überschießende Furcht vor Kritik und Missachtung.

Soziale Phobien kommen gehäuft bei sensiblen oder gar sensitiven Menschen vor, die in ihrer Kindheit wenig Zuspruch, Beachtung und Förderung erfuhren. Als sensitiv bezeichnet man die Neigung, Ereignisse übermäßig auf sich selbst zu beziehen. Aus dem erlebten Mangel entsteht jene Sehnsucht nach Bestätigung, die den Sozialphobiker das Gegenteil der Bestätigung - Missachtung und Blamage - überschießend fürchten lässt. Jede Lebenslage, in der Abwertung droht, wird zur Strapaze. Sie wird zu einer Prüfung auf Wert und Unwert, der der Phobiker entscheidende Bedeutung beimisst.

Am Beginn der phobischen Kettenreaktion haben viele Kranke Schlüsselerlebnisse durchlitten. Dazu gehören:

Unterschiede

Bestimmten Situationen gegenüber verhält sich der Sozialphobiker ängstlich-vermeidend. Trotzdem ist sein Problem von dem der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeit zu unterscheiden.

Der Ängstlich-vermeidende umschifft alles, was irgendwie gefährlich sein könnte. Dazu gehört eine Rede vor anderen ebenso wie das Besteigen des Matterhorns oder der Versuch, einen Ertrinkenden aus der Brandung zu retten.

Dem Sozialphobiker rutscht bei der Rede zwar das Herz in die Hose, in der Steilwand fürchtet er sich aber nicht mehr als die übrige Seilschaft. Und es kann gut sein, dass er eher als Gesunde in die Brandung springt und damit sein Leben riskiert. Als Held, der beim Rettungsversuch ertrinkt, wäre sein Ansehen endgültig gesichert und falls tatsächlich ein Umstehender seine Schwimmkünste bemängelt, müsste er das nicht mehr miterleben.

4. Innerseelische Prozesse

Die innerseelische Dynamik der phobischen Kettenreaktion lässt sich aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Aus jedem ergeben sich Einsichten in einen innerseelischen Vorgang, in den so mancher so lange verstrickt bleibt, bis er die Kette an geeigneter Stelle durchtrennt.

Grundregel

Je fremder das Gegenüber ist oder je vielköpfiger die Gruppe, desto größer die Gefahr, dass sich der Sozialphobiker in Ängste steigert. Je weniger er seinen Gesprächspartner kennt und je mehr Zuhörer es gibt, desto schlechter kann er einschätzen, wie groß das Risiko einer Blamage ist; und desto mehr setzt er sich unter Druck, um die drohende Schande abzuwenden; bis der Druck ihm die Luft zum Sprechen nimmt.


Bemerkenswert

Bemerkt zu werden bedeutet: Ich bin in der Obhut anderer. Es heißt aber zugleich: Ich riskiere, von ihnen als unwert aufge­fasst und ausgegrenzt zu werden. Bis zum Beweis, dass er als wertvoll empfunden wird, fürchtet der Sozialphobiker das, was er sich wünscht: bemerkt zu werden. Er wünscht es und fürchtet zugleich, dass es geschieht.

4.1. Psychologischer Grundkonflikt

Zum psychologischen Grundkonflikt gehören zwei konkurrierende Bedürfnisse:

  1. das Bedürfnis nach Zugehörigkeit
  2. das Bedürfnis nach Autonomie und Selbstbestimmung

Beim Sozialphobiker sind beide Bedürfnisse stark ausgeprägt. Geraten sie miteinander in Konflikt, entsteht eine hohe emotionale Spannung. Der Sozialphobiker legt großen Wert darauf, zugehörig zu sein. Die Zugehörigkeit möchte er aber keineswegs durch Unterordnung erreichen, sondern durch die Fähigkeit, dank eigenen Könnens und Vermögens im sozialem Ranggefüge eine selbstbestimmte Rolle zu spielen. Der Anspruch an sich selbst ist hoch. Er ist vom Ehrgeiz beseelt, in den Augen anderer als wertvoll und bemerkenswert zu gelten.

4.2. Impuls und Rollenspiel

Da der Sozialphobiker Wert darauf legt, als respektable Person zu gelten, überprüft er bei jeder Begegnung, ob die Rolle, die er gerade spielt, den Vorstellungen entspricht, die er von einem souveränen Rollenspiel hat. Statt beim Impuls zu bleiben, der seine Kontaktaufnahme begründet - zum Beispiel einen defekten Rasenmäher zurückzugeben - versetzt er sich im Geiste in die Augen seines Gegenübers und beurteilt von dort aus, ob die Art, wie er vorgeht, gut rüberkommt; oder ob er sich wie ein stammelnder Trottel anstellt, der nicht einmal einen Rasenmäher reklamieren kann, ohne sich dabei zu verhaspeln.

Da der Sozialphobiker seine Aufmerksamkeit nicht mehr ins eigentliche Thema bündelt, sondern einen Großteil davon abzwackt, um zugleich eines jeden Wortes Festigkeit zu prüfen, ist er nicht mehr auf die Sache konzentriert. Abgelenkt von dem, was er eigentlich sagen wollte, kommt seine Rede ins Stocken.

Statt Dinge zu tun, die er eigentlich kann, bemüht sich der Sozialphobiker so sehr darum, sein Können zu beweisen, dass er nicht mehr kann, was er mühelos könnte.

Bei einer schweren Phobie stockt bereits das Denken bevor das Sprechen überhaupt anfängt.

Damit ihm das rohe Ei nicht aus der Hand fällt, drückt der Phobiker so fest zu, dass die Schale platzt.
4.3. Lawineneffekte

Da die Rede des Phobikers ins Stocken gerät, rückt das eigentliche Thema immer mehr in den Hintergrund. Die Frage, wie er Angst und Unvermögen vor einem Zuhörer verbergen kann, der ihn wegen eines sichtbaren Mangels von oben herab zu betrachten droht, wird zum entscheidenden Motiv. Dazu mobilisiert er alle Kraft und ist schließlich so mit Energie geladen, dass ein Schweißausbruch den nächsten jagt.

Adrenalin

Bei Gefahr schüttet der Organismus Adrenalin aus. Das war schon beim Cro-Magnon-Menschen so. Adrenalin gibt dem Organismus einen energetischen Schub. Kurzzeitig wachsen die Kräfte über das Normale hinaus.

Adrenalin heißt Angriff oder Flucht. Man flüchtet vor dem Rhinozeros auf den nächsten Baum; oder man bohrt dem Drecksvieh sein eigenes Horn in den Leib. Aus Tierschutzgründen ist von der zweiten Variante abzuraten.

Für den Sozialphobiker ist der Verlust des Ansehens die größte Gefahr. Sich von einem Gegenüber verachtet zu fühlen, ist ihm unerträglich. Herablassen­des Mitleid wäre genauso schlimm. Das Adrenalin, das zwischenzeitlich in seiner Blutbahn kreist, schlägt ihm zur Lösung des Problems zwei Wege vor.

  1. sich der Entehrung durch Flucht zu entziehen
  2. die Zeugen der Entehrung durch Angriff aus der Welt zu schaffen

Bei den Herausforderungen des modernen Lebens sind solche Lösungen kaum praktikabel. Wer beim Referat fluchtartig den Raum verlässt, hat den Kampf um Rang und Rolle aufgegeben. Er wäre erst recht blamiert. Und die letzte Möglichkeit, Ehre legal mit Waffengewalt zu verteidigen, das Duell als ultima­tive Vollstreckung eines Ehrenhändels, ist seit Anfang des 19. Jahrhunderts aus der Mode geraten.

Je unbehaglicher der Phobiker die Adrenalinschwemme erlebt, desto mehr beeilt er sich, die unangenehme Situation zu überstehen. Das beschleunigt die Lawine weiter. Statt sein Anliegen gemächlich vorzutragen, spricht er extra schnell. Damit bezweckt er dreierlei:

Doch je schneller er wird, desto mehr verliert er mit staubtrockner Zunge den Faden.

4.4. Schamabwehr

Der Sozialphobiker wünscht sich Anerkennung. Genau die Situation, in der er anerkannt werden könnte, birgt aber auch das Risiko, dass er durch Unvermögen die ersehnte Anerkennung verspielt. Er möchte dadurch glänzen, dass er eine kluge Frage stellt. Was aber, wenn er sich beim Fragen so töricht benimmt, dass das Umfeld mit den Augen rollt? Das wäre eine Quelle tiefer Scham.

Selbst­zerstörerischer Rückzug

Krasse Sozialphobiker sind in der Lage, wegen einer einzigen Peinlichkeit Schule, Ausbildung oder Studium abzubrechen, die Arbeit aufzugeben oder sich aus einem Freundeskreis zurückzuziehen.

Scham ist ein germanisches Wort. Vieles deutet darauf hin, dass es davon spricht, sich zu verbergen. Zum Problem des Sozialphobikers gehört die Strenge mit sich selbst. Sich als unwert betrachtet zu fühlen, ist ihm das größte Gräuel. Er versucht daher, Scham als das dem entsprechende Gefühl, auf Gedeih und Verderb zu vermeiden.

Wenn der Sozialphobiker sich durch eine Fehlleistung blamiert fühlt, durchlebt er die Peinlichkeit nicht als bloße Erfahrung und macht danach wie gewohnt weiter. Vielmehr kann es sein, dass er sich dem Wortsinn der Scham entsprechend vor anderen verbirgt. Das kann zu einem radikalen Rückzug führen, der eine ganze Zukunftsplanung über Bord wirft. Je sensitiver der Sozialphobiker ist und je mehr er glaubt, seine soziale Einbindung im Falle einer Peinlichkeit zur Vermeidung des Schamgefühls aufgeben zu müssen, desto größer ist die Gefahr, in der er schwebt.

Liebeserklärungen

Einem Anderen erotisches Interesse zu offenbaren, ist für manchen eine Hürde, die ihn einsam macht. Auch das ist ein Ausdruck des sozialphobischen Themas. Auch hier wird Zurückweisung gefürchtet und schlimmer noch: Lächerlichkeit! Wenn dem Gegenüber ein Ja-Wort so abwegig erscheint, dass der Bekenner die Befremdung des Geliebten verkraften muss, ist die Gefahr groß, dass er sie als unerträgliche Entwertung auffasst. Millionenfach wurde gar nicht erst gewagt, das gefährliche Interesse zu bekennen.

5. Lösungsstrategien

Sozialphobische Ängste können medikamentös gemildert werden. Eine solche Behandlung ist symptomatisch. Eine grundsätzliche Lösung liegt darin, unverstandene innerseelische Motive einzusehen und geeignete Strategien zu entwickeln, bislang gefürchtete Situationen gelassen anzugehen. Sinnvoll kann eine Kombination beider Ansätze sein.

5.1. Medikamentöse Behandlung

Zur medikamentösen Behandlung der Sozialphobie kommen verschiedene Substanzen zum Einsatz:

Welches Medikament man wählt, hängt vom Ausmaß der Störung, der Behandlungs­dauer und der Häufigkeit ab, mit der man in phobisch erlebte Situationen gerät.

Antidepressiva

Bei ausgeprägten Störungen, die das tägliche Leben des Patienten überschatten, ist an eine Dauerbehandlung zu denken. Dazu geeignet sind Antidepressiva verschiedener Substanzgruppen.

Antidepressiva zur Behandlung der Sozialen Phobie

Substanz­gruppe Substan­zen Wirk­samkeit
SSRI Paroxetin
Sertralin
Fluoxetin
+
+
+
SSNRI Venlafaxin +
MAO-Hemmer Moclobemid +
TZA Clomipramin
Doxepin
(+)
(+)

Die Wirkung einer Behandlung mit Antidepressiva setzt erst nach Wochen ein. Da es keine Gewöhnungseffekte gibt, ist sie als Langzeittherapie geeignet.

Benzodiazepine

Gerät der Betroffene nur gelegentlich in sozialphobisch erlebte Situationen, kann auch eine punktuelle Behandlung in Erwägung gezogen werden; zum Beispiel wenn jemand im Alltag keine spürbaren Probleme hat, er aber von Fall zu Fall eine Rede halten oder ein Referat vortragen soll. Dabei kann man zu einem Tranquilizer greifen.

Rasch wirksam

  • Diazepam
  • Alprazolam
  • Lorazepam

Aber suchterzeugend!

Der Vorteil des Tranquilizers ist der rasche Wirkungseintritt. Ein Nachteil kann in begleitender Müdigkeit liegen, was bei geistigen Herausforderungen störend wirkt. Wegen der Suchtgefahr sollten Benzo­diazepine nur sporadisch eingenommen werden.

Beta-Blocker

Beta-Blocker sind keine Psychopharmaka. Daher nehmen sie nicht wirklich die sozialphobische Angst. Beta-Blocker sind Herz-Kreislauf-Mittel. Sie schwächen die Wirkung des Adrenalins im Körper ab.

Dieser Effekt wird zuweilen zur Dämpfung sozialphobischer Ängste benutzt. Eine Dämpfung der körperlichen Begleitsymptome der Adrenalinausschüttung (Herzrasen, Händezittern, Schweißausbrüche) kann für manchen Sozialphobiker ausreichen, die Strapaze einer gelegentlich freien Rede zu überstehen.

5.2. Psychologische Bewältigung

Die psychotherapeutische Bewältigung der Sozialen Phobie umfasst zwei Komponenten:

  1. neue Sichtweisen: den tiefenpsychologischen Einblick in die individuelle Psychodynamik
  2. neue Verhaltensweisen: die konkrete Vorgehensweise auf der Verhaltensebene
5.2.1. Einsichten

Meist erlebt der Angstgeplagte die Angst wie einen rätselhaften Fluch, den ihm ein böser Geist ans Bein gehext zu haben scheint. Wie soll man auch verstehen, dass das bloße Formulieren klarer Worte in der stillen Kammer klappt, es sich in Gegenwart anderer aber zum Problem auswächst. Nicht zu verstehen, was zu Stottern und zugeschnürter Kehle führt, ist eine Grundlage, auf der die Angst erst recht gedeiht.

Durch die Wahrnehmung der eigenen Motive, durch den Einblick in die vermeintliche Abhängigkeit des eigenen Wohls von der Bestätigung durch andere, wandelt sich der Fluch des bösen Geistes, der von außerhalb gefangen hält, in ein Sinngefüge, das durch seine erkennbare Folgerichtigkeit der Beeinflussung durch gezieltes Handeln zugänglich wird. Der Geplagte erkennt, dass eigentlich alles mit ihm in Ordnung ist, er bloß ein paar Sachen problemträchtig einschätzt und er sich für einen Gewinn unter Druck setzt, auf den er verzichten kann.

5.2.2. Umsetzung

Zur Umsetzung der Erkenntnis, dass nichts kaputt ist, sondern bloß der Blick auf die Wirklichkeit geändert werden muss, gehören konkrete Schritte. Verhaltensthera­peutisch sagt man, dass dysfunktionales Verhalten durch funktionales zu ersetzen ist.

Was Betroffene tun können