Opfern heißt loslassen. Loslassen heißt annehmen ohne festzuhalten.

Durch religiöse Opfergaben versucht der Mensch, die Bedingtheit seiner Existenz zu überwinden. Indem er opfert, gibt Bindung zu Dinglichem preis. Dabei darf er keinen Zweck verfolgen, der dem Erwerb von Dinglichem dient. Tut es das, dreht er sich im Kreis und hat sein Ziel verfehlt.

Die Welt der Dinge ist kein Sein. Sie ist Werden, Wandel und Vergehen. Nur was weder entsteht noch vergeht, ist im eigentlichen Sinne wirklich.

Haben ist ein Bezugsverhältnis zu Ding­lichem. Sein ist die Identität mit dem Un­bedingten.

Bindung an Bedingtes vereinzelt den Ver­einzelten. Ablösung von Bedingtem vereint ihn mit allem.

Wer das Heil im Dinglichen sucht, wird zu dessen Diener. Je mehr Besitz der Verleug­nung von Tatsachen dient, desto mehr wird man von ihm besessen.

Man kann ein Objekt opfern, das man be­sitzt oder eine Idee von der man besessen wird. Das eine ist heidnisch, das andere mystisch.

Opfer


  1. Begriffsbestimmung
  2. Existenzieller Rahmen
  3. Das Wesen des religiösen Opfers
  4. Psychologische Zusammenhänge

Das Opfer ist ein wesentliches Element der Religion. Das gilt für kon­fessionelle Glaubensformen ebenso wie für Mystik und Spiritualität. Wesen, Rolle und Funktion des Opferns unterscheiden sich je nach Religions­auffassung beträchtlich. Das konfessionelle Opfer versucht, Gott günstig zu stimmen, das mystische befreit aus dem Horizont der Persönlichkeit.

1. Begriffsbestimmung

Der Begriff Opfer geht auf das lateinische operari = werktätig sein, ar­beiten, sich abmühen, beschäftigt sein zurück. Althochdeutsch wurde daraus opfaron = Gott eine Opfergabe darbringen. Zur gleichen Wort­familie gehören lateinisch opera = Mühe, Arbeit sowie die Fremdwörter Opus und Operation. Bei der Operation wird krankes Gewebe geopfert um gesundes zu retten. Um Opus 55 zustande zu bringen hat Beethoven eine Menge Arbeit investiert. Das Werk fiel nicht vom Himmel. Beethoven musste sich die Mühe machen, es zu komponieren. Dafür hat er Zeit und Kraft geopfert.

Blickt man über das Lateinische hinweg in die Vergangenheit, stößt man auf die indoeuropäische Wurzel op- = arbeiten, verrichten, etwas zustande bringen. Von dort aus führt ein Weg zum deutschen Verb üben, abgeleitet von mittelhochdeutsch uoben = bebauen, hegen, ins Werk setzen. Wer übt, sitzt nicht nur faul herum und tut nichts. Übung ist Verzicht auf Müßiggang. Wer übt, gibt, um den Meister in sich freizusetzen. Es ist zwar noch kein Meister vom Himmel gefallen, aber durch Übung wurden Meister gemacht, die Werke vom Himmel holten. Meisterwerke werden durch Opfer erbracht.

Ein weiterer Weg führt vom op- zu optimal und Optimismus. Die Mühe des Meisters macht aus seinem Werk das Beste. Es wird optimal, was ihm Anlass gibt, optimistisch zu sein, dass er etwas Gutes vollbracht hat. Ziel aller Mühen und Opfer ist Optimie­rung. Wer nur mit dem Besten zufrieden sein kann, muss auf vieles verzichten. Wer zum Göttlichen will, muss Irdisches opfern.

2. Existenzieller Rahmen

Die etymologischen Ursprünge des Verbs opfern verweisen auf das Ziel, dem es dient. Durch das Opfer soll etwas erreicht werden. Beim religiösen Opfer geht es dabei nicht um irgendein Ziel, sondern um ein ganz besonderes, das mit keinem anderen vergleich­bar ist. Das Opfer soll zu einem Zustand führen, der dem Optimalen entspricht, das aus menschlicher Perspektive heraus angestrebt werden kann. Um das besondere Ziel zu erkennen, das das Anliegen des religiösen Opferns ist, gilt es zunächst, den existen­ziellen Rahmen des menschlichen Daseins zu betrachten.

Entropie
Das Dasein findet in einer physikalischen Wirklichkeit statt. Ein Grundgesetz dieser Wirklichkeit ist das der Entropie. Der Begriff setzt sich aus griechisch en (εν) = in und trope (τροπη) = Wendung, Umkehr, Wechsel, Sonnen­wende zusammen.

Das Gesetz beschreibt die Tatsache, dass die Summe aller Prozesse in einem phy­sikalischen System unumkehrbar zu mehr Unordnung führt. Das heißt: Dingliches hat die ihm inneliegende Neigung zu zerfallen. Zusammengesetzte Strukturen wenden sich von innen heraus, also ihrem Wesen gemäß, ihrer Auflösung entgegen. Im Ding gibt es keine dauerhafte Sicherheit. Kein Ding ist stabil. Im Ding gibt es Wandel, aber kein festes Sein. Das gilt auch für den menschlichen Körper.

Eigenschaften
Eine Eigenschaft ist etwas, was das Objekt in ein Sosein bindet. Durch die Eigenschaft wird es an seiner jeweiligen Position im Ganzen eingebun­den. Eigen geht auf ein gemeingermanisches Verb mit der Bedeutung haben, besitzen zurück. Eigen heißt eigentlich in Besitz genommen. Während Eigentum etwas von außen in Besitz Genommenes ist, entspricht einer Eigenschaft ein unmittel­bares, ihm selbst anhaftendes Besessensein, aus dem das Objekt nur entbunden werden kann, wenn es die Eigenschaft verliert oder aufgibt. Geben Objekte alle Eigenschaften auf, erscheint an ihrer Stelle das Subjekt. Was Eigenschaften hat, ist nicht aus dem Objekt entbunden.

Ganzheit
Die Ganzheit des Ganzen besteht nicht aus Teilen. Sie liegt im Potenzial, sich in Teilen auszudrücken. Ganzheit ist singulär. Sie ist die Möglichkeit all dessen, was verwirklicht werden kann. Sie ermöglicht es unterscheidbaren Teilen, aufeinander bezogen zu sein und entwirft daher ein Feld. Während Nicht-Singuläres stets eine spezifische Position im Feld einnimmt, ist im Singulären jeder Ort und jeder Zeitpunkt als Möglichkeit enthalten.

Entscheidungsfreiheit
Alles Aufgeteilte liegt in der Zeit. Es ist einem Jetzt gegenwärtig, das sich vom Dann und Da­mals unterscheidet. Die Zeit liegt im Unaufgeteil­ten. Dem Unaufgeteilten ist alles gegenwärtig; das Jetzt, das Dann und das Damals zugleich. Deshalb kann der Teil zwar den Weg ändern, durch den er zum Ganzen kommt, nicht aber die Tatsache, dass er dort endet. Die Freiheit der Entscheidung liegt in der Wahl des Weges, nicht in seinem Ziel.

Folge der Identifikation
Sobald sich das Subjekt im Menschen mit dessen Körper gleichsetzt, glaubt es, den Gesetzmäßig­keiten unterworfen zu sein, denen Objekte unterworfen sind. In der Folge wird es vom Impuls beherrscht, sein drohendes Ausscheiden aus dem Feld der Objekte zu verhindern.

Da jede Komponente der physikalischen Welt andere Komponenten mitbedingt, ändert der Wandel in der einen Komponente die Bedingungen anderer. Kein Ding, das sich aus Komponenten zusammensetzt, kann sich der Tatsache entziehen, dass die Wirklichkeit seinen Bestand nicht vorsieht.

Paradox der Dinglichkeit

Zum Wesen der Festlegung auf ein bestimmtes Sosein gehört, dass das bestimmte Sosein nur vorübergehend so sein kann. Endgültige Festlegung ist Bedingtem nicht möglich.
2.1. Objekt und Subjekt

Die Struktur der uns erkennbaren Wirklichkeit besteht aus Subjekt und Objekt. Beim Subjekt handelt es sich um eine Instanz, die das Feld der Objekte erkennen und darauf einwirken kann. Im Menschen wird das Subjekt durch das Ich repräsentiert, sodass der Mensch an der Selbst­bewusstheit des Subjekts teilhat.

Als ein seiner selbst bewusstes Individuum erkennt der Mensch zugleich, dass er an ein Objekt, nämlich den Körper, gebunden ist, der seinerseits dem Feld der übrigen Objekte ausgeliefert ist. Über diesen Körper kann er teilweise verfügen, grundsätzlich aber nicht. Der Körper folgt über Wachstum, Veränderung, Alter, Krankheit und Tod der wesentlichen Gesetzmäßigkeit alles Objektiven: Er ist instabil. Auf Dauer hat er keinen Bestand. In seinem Wandel und Werden ist er bereits Zerfall.

Der Körper ist die Grundbedingtheit der Existenz. Der Kör­per seinerseits hängt von einem unübersehbaren Netzwerk weiterer Bedingungen ab, ohne die er nicht bestünde. Das Individuum sieht sich durch die Bindung an den Körper einer Welt von Gefahren ausgesetzt, in der es zu bestehen versucht. Dazu setzt es zwei Vermögen ein, die seinem Wesen entspringen: Es erkennt und greift ein... zunächst mit dem alleinigen Ziel, seine bedingte Existenz im Feld des Objektiven abzusichern.

2.2. Bindung ans Objektive

Die primäre Strategie des Individuums um den drohen­den Untergang zu verhindern, ist die Bindung an sichernde Objekte. Objektiv sind: Körper, Eltern, Nahrung, Partner, Kinder, Freunde, Sippen, Boden, Kleidung, Muskeln, Ränge, Waffen, Vorräte, Wissen, Reviere, Gewohn­heiten, Riten, Traditionen, Weltbilder, Kugelschreiber, Bindfäden... und tausend andere Sachen mehr.

Jedes Objekt, an das sich das individuelle Subjekt bindet, ist ein Verbündeter gegen die Widrigkeiten der Welt. Das Bezugsverhältnis des Subjekts zu den Objekten ist Besitz.

Jedes besitzbasierte Bezugsverhältnis bietet ein Stück Sicherheit. Es liefert zugleich jedoch an neue Unsicherheiten aus, da jedes Bezugsverhältnis seinem Ende entgegengeht. Wer viel hat, kann viel verlieren. Mehr noch: Wer viel hat, wird viel verlieren.

2.3. Rückbindung ans Subjekt

Der Versuch, sich in der Welt der Dinge Besitz und sichernde Bünd­nisse zu verschaffen, ist aus mehreren Gründen keine endgültige Lösung:

  1. Keine Bindung an ein sicherndes Objekt hat die Macht, den Einzelnen gegen sämtliche Gefahren abzuschirmen. Jeder Besitz ist zugleich Ballast, dem neue Gefahren entspringen. Materieller Besitz lockt Neider an. Wie alles Objektive unterliegt er dem Gesetz der Entropie. Er wird zerfallen und damit verlorengehen.

    Man könnte einwenden, Gold sei so stabil, dass seinem Besitzer zu Leb­zeiten aus entropischen Gründen kein Verlust droht. Tatsächlich bietet aber nicht das physikalische Gold Sicherheit, sondern die Bereitschaft anderer, viel dafür zu geben. Diese Bereitschaft hängt von so vielen Bedingungen ab, dass Gold jeden Wert für seinen Besitzer verlieren kann. Was nützte Gold in Pompeji als Asche vom Himmel fiel?

  2. Sichernde Beziehungen zu anderen Personen sind ebenso zerbrechlich; entweder, weil der Tod sie trennt oder weil die Interessen bislang Verbündeter auseinander­driften.
  3. Der Niedergang des Körpers ist unaufhaltsam. Jeder Versuch, das Sein zu sichern, indem man sich an Körperliches bindet, ist zum Scheitern verurteilt.

Kurzum: Egal wie vieler sichernder Strukturen sich der Einzelne bemächtigt, nie reicht es aus, um den Bestand in der Welt des Weltlichen sicherzustellen.

Die sekundäre Strategie des Einzelnen liegt daher darin, sich ernüchtert vom Ding­lichen abzuwenden und das Heil in etwas Unbedingtem zu suchen. Da alles Objektive bedingt ist und ihm daher kein eigenständiges Selbst zugeordnet werden kann, kann das Unbedingte nur im Gegenpol des Objektiven zu suchen sein: also im Subjekt.

Das Wort Gegenpol wird hier wohlgemerkt nur als sprachliches Mittel verstanden, da ein Gegenüberliegen auf das Verhältnis von Objekten zueinander zutrifft, nicht aber auf das von Objekt und Subjekt in gleicher Art. Da das Subjekt alle Objekte durchdringt, liegt es ihnen nicht nur gegenüber. Es trägt sie in sich.

Zwei Seiten der Freiheit

  1. Etwas bewirken zu können
  2. Keiner Setzung unterworfen zu sein

Perspektiven

Für die Person liegen Bewusstseinsinhalte innen. Für das Selbst liegen sie innen und außen zugleich. Wie die Person sind sie Objekte der Welt, die das Subjekt als solche an ihren Eigenschaften erkennt.

Das Subjekt hat keine Eigenschaften. Diesseits erkennt es Objekte, jenseits der Objekte ist es unbedingtes bzw. absolutes Selbst. Da es nicht bedingt ist, ist es frei, sich zu bestimmen. Indem es sich bestimmt, schafft es Be­dingungen, durch die es sich in Wirkungen zum Ausdruck bringt. Das Poten­zial, etwas bewirken zu können, ist keine Eigenschaft, sondern die Fähigkeit, Eigenschaften zu vergeben oder zu entziehen. Eigenschaft ist Besessensein. Etwas bewirken zu können ist Freiheit.

2.4. Bedingtes und Unbedingtes

Die Struktur der uns bekannten Wirklichkeit besteht aus einem Subjekt und vielen Objekten. Das heißt zugleich: Sie besteht aus Bedingtem und Unbedingtem. Alles Bedingte ist zusammengesetzt. Es erscheint immer nur solange in der Gegenwart, wie die speziellen Bedingungen erfüllt sind, die sein Erscheinen begründen. Alles Bedingte hängt von Faktoren ab, die jenseits seines Horizonts ihren eigenen Gesetzen folgen. Nichts Bedingtes hat ein eigenständiges Sein, in dem es selbst enthalten wäre.

Ausdrucksformen des Bedingtseins

Materielle Objekte

Töpfe, Pfannen, Kugelschreiber, Smartphones...

Virtuelle Objekte

Meinungen, Gedanken, Wertvorstellungen, Erinnerungen, Affekte, Impulse, Ränge, Positionen...


Wenn es überhaupt ein Selbst gibt, ist es unbedingt, denn wäre es bedingt, dann wäre es kein Selbst. Nur das Unbedingte verleiht Bedingtem Wirklichkeit. Das Selbst ist kein Objekt und auch nicht dessen Ge­genpol. Es ist dessen Wirklichkeit.

Bedingtes ist auf zweierlei Art bedingt:

  1. indem es physikalisch aus Stoff besteht, also ein materieller Gegenstand ist.
  2. indem sein Erscheinen in der Wirklichkeit von Bedingungen abhängt, die es verursachen.

Materielle Objekte sind auf beide Arten bedingt. Obwohl sie selbst nicht aus Materie bestehen, sind für virtuelle Objekte stets Bedingungen auszumachen, ohne die es sie nicht gäbe. Objektiv ist, was vorübergehend festzuliegen scheint.

Wenn es Bedingtes gibt, dessen Erscheinen von Kaskaden weiterer Bedingungen abhängt, ist klar, dass die Kaskade der Erscheinungen einer unbedingten Bedingung bedarf, ohne die nichts in Erscheinung treten könnte. Nur in diesem Unbedingten kann das Selbst des Bedingten und damit sein Bestand zu finden sein. Sucht man das, worin man Bestand haben kann, muss man zu dem zurückkehren, woraus man besteht. Da nichts Bedingtes aus sich heraus besteht, kann der Einzelne nur festen Boden finden, wenn er die Bindung an Bedingtes aufgibt. Das ist das Thema, das das religiöse Opfer variiert.

3. Das Wesen des religiösen Opfers

In allen Ausdrucksformen der Religiosität spielen Opfergaben eine große Rolle. Die Funktion, die ihnen jeweils zugeschrieben wird, hängt von den Vorstellungen ab, die sich der Gläubige vom Verhältnis zwischen sich und dem Göttlichen macht. Bei allen Formen des Opferns wird die Bindung an Gegenständliches aufgegeben. Das ist der gemeinsamer Nenner, der sich aus dem existenziellen Rahmen des menschlichen Daseins logisch ergibt.

Heidnische und konfessionelle Religionen sind dualistisch. Gott und Mensch sind gemäß dualistischer Vorstellung füreinander Objekte. Dem entsprechend wird das Opfer als eine Übergabe von Objekten verstanden. Man gibt Gegenstände hin oder man erklärt sich selbst zu einem Gegenstand, den man dem Willen Gottes unterwirft.

Mystik ist monistisch. Mystischer Vorstellung gemäß sind Gott und Mensch füreinander keine verschiedenen Objekte. Sie sind gemeinsam das eine Subjekt. Dem entsprechend besteht das religiöse Opfer des Mystikers nicht in der Übergabe von Objekten, sondern in der Preisgabe der eigenen Gegenständlichkeit.

Abraham und Jesus
Abraham und Jesus waren bereit, etwas zu opfern. Abraham dachte dualistisch. Er war bereit, Isaac zu opfern. Damit erreichte er den Gipfel der heidnischen Opferbe­reitschaft. In der patriarchalischen Weltsicht war der Sohn das wertvollste Objekt, das sich im Besitz des Vaters befand. Abraham war bereit, seinen wertvollsten Besitz zu opfern. Der Lohn für die Bereitschaft war das gelobte Land.

Jesu Denken ging über den bloßen Dualismus hinaus. Er betrachtete Vater und Sohn als geistige Einheit. Das ist im Grundsatz mystisch. Jesus hatte sich aber vom Dualismus nicht vollständig befreit. Er sah sich selbst und Gott als Einheit, aber nicht die Schöpfung insgesamt. Deshalb blieb seine Opferbereitschaft an ein Objekt gebunden. Er opferte sich selbst als Person. Als Lohn für seine Bereitschaft hoffte er auf einen hervorgehobenen Platz im Himmelreich.

Der Mystiker lässt das dualistische Denken vollständig hinter sich. Das tut er, indem er die Vorstellung aufgibt, selbst etwas Objektives zu sein. Er opfert keine Person, sondern die Idee, eine zu sein. Sein Opfergang unter­wirft ihn nicht. Er setzt ihn frei. Sein Lohn ist die Freiheit, er selbst zu sein.

Wo geopfert wird, ist zu fragen, ob das Opfer Sinn macht. Im Grundsatz kann ein Opfer nur sinnvoll sein, wenn es das, wofür es eingesetzt wird, auch bewirkt.

Die eigentliche Aufgabe des religiösen Opferns liegt nicht darin, der Person kon­krete Vorteile zu verschaffen, sondern das Selbst aus ihrem Horizont zu entbinden.

Konkret kommt von lateinisch con = mit, zusammen und crescere = wachsen. Konkretes ist Zusammen­gewachsenes und dadurch Beding­tes, das zerfallen wird. Wer vom religiösen Opfer konkrete Vorteile er­wartet, hat es nur im Ansatz ausgeführt.


Jedes religiöse Opfer trägt zur Freisetzung des Subjekts aus der Verstrickung ins Bedingte bei, damit es nach ethischen und damit unbedingten Grundsätzen handeln kann. Durch Opfergaben löst es sich aus weltverstrickter Parteilichkeit.

In der dualistischen Religion dämpft das Opfer Strafängste und stärkt die Zuversicht, dass alles gut ausgeht. Es bewirkt aber nicht, was es eigentlich bewirken soll: die Entscheidungen eines entrückten Gottes zu beeinflussen und ihn zum parteiischen Eingriff in irdische Abläufe zu bewegen. Wäre Gott durch Menschen gezielt beeinflussbar, unterläge er deren Willen. Er wäre bedingt. Das Unbedingte ist aber nur dann unbedingt, wenn es durch keine Bedingung zu steuern ist, die einer menschliche Absicht entspringt.

Beim mystischen Ansatz kann das Opfer tatsächlich bewirken, was es bewir­ken soll. Daher ist nur es im eigentlichen Sinne religiös. Es löst Bindungen zu Bedingtem auf um die Bindung zum Unbedingten erkennbar zu machen und anzunehmen.

Die Daseinsform des Individuums bindet es an Objekte. Es identifiziert sich mit dem Körper und versucht, die Bindung zu anderen Objekten zu festigen. Die Bindung an Objekte gibt vorübergehend Sicherheit, aber nie die Sicherheit, eigenständig zu bestehen. Die echte Sicherheit des Unbedingten kann das Individuum nur finden, wenn es die scheinbare Sicherheit der Bindung an Bedingtes aufgibt und sich dorthin wendet, woher es stammt. Diese Ausrichtung zum Selbst ist der wahre Kern der Religion. Neben der Erkenntnis, dass das Sein nicht im Objekt zu sichern ist, ist das religiöse Opfer, also die Preisgabe der Bindung an die Welt der Objekte, deren zweite Säule. Das Ziel, dem religiöses Opfern tatsächlich dienen kann, ist die Befreiung des Subjekts aus seiner Verstrickung in Dingliches.

Mystische und dualistische Praxis des Opferns

Mystisch Dualistisch
Der Mystiker sucht das Heil in der Rückbe­sinnung auf das, worin sein Bestand von je her verankert ist. Mystische Religion opfert, was den Blick versperrt. Der dualistisch Gläubige appelliert an eine Macht, von der er glaubt, dass sie den Bestand seiner Person nachträglich garantieren kann. Er bietet an, was Gott als Preis seiner Gunst gefallen könnte.
Der Mystiker will seine Verbunden­heit entdecken. Er ruht im Glauben, dass er von je her verbunden ist. Der dualistisch Gläubige will Verbun­denheit verdienen. Er lebt mit der Angst, dass es ihm misslingen könnte.
Mystik ist transkulturell. Dualismus kommt in kulturspezi­fischen Varianten zum Ausdruck.

Mystik ist Wissenschaft. Sie ist die Wissenschaft von der Entbindung des an irrige Vorstellungen Gebundenen in die Freiheit des Unbedingten. Wie jede Wissenschaft, ist sie nur dann Wissen­schaft, wenn sie überall zu den glei­chen Ergebnissen kommt.

Der Glaube an die Wirkkraft kulturspezifischer Gesten, bei der man durch magische Handlungen eine Gottesperson zum Verbündeten gegen die Widrigkeiten des Daseins zu machen versucht, verkennt das Wesen des Unbedingten. Die Gottesfurcht, die solch ein Glaube in sich trägt, erkennt Gott nicht an, sondern fürchtet in ihm verloren zu gehen.

Einer wirklichen Gottesperson kann niemand als einem Du begegnen. Man kann sich Ihr nur als einem Selbst nähern. Nur was es selbst ist, nähert sich Ihr selbst. Mehr noch: Was es selbst ist, ist sie selbst.

Kultur wird oft überschätzt. Sie bie­tet zwar Heimat, sperrt aber auch ein. Tatsächlich ist der Mensch nicht in dieser oder jener Kultur zuhause, sondern in der Wahrheit, die keine Kultur modifizieren kann.

Mystische Religion ist existenzieller Vollzug jenseits kultureller Erfind­barkeit. Sie ist eine Handlungsmöglichkeit, die dem Individuum durch dessen Position in der Welt wesenhaft inneliegt.

3.1. Verstrickungen

Der Bezug zu Dinglichem ist per se kein Anlass zu religiösen Opfern. Zum Leben gehört der Umgang mit Gegenständen und die Erfüllung von Bedingungen, um in den Lauf der Dinge einzugreifen.

Der Selbstbewusste kocht Suppe in Töpfen. Tut er mit den Töpfen nicht mehr als das, ist er fromm. Wer in Bedingtes verstrickt ist, glaubt einer besonderen Kollektion Küchengeschirr zu bedürfen, weil er sich sonst nicht achten könnte. Der in Bedingtes Verstrickte identifiziert sich mit einem falschen Selbst.

In reiner Achtsamkeit opfert das Ich die privilegierte Bindung an seine Person. Wenn es auf das schaut, was ist, vergisst es, was es sein und werden will.

Der eine glaubt, dass seine Person wichtig ist. Der andere weiß, dass sie kaum Bedeutung hat. Der eine lebt profan, der andere religiös.

Ein Geist, der jede Verstrickung in Dingliches geopfert hat, ist erleuchtet.

Der sachliche Umgang mit Dingen führt nicht dazu, dass man sich be­reits in Bedingtes verstrickt. Verstrickung heißt nicht, dass ein Ding zur Nutzung zur Verfügung steht und man darauf zugreift. Vielmehr setzt Verstrickung eine Fehlinterpretation der Bedeutung des Beding­ten voraus. Die Rolle des Bedingten kann fehlgedeutet werden oder Bedingtes wird zu komplexen psychologischen Zwecken missbraucht.

Solche Verstrickungen führen dazu, dass man sich mit Rollen gleich­setzt und bezüglich des wahren Wesens seiner selbst verblendet bleibt. Religiöses Opfern löst Verstrick­ungen auf, die über die Wirk­lichkeit hinwegtäuschen. So wird der Blick frei, um das wahre Selbst zu suchen. Das kann auf dreierlei Art erfolgen:

  1. Indem man Gegenstände weggibt: Markus gab alles auf, was er nicht wirklich brauchte. Sein Kopf ist jetzt frei für das Wesentliche.

  2. Indem man Bedingtem keine Funktion mehr zuweist, die der Person eine beson­dere Bedeutung verleiht. Wenn ein Wohlhabender weiß, dass ihn Reichtum über nichts erhebt und er sich dementsprechend verhält, ist er nicht in den Reichtum verstrickt. Man kann gefahrlos in Palästen leben, wenn man bleibt, was man in einer Hütte wäre.

  3. Indem man alle Bilder von sich aufgibt, die der eigenen Person einen Wert zumessen, die die Leere verdeckt, aus der sie besteht.
3.2. Opfergut

Das religiöse Opfer wirkt umso stärker, je enger die Verstrickung zwischen dem Opfer­gut und dem ist, der es loslässt. Im Grundsatz kann alles geopfert werden, was dem Opfernden für seinen Rang in der Welt wichtig erscheint: Nahrungsmittel, Wertgegen­stände, Tiere, Menschen, Weltanschauungen, Ansprüche, Meinungen, Gewissheiten, Glaubens­sätze.

Bei oberflächlicher Betrachtung tauchen zunächst Wertgegenstände als geeignetes Opfergut auf. Schaut man tiefer in die Strukturen der eigenen Person, erkennt man, dass auch psychologische Faktoren als Opfer an das Unbedingte geeignet sind: Ansprüche, Erwartungen, Meinungen, schmückende Selbstbilder, ehr­geizige Ziele.

Ich erwarte von dir

Wäre der Begriff Menschenopfer durch das, was unter seinem Etikett bereits geschah, nicht belastet und makaber, könnte man ihn auch heute verwen­den: um die Preisgabe von Besitz- und Dominanzansprüchen zu bezeichnen, die man anderen gegenüber erhebt. Tatsächlich wäre der Begriff aber in dop­pelter Weise irreführend. Zum einen ließe er vermuten, dass dabei jemand zu Schaden käme, zum anderen werden ja keine Menschen, sondern Ansprüche geopfert, die zu erheben man sich ihnen gegenüber für berechtigt hält. Das Opfer, das erbracht wird, sind Ansprüche, die man aufgibt.

Zum Spektrum des Festhaltens an weltlichem Besitz gehören abgemilderte oder verdeckte Formen der Leibeigenschaft, der man andere im privaten, wirtschaftlichen, religiösen oder politischen Leben unterwirft. Diese Leibeigenschaften drücken sich in der Erwartung aus, dass andere unseren Bedürfnissen zu dienen oder unseren Vorstellungen zu entsprechen haben und dafür auf Übereinstimmung mit sich selbst verzichten. So wie die Preisgabe materiellen Besitzes, so kann auch die Freisetzung anderer aus Erwartung und Anspruch eine Opfergabe an das Unbedingte sein. Sie ist es sogar in höchster Form.

3.3. Abwege

Im Laufe der Geschichte haben Menschen im Rahmen religiöser Rituale ungezählte Opfer dargebracht. Dabei gerieten sie oft auf Abwege. Der wesentliche Abweg beim Opfern bestand von je her darin, das Opfer weltlichen Zwecken zu widmen; was die Bindung des Subjekts an Weltliches nicht löst, sondern stärkt.

Sinn und Zweck
Sinn ist Weiterführung. Zwecke sind sachbezogen und endlich. In der dualistischen Religion dient das Opfer Zwecken. In der mystischen macht es Sinn. Ein religiöses Opfer erfüllt seinen Sinn, wenn es keinem persönlichen Zweck dient, sondern die Entlassung des Subjekts aus den Diensten der Person bewirkt.

Wenn Gott mir Platz drei im Triathlon verschafft, spende ich das Preisgeld für mildtätige Zwecke.

Mit solcherlei Bestechungsversuchen plagt die Menschheit den Himmel seit 10000 Jahren. Zweckgebundenes Opfern macht aus Religion ein Geschäft. Es überträgt Weltlichkeit auf eine vermeintlich transzen­dente Ebene und überschreitet Weltbezogenheit gerade dadurch nicht.

3.4. Ablösungen

Entsprechend der Bindekraft, mit der ein Individuum ein mögliches Opfergut unter seiner Kontrolle hält oder für sich beansprucht und erwerben will, gibt es beim Opfern Stufengrade. Entsprechend des Opferguts gibt es Varianten der Freisetzung.

An diesen Stellen loszulassen, kann für ein eingekerkertes Subjekt bereits Freigang sein. Höhere Stufengrade des Opferns beziehen sich auf andere. Die letzte Stufe bezieht sich auf die eigene Person.

In den Augen des Egos ist das Objekt Besitz. Dem befreiten Subjekt ist es anvertraut.
3.5. Fürsorge und Missbrauch

Opferung bedeutet keine Zerstörung von Werten, sondern deren Entlassung aus bloßem Besitzstand in einen Fürsorge- und/oder Nutzungsbezug. Etwas zu opfern heißt auch nicht, den Wert des Geopferten fortan ob seiner Weltlichkeit zu verachten. Rechtes Opfern beinhaltet die Achtung vor dem geopferten Gut. Wer etwas weggibt, weil er es verachtet, hat nichts weggegeben, was ihm wert erschien. Was hat er dann aber geopfert?

Wird das Opfergut faktisch weggegeben, damit es den Bedürfnissen anderer dient, ist die Entbindung aus der Last des Besitzes vollständig. Werden Güter freigesetzt, die nicht völlig weggegeben werden oder gar nicht wegzugeben sind, verändert die Freisetzung den Bezug zwischen dem, der opfert und dem Opfergut. Hat man religiös geopfert, hört man auf, das Geopferte zu missbrauchen. Man begegnet ihm mit Respekt und Dankbarkeit.

3.6. Opfergabe, Gottesdienst und Lebensstil
Gemeinsamkeiten
Man kann die heidnische Opferpraxis belächeln und den politisch motivierten Missbrauch, den die konfessionelle betreibt, verurteilen. Beide Varianten sind aber auch Ausdruck dessen, was das religiöse Opfer im Grundsatz zum Ausdruck bringt: die Erkenntnis, dass das Wesen des Subjekts im Bedingten kein Zuhause hat. Auch die beiden dualistischen Muster der Opferidee verweisen auf eine Wirklichkeitsebene, die die Verkürzung des Lebens auf die Handhabung nützlicher Dinge und Personen übersteigt. Nahtlos ins Leben fließt die Idee aber erst ein, wenn die dualistische Spaltung überwunden und das eine Subjekt in jedem Objekt anerkannt wird.

In der heidnischen Vorstellung ist die Opferbereitschaft mit konkreten Ereignissen ver­knüpft. Wenn es gilt, einen Vulkan­ausbruch zu verhindern, eine Krankheit zu ban­nen, eine Dürre zu beenden oder für Kriegsglück zu sorgen, werden den zuständigen Göttern Gaben dargebracht um das Gewünschte dafür einzutauschen. Zu gegebenem Anlass wird der Schamane gerufen, der das Blut eines Opfertieres vergießt. Oder der Heide sucht eine heilige Grotte auf, wo er der Jungfrau Maria Früchte oder Blumen überreicht.

In der konfessionellen Religion wird das Opfer ritualisiert; in der Regel zu einem formalisierten Gottesdienst, an dem jeder in der Folge des politischen Charakters der Konfessionalität und zur Demonstration seiner Zustimmung teilzunehmen hat. Als Opfer werden dabei keine Gegenstände oder Tiere dargebracht, sondern ein Stück der eigenen Lebenszeit, das für die Dauer der Zeremonie aus der Bindung an die profane Geschäftigkeit des alltäglichen Lebens herausgelöst wird.

Kern der mystischen Religion ist der Glaube oder die Erfahrung, dass der Einzelne von je her substanziell mit dem Göttlichen verbunden ist und somit auch mit jeder anderen Person, der er im Leben begegnet. Während sich der Gläubige gemäß dualistischer Auffassung mit einer abgespaltenen Gottesperson zu verbünden versucht, indem er die Bindung zu etwas Profanem aufgibt, ist sich der Mystiker der Verbundenheit sicher. Sein Opfer, also seine Preisgabe der Bindung ans Konkrete wird daher nicht als Ritus und Zeremonie betrieben, sondern als Lebensstil. Zum Lebensstil des Mystikers gehören zwei Entbundenheiten:

Die Opferpraxis des Mystikers beruht darauf, dass er die Anhaftung an Objektives dergestalt aufgibt, dass die Entbundenheit in einen Lebensstil übergeht, die seinen Alltag durchdringt. Seine Opferpraxis steht der Profanität nicht als punktueller Akt gegenüber, sondern sublimiert das Alltägliche in eine Handlungsweise, die das Heilige im Profanen respektiert.

Diktatur und Freiheit
In der dualistischen Vorstellung sind religiöse und profane Belange zunächst ebenso getrennt wie Gottesperson und Mensch. Politisch-konfessionelle Glaubensformen versuchen, die selbst gesetzte Trennung zu überwinden, indem sie sich vollständig des Lebens aller bemächtigen. Der totalitäre Machtanspruch konfessioneller Reli­gionen ist tief in den angeblichen Offenbarungen verankert, die die Propheten von Bibel und Koran von Gott erhalten haben wollen. Katholisch (griechisch katholikos [καθολικος]) heißt allumfassend. Der Anspruch des Islam über das Leben jedes Einzelnen zu bestimmen kennt im sogenannten Gottesstaat kaum eine Grenze. Er dringt bis unter die Bettdecke vor und enteignet intimste Organe. Das Dasein eines orthodoxen Juden wird von der Befolgung zahlloser Regeln uniformiert. Beim Ver­such, die eigene Person als Opfer darzubringen, wird das Selbst zum Objekt einer Obrigkeit herabgesetzt.

Mystik geht über die Vorstellung einer religiösen Obrigkeit hinaus. Für den Impuls, die Trennung von Heilig und Profan zu überwinden, besteht in der Mystik kein Bedarf, weil sie eine solche Trennung gar nicht erst vollzieht. Deshalb ist Mystik keine Religion, die sich des Menschen von außen bemächtigt, sondern eine, die das eine Selbst von innen heraus ermächtigt, sich in jeden Winkel seines Lebens zu ergießen.

Das mystische Opfer steht dem übrigen Leben nicht als rituell vollzogener Akt gegenüber. Es verwebt sich vielmehr in eine Lebensform, die ganz von der Freiheit durchsetzt ist. Leben und Religion sind in der Mystik eins. Im Dualismus sind sie zwei, die der Glaube unter ein Joch zu zwingen versucht.

4. Psychologische Zusammenhänge

Das bislang Gesagte verdeutlicht, dass man die Funktion des religiösen Opfers nicht unabhängig vom psychologischen Zusammenhang betrachten kann, in den alles menschliche Tun eingebettet ist. Ein Opfer ist eine Gabe. Wer opfert, gibt etwas, um zu erlangen, was ihm wertvoller erscheint. Ohne Opfer zu erbringen, sind Glück und Erfolg im Leben kaum denkbar. So kommt es, dass das Thema tief in Verhaltensmuster und Lebenspraxis eingewoben ist. Man kann:

4.1. Geschenk, Mühe und Übung

Opfer darzubringen und Opfer zu erbringen sind Varianten des Themas. Opfer darzu­bringen entspricht der heidnisch-konfessionellen Opferpraxis. Man wendet sich mit einer Gabe an ein personifiziertes Gegenüber um zweierlei zu bewirken:

  1. dessen Aufmerksamkeit auf sich zu lenken
  2. es zu einer Gegengabe zu motivieren

Bei der Darbringung eines Opfers steht die gezielte Beeinflussung des Gegenübers im Vordergrund. Mehr noch: Sie ist deren bestimmendes Motiv. Auch wer Opfer erbringt, beeinflusst möglicherweise andere Personen. Die direkte Beeinflussung von deren Verhalten ist aber nicht der primäre Ansatz. Sie ist ein begleitender Effekt, der durch die soziale Vernetzung des menschlichen Daseins bewirkt wird.

Das eigentliche Motiv, Opfer zu erbringen, verdeutlicht der Begriff der Übung. Oben haben wir gesehen, dass der indoeuropäischen Wurzel des Opferns auch das Verb üben im Sinne von bebauen, hegen, ins Werk setzen entspringt. Opfer zu erbringen ist unverzichtbar, um das Leben überhaupt sinnvoll zu gestalten. Zu allem, was man im Leben aktiv hervorbringt, gehört ein Opfer, das man dazu zu erbringen hat. Dieses Opfer kann die unmittelbare Mühe bei der Gestaltung sein oder vorbereitende Übungen, durch die man sich in die Lage versetzt, später etwas zu gestalten.

Hier taucht die Verbindung zwischen alltagspraktischem Tun und mystischem Opfer auf. Die mystische Opferpraxis hat viel mit Übung zu tun. Wer mystische Einsicht anstrebt, wählt oft den Weg der Meditation, also den einer Übungspraxis, die darauf abzielt, alle Bilder und Vorstellungen, die man von sich selbst hat, zu opfern.

4.2. Zum Opfer fallen

Was ist das Opfer? Ein Tausch. Wer opfert gibt, um etwas zu erlangen, was ihm wert­voller erscheint. Das erklärt, warum in der Menschenwelt die einen so häufig Opfer anderer werden. Die Opfer werden von den Tätern nicht als wertvoll erkannt.

Der Brutalität der Menschenwelt kann man daher nur abhelfen, indem man die Sicht­weise beeinflusst, die der Mensch vom Menschen hat. Menschen, die das Menschsein an sich als Wert betrachten, sind davor gefeit, andere vermeintlich Wertvollerem zu opfern. Es ist klar, dass nur ein intaktes Selbstwertgefühl Menschen davon abhalten kann, andere sonstigen Zielen zu opfern. Alles, was den Einzelnen unterordnet, macht ihn zu einem potenziellen Täter, weil die Unterordnung des Menschen dessen Wert infrage stellt.

4.3. Opferrollen
Für viele ist Leid das wichtigste Werkzeug, das sie benutzen, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Leid zwingt die Aufmerksamkeit des Leidenden, sich auf ihn selbst zu konzentrieren und es appelliert an andere, das ebenfalls zu tun.

Zu den typischen psychologischen Rollen gehört die Opferrolle. Man kann sie über­nehmen, sie spielen oder hineingeraten. Anderen zum Opfer zu fallen oder von ihnen geopfert zu werden, ist wohlgemerkt etwas anderes, als eine Opferrolle zu spielen. Das Erste ist Tatsache, das Zweite Interpretation oder ein psychisches Manöver um Probleme zu lösen.

Die Opferrolle hat mit Aufmerksamkeit zu tun. Das heidnische Opfer soll die Aufmerk­samkeit des Adressaten auf den Absender lenken und ihn damit um Gutes bitten. Von anderen beachtet zu werden ist für das Menschenkind unverzichtbar. Deshalb schreit ein gesunder Säugling wie am Spieß, wenn ihm ein Missbehagen bedrohlich erscheint. Erlebt das Kind wohlmeinende und wohldosierte Zuwendung, lernt es mit der Zeit, die Aufmerksamkeit anderer mit subtileren Mitteln auf sich zu lenken, um sich Beistand zu verschaffen. Beim gesunden Erwachsenen werden das Taten und Verdienste sein, die für alle nützlich sind. Wer zu solchen Taten fähig ist, ist sich des Beistands anderer sicher.

Frühkindliche Entwicklungen laufen oft schief. Der Übergang vom kindlichen Schmer­zensruf zum Glauben an die eigene Fähigkeit, Beachtliches bewirken zu können, wird nicht abgeschlossen. Es entstehen Persönlichkeiten, die nicht darauf vertrauen, durch ihre kreativen Fähigkeiten genügend Aufmerksamkeit und Beistand zu bewirken. Statt­dessen greifen sie auf das angeborene Grundmuster zurück, ihre Probleme durch die schiere Anzeige eigenen Leides zu lösen. Auch dieser Rückgriff kennt Varianten.

Opferrolle und Mythos

Die Opferrolle ist ein mächtiges Mittel. Die Aussage Ich bin Opfer heißt zeit­gleich Es besteht kein Zweifel, dass meine Ansprüche berechtigt sind. Mir steht es zu, dass andere mir etwas geben und wenn sie es nicht tun, dann, dass ich mir es nehme.

Geben und Nehmen sind zentrale Themen der Gemeinschaft. Die Geschichte der Menschheit ist das Resultat des Versuchs jedes Einzelnen, sich etwas zu nehmen und der Konflikte, die daraus entstehen. Da die Opferrolle Ansprüche zum Ausdruck bringt, ist sie als Werkzeug beim Rivalisieren tauglich und es verwundert nicht, dass man sie in der Individualpsychologie ebenso leicht ent­deckt, wie in der Selbstbildpflege mythologisch begründeter Glaubensbe­kenntnisse.

Während die Opferrolle in der individualpsychologischen Variante des Alltags an das Umfeld appelliert, Vergünstigungen zu vergeben, appelliert sie in der Religion an Gott. Schau nur, sagt der Opferrollenspieler, ich bin Opfer und Opfernder zugleich. Nimm mich an und gibt mir etwas Besseres als das, was ich bisher habe.