Das Getrennte ist Ausdruck des Einen, das in der Zusammenkunft des Getrennten steht und das Getrennte aus sich heraus entwirft. Getrenntes begehrt Getrenntes, um sich zum Einen zu ergänzen. Entwurf will endgültig sein.

Das Subjekt im Ich ahnt, dass es unbegrenzt ist. Das Ich als Person stößt an deren Grenzen. So hat es stets den Eindruck, klein zu sein. Weil Begrenztheit dem Wesen des Ich widerspricht, versucht es sich als Person über Grenzen hinweg zu erweitern. Oder es erkennt, dass es mehr als Person ist. Dann kann es viele Grenzen lassen, wo sie stehen.

Identifikation heißt, die Wirklichkeit aus dem Blickwinkel der Struktur heraus zu betrach­ten, mit der man sich identifiziert. Identifiziert man sich mit dem Wenigen, was die Person ausmacht, wird man viel haben wollen. Sich nur als Person zu betrachten, heißt bereits viel zu begehren.

Begehren / Begierde / Gier


  1. Begriffsbestimmung
  2. Grundlagen des Begehrens
  3. Rolle des Begehrens
  4. Felder des Begehrens
  5. Psychologische Problematik
  6. Gesellschaftliche Einflüsse
  7. Begierde und mystisches Bemühen

1. Begriffsbestimmung

Das Verb begehren geht wie die Begierde und die Gier auf die indogermanische Wurzel ĝher- = sich an etwas erfreuen, nach etwas verlangen, begehren zurück. Zur gleichen Wortsippe gehört das Adverb gern, von dem auch das Verb gieren im Sinne von unbedingt etwas haben wollen abgeleitet ist. Man begehrt, was man gerne hat oder hätte.

2. Grundlagen des Begehrens

Es gibt zwei Grundlagen des Begehrens:

  1. Die erste fußt auf der Tatsache, dass der Körper ein biologisches System ist, das in das Netzwerk der physikalischen Naturgesetze eingewoben ist.
  2. Die zweite entspringt der existenziellen Struktur der menschlichen Psyche. Als Person ist das Ich Partikel. Als Partikel ist es unvollständig. Weil es als Unvollständiges nicht in sich ruhen kann, sucht es Vollständigkeit, um darin ganz zu sein.

2.1. Physikalisch / systemisch

Als erste Grundlage des Begehrens sind die fundamentalen Existenzbedingungen des Körpers auszumachen. Als biologischer Organismus ist der Mensch einer Welt ausgesetzt, die vom thermodynamischen Gesetz der Entropie durchdrungen ist. Dem Gesetz der Entropie (griechisch: en [εν] = in, an, innerhalb und trope [τροπη] = Wendung) entspricht die Tatsache, dass komplexe Systeme ohne stabilisierende Zufuhr von außen, einem unumkehrbaren Prozess unterworfen sind, der sie letztlich zerfallen lässt; sofern sie nicht bis zum absoluten Nullpunkt abgekühlt sind.

Infolgedessen ist der Mensch darauf angewiesen, für eine energetische Zufuhr zu sorgen, die ihn als komplexes System stabilisiert. Dazu gehören Sauerstoff, Wasser und Nahrung, im weiteren Sinne aber auch alle Gegenstände, die das Dasein des Körpers absichern oder Grundlage von dessen Existenz sind; zum Beispiel Ackerland. Wie drängend die Begierde ist, die dieser ersten Ursache entspringt, kann jeder überprüfen, indem er eine Minute die Luft anhält oder 24 Stunden fastet.

2.2. Psychologisch / dualistisch

Der Mensch lebt nicht nur als materielles Konstrukt, das seinen Bestand durch Konsum zugeführter Energie vor dem Zerfall bewahrt. Er lebt vor allem als Person, also im Bewusstsein einer abgegrenzten Existenz, die er als ein Ich bezeichnet, das in einem dualistisch erlebten Universum der Welt als eigenständige Instanz gegenübersteht. Zwischen sich selbst - der Person - und der Welt der Objekte, deren Macht er fürchtet, sieht er einen kategorischen Unterschied. Aus der egozentrischen Sicht der Person gibt es zwischen Ich und Nicht-Ich eine klare Grenze.

Die Person...

Aus der Identifikation mit dem Selbstbild der Person heraus fürchtet der Mensch Bedeutungslosigkeit und Untergang. Der Abwehr beider Gefahren dienen fünf Begierden: die nach...

  1. materieller Sicherheit,
  2. sexuellem Vollzug,
  3. erotischer Ergänzung,
  4. narzisstischer Erhöhung,
  5. mystischer Erkenntnis.

Menschliche Begierden

Begierde Ziel und Bedeutung steuernde Instanz
Materiell Materielle Begierde gründet im Hunger nach Nahrung. Im weiteren zielt sie auf jedweden materiellen Besitz ab, der dem persönlichen Überleben dienen könnte. Physiologische Prozesse im Körper, darüber hinaus Ego und Person.
Sexuell Sexuelle Begierde drängt auf die Lust der Entladung. Ihr eigentliches Motiv liegt nicht im Vorteil der Person, sondern dient dem Überleben der Spezies. hormonelle Prozesse
die Evolution
Narzisstisch Narzisstisch ist das Begehren nach Bestätigung, Anerkennung und Wertschätzung der eigenen Person durch andere. die Person
Erotisch Erotische Begierde sucht nach Ergänzung durch Fusion mit einem besonderen Individuum. die Person
Mystisch Mystisch ist das Begehren des Ich nach der unmittelbaren Erkenntnis des eigenen Selbst, dessen Wesens­gleichheit mit dem Ganzen es ahnt. die Person

2.3. Zwischen Angst und Begierde, Leid und Lust
Wellengang
Am liebsten hätten wir nur den Südpol am Magneten und im Leben nur Lust. Lust und Leid sind jedoch ein Gegensatzpaar, das man nicht voneinander trennen kann; denn Lust ist auch Nachlassen von Leid und Leid entspringt dem Verblassen der Lust. Wer den Wellengang dazu zwingen will, nur Berge zu bilden, schaukelt sich in tiefe Täler.

Getrübter Blick
Wie man Dinge beurteilt, bestimmt darüber mit, wie man sich fühlt. Da man sich lieber wohlfühlt, neigt man dazu, beim Urteil über Sachverhalte, unerfreuliche Teile der Wirklichkeit zu übersehen und lieber das zu meinen, was einem Bestätigung verschafft. Es fühlt sich einfach besser an, für richtig zu halten, was Lust verspricht. Kein Mensch vertritt eine Weltanschauung, von der er nicht glaubt, dass sie zu seinem Vorteil ist.

Auf der biologischen Ebene der Existenz hat die Natur einen einfachen, aber effektiven Steuerungsmechanismus eingerichtet: das Wechselspiel aus Leid und Lust. Die Evolution hat dafür gesorgt, dass Erfahrungen, die dem Körper nützen, als Lust und solche, die ihm schaden, als Leid erlebt werden. Dem entsprechen Angst und Begierde. Vor Schmerz und Leid weichen wir aus. Lust streben wir an.

Ein Mechanismus, der für überwiegend biologisch gesteuerte Individuen angemessen ist, wird bei solchen mit komplexer Erfahrungswelt zum Problem. Ein Affen­leben läuft passabel, wenn der Affe Erfreuliches spontan ergreift und Unerfreu­liches grundsätzlich vermeidet. Bleibt der Mensch dieser Affenerfahrung allzu treu, bekommt er in seiner Welt jedoch Schwierigkeiten.

Für den Menschen ist die einfache Regel Greife nach Lust und vermeide Schmerz nur bedingt tauglich, um sein Dasein zum Guten zu führen.

3. Rolle des Begehrens

Kann die Rolle des Begehrens für die Entwicklung des Menschen im Allgemeinen und für die des Individuums im Besonderen überschätzt werden? Vermutlich nicht. Denn was sonst als ein Begehren trieb im Oberdevon den ersten Quastenflosser dazu, sich bäuchlings aus dem Ozean zu schieben, um seinen Hunger an Algen zu stillen, die bei Ebbe oberhalb des Wasserspiegels lagen? Und nur wegen solcherlei Begierden mutierten in der Folge Quastenflosser zu Amphibien, Amphibien zu Reptilien und das Missing Link zuletzt zum Homo sapiens.

Obacht: Nicht alles mit ansehen!

Als Moschusochsen in der Grönland-Doku aufein­ander zurasten, musste Emil Kaschwitz aus Torgau zur Toilette. Dank einer Vergrößerung der Vorsteh­erdrüse kam er erst zurück, als der siegreiche Bulle ein Weibchen bestieg. Kaschwitz' Hirn blieb unversehrt. Das zeigt, wie überlebenswichtig es sein kann, sich den Anblick kopframmender Ochsen zu ersparen. Falls Sie Zeuge einer ähnlichen Doku werden, sollten Sie es Kaschwitz gleichtun. Die Vorsteherdrüse trägt ihren Namen übrigens zurecht. Sie sorgt dafür, dass man so lange vor der Kloschüssel zu stehen kommt, bis der Kampf entschieden ist. Frauen brauchen die Drüse nicht. Sie überleben gefährliche Dokus, weil ihnen gegebenenfalls etwas einfällt, was ihre Rückkehr vom Toilettengang verzögert.

Um die Mutationen überhaupt hervorzubringen, bedurfte es außerdem sexueller Begierden, deren Wucht auch heute noch an Moschusochsen abzulesen ist, die - allein um Weibchen zu gefallen - nicht davor zurückschrecken, sich den Funken Verstand, der bis zum Beginn der Brunft ängstlich hinter ihren Hornwülsten kauerte, durch Kollisionen aus dem Kopf zu rammen, die selbst beim Zuschauer zu Hirnblutungen führen können.

Damit nicht genug! Kaum wurde dem Homo sapiens bewusst, dass er als zerbrechliches Individuum einer Welt voller Moschusochsen gegenüberstand, nahmen seine Begierden nicht etwa ab, wie es das Sapiens in seinem Namen hoffen ließ. Sie nahmen zu. Zum Hunger nach allem, was unmittelbar das leibliche Wohl und den Fortpflanzungs­erfolg sicherstellt, kamen narzisstische Begierden, die der menschlichen Entwicklung neuen Schub verliehen.

Narzisstische Begierden entspringen der Individualität. Eingewoben in ein Netzwerk anderer Individuen, die Anerkennung vergeben oder entziehen können, geht es für den Menschen nicht mehr nur ums Sattwerden und den Transfer seiner Gene. Ihm geht es um Positionen im sozialen Gefüge. Ihm geht es um die Antwort auf die Frage, ob er etwas wert ist oder nicht und zuletzt sogar um die, ob er überhaupt existiert oder bloß vergeht.

Zu den narzisstischen Begierden kam die erotische und zuletzt die mystische hinzu. Indem er ständig nach etwas strebt und immer irgendetwas haben will, sorgt jeder Einzelne dafür, dass seine Biographie und die Weltgeschichte vonstattengehen.

4. Felder des Begehrens

4.1. Materielle Begierden

Womöglich wehrt jedes Begehren die Angst vor dem Untergang ab. Vermutlich sucht jedes Begehren gesichertes Leben. Eine Betrachtung der fünf grundsätzlichen Felder des Begehrens mag darauf eine Antwort geben.

Die materielle Begierde greift nach Gegen­ständen... und erfindet - um besser zugreifen zu können - ständig neue, nach denen sie dann greifen kann. Sich selbst überlassen schürt materielle Begierde beim Versuch, sich zu sättigen, den eigenen Hunger.

Je mehr Geld jemand hat, desto sicherer könnte er sich fühlen, weil er alles kaufen könnte. Je mehr Geld er hat, desto mehr könnte er aber auch verlieren, sodass sich das Gefühl der Sicherheit ins Gegenteil verkehrt. Nichts macht sicherer als die Gewissheit: Ich habe nichts zu verlieren.

Die Begierde nach materieller Sicherheit fängt mit Hunger und Durst an. Darüber hinaus greift sie nach sämtlichen Gegenständen, die der leiblichen Sicherheit dienen. Da der Mensch Abertausende solcher Gegenstände entdeckt oder erfunden hat, findet das Begehren nach materiellem Besitz unerschöpfliche Betätigungsfelder.

Mit der Erfindung des Geldes eröffneten sich der Begierde neue Möglichkeiten. Geld kann in alle übrigen Gegenstände umgetauscht werden. Geld selbst ist Möglichkeit. Geld ist Theorie. Selbst wenn der Besitz der allermeisten Gegenstände sinnlos und belastend wäre, wird der Zugriff darauf durch den Besitz von Geld theoretisch möglich. Wer Geld hat, kann sich Gegenstände aneignen, falls er ihrer je bedarf.

4.2. Sexuelle Begierden

Sexuelle Begierden werden durch Hormone ausgelöst. Sexuelle Begierden entspringen primär nicht der Person. Sie sind ein Werkzeug der Evolution, die sich des Einzelnen bemächtigt, um sein Erbgut in phylogenetische Entwicklungen einzuspeisen. Im Erleben des Einzelnen realisieren sich sexuelle Begierden kaum je im drängenden Wunsch, Kinder in die Welt zu setzen. Vielmehr hat die Evolution dafür gesorgt, dass der Vollzug sexueller Akte im Regelfall extrem genüsslich ist; so genüsslich, dass die Urteilskraft des Einzelnen beim Anblick archaischer Schlüsselreize aussetzt und er als Sklave biologischer Getriebenheit begierig Handlungsabläufe begeht, derer Folgen er hinterher womöglich bereut.

Kinderwunsch
Obwohl die Evolution die Fortpflanzung der menschlichen Spezies keineswegs dem Kinderwunsch des Einzelnen allein anheimgestellt hat, sondern ihn mit animalischen Gelüsten lockt, kann der Kinderwunsch an sich ein mächtiges Begehren sein. Dabei fließen verschiedene psychologische Motive zusammen:

Obwohl sich beim Menschen ein gewisser Hegetrieb meist auch auf die Kinder anderer Leute erstreckt, und generell allem gegenüber, das dem Kindchenschema entspricht, liegt am Schalthebel des eigenen Kinderwunschs ein egozentrisches Motiv: angesichts der eigenen Sterblichkeit zu wissen, dass zumindest ein verwandtes Leben nach dem Tod weitergeht. Deshalb ist die Begierde, das Gedeihen der eigenen Kinder zu sehen, im Regelfall mächtiger, als ein generelles Wohlmeinen, das auch fremden Kindern gegenüber bestehen mag.

4.3. Narzisstische Begierden

Die narzisstische Begierde ist das zweite Standbein der Person. Während sie durch den Besitz materieller Güter und des Geldes für die Absicherung des Leibes sorgt, zielen narzisstische Begierden auf Geltung ab. Auch hier geht es letztlich um gesichertes Leben.

Der Mensch lebt nicht allein. Wie kein anderes Geschöpf ist er in soziale Zusammen­hänge eingewoben, die über sein Wohlbefinden mitbestimmen. In der Gemeinschaft als wertvoll zu gelten, ist ausgesprochen nützlich. Dem, der als wertvoll gilt, stehen Verbündete zur Seite. Ihm werden Positionen und Privilegien zugeordnet, die die Risiken mildern, denen er als Individuum ausgesetzt ist. Die Anerkennung, die der Narzisst begehrt, soll ihm als Heilmittel gegen Ängste dienen, die hinter der Fassade von Tugend und Tüchtigkeit ungeheilt sind.

Sexuelle Begierden machen blind, erotische öffnet die Augen.
4.4. Erotische Begierde

Es ist kein Tippfehler, dass hier von materiellen, sexuellen und narzisstischen Begierden im Plural gesprochen wird, von der erotischen aber im Singular. Sexuelles Begehren folgt zwar Schlüsselreizen, ist für die Individualität des Gegenüber aber quasi blind. Bei der Erotik ist es anders. Das wussten schon die alten Griechen. Eros hat Pfeil und Bogen. Er handelt gezielt.

Zweieiige Zwillinge
Sexualität und Erotik sind Schwestern. Sie sind aber keineswegs eineiig, sodass man sie nicht unterschei­den könnte. Die Wurzel der Sexualität liegt in der Biologie. Ihre Aufgabe ist phylogene­tisch. Die Wurzel der Erotik liegt in der Individualpsychologie. Ihr Ziel ist die Ergänzung des Einzel­nen zu einer quasi mystischen Einheit. Sexualität überspringt körperliche Grenzen, Erotik psychologische.

Die erotische Begierde ist nicht flächendeckend. Sie konzentriert sich auf ein ausgewähltes Individuum. Das hat psychologische Gründe, von denen ein gewichtiger ebenfalls in der Hoffnung auf ewiges Leben beruht. Während die Moschusochsen dem Menschen in Sachen sexueller Begierden nicht nachstehen, sind sie zur erotischen kaum in der Lage. Warum? Weil die Ochsen sich nicht als separate Individuen sehen und daher auch nichts von der existenziellen Verlorenheit wissen, die nur den erschrecken kann, der sich als Individuum erkennt.

Genau diese Erkenntnis ruft Eros auf den Plan. Was die erotische Begierde befeuert, ist die Hoffnung des Individuellen, exakt jenem anderen Individuellen begegnet zu sein, das ihn vollkommen ergänzt. Der erotisch Verliebte glaubt an die ewige Dauer seiner Leidenschaft, weil er glaubt, dass er durch die erotische Ergänzung das ewige Leben berührt.

4.5. Mystische Begierde

Das Begehren nach mystischer Erkenntnis ist noch mehr als alle anderen Begierden singulär. Während Eros seine Pfeile nacheinander auf mehrere Herzen verschießen kann, zielt die mystische Begierde nur noch auf eins: Erkenntnis und Realisierung der eigenen Identität, von der die mystische Begierde glaubt, dass sie mit dem heiligen Ursprung des Lebens zusammenfällt. Und warum begehrt der Mystiker diese Erkenntnis? Weil er dann alle Angst vor dem Untergang verlieren könnte und er sicher wäre, dass er selbst jenes ewige Leben ist, das er sich weder durch materiellen Besitz noch durch Kindersegen, gesellschaftliche Positionen, persönliche Großartigkeit oder erotische Erfahrungen beschaffen konnte.

5. Psychologische Problematik

Richtig: Die Rolle des Begehrens kann kaum überschätzt werden. Leider aber nicht nur für die Entwicklung von Mensch und Menschheit, sondern auch für die Entstehung neurotischen Leids. Begierde hat immer etwas mit Ungenügen zu tun. Der Begehrende genügt sich nicht. Täte er es, gäbe es keinen Anlass für ihn, etwas haben zu wollen. Solange die Dynamik nicht überkocht, sind die Nebenwirkungen akzeptabel. Tatsächlich geht grundsätzlich fruchtbares Begehren, das Grundbedürfnisse erfüllt, aber oft in problematische Begierde über, die ihr Opfer blind für Maßstäbe macht; oder sie entartet zur blanken Gier. Ursache dafür ist die Identifikation des Ich mit der egozentrischen Komponente seines Erlebens; also die Gleichsetzung des Ich mit der Person.

5.1. Entgleisung: vom Begehren zur Gier
Das Ego fürchtet seinen Untergang. Seine Furcht führt zur Gier. Davon kann sich befreien, wer sich nicht mehr für sein Ego hält. Sich nicht als Ego zu sehen, heißt sich in allem zu sehen. Sich in allem zu sehen, heißt formlos zu sein. Formlos zu sein heißt, sich an keine Form mehr zu klammern.

Das Ego ist der Anwalt der Person. Und es hat nur einen Mandanten. Betrachtet man die Welt aus dessen Augen, erscheint sie als Schauplatz eines Kampfes. In diesem Kampf ist die Insel Ich von der Übermacht eines fremden Ozeans bedroht. Alles deutet darauf hin, dass der Ozean den Bestand der Insel auf Dauer nicht duldet. Da es mit seinem Mandanten untergehen wird, geht es für das Ego um die schiere Existenz (lateinisch existere = herausragen).

Um sich gegen den Untergang zu wappnen, versucht es in der Folge, so viel Macht und Wert wie möglich auf der Insel anzuhäufen. Für das Ego ist sein Auftraggeber alles. Es handelt nach der Devise: Was herausragt und Bedeutung hat, kann doch nicht untergehen! Ohne viel Federlesen mit den Interessen anderer zu machen greift es daher nach allem, was die Existenz seines Mandanten sichern könnte. Dazu gehört Reichtum genauso wie jede Form von Anerkennung und Bestätigung durch andere.

Da sexuelle Eroberungen das Ego bestätigen, neigt es dazu, erotische Erlebnisse mit möglichst vielen Partnern zu begehren, die es als Beute eines Raubzugs konsumiert. Selbst das mystische Begehren kann vom Ego für seine Zwecke in Beschlag genommen werden: wenn es meint, die Erkenntnis des Absoluten sei ein Wissen, das dem Ego Macht und Rang verleiht, statt zu verstehen, dass es ihm fast alle Macht entzieht und es zur Illusion erklärt. Ich bin erleuchtet!, ruft das Ego, das es nicht ist.

5.2. Kreislauf der Verstärkung

Auch wenn das Ego beim Anhäufen erfolgreich ist, löst das seine Angst nicht auf. Gewiss: Solange es heute mehr bekommt als gestern, wird die Angst gedämpft. Das Anhäufen als Abwehr gegen Vernichtungsangst führt aber nicht dazu, dass Sicherheit entsteht, sondern Grund zu neuer Angst und daraus noch mehr Gier.

5.3. Auswege

Gier beruht auf der Identifikation des Ich mit der Person. Sie ist ein Versuch des Ich, sich gegen unliebsame Erfahrungen zu schützen. Sie ist ein Versuch, Tatsachen zu verleugnen, die nicht aus der Welt zu schaffen sind. Gier ist ein Irrweg, der nicht nur anderen schadet, sondern vor allem dem, der ihm folgt. Was können Sie dagegen tun?

6. Gesellschaftliche Einflüsse

Fortschritt
Der Begriff Fortschritt wird vom Zeitgeist syno­nym zu Verbesserung verwendet. Er unterstellt, dass es vom Schlechten zum Guten geht. Dabei besagt der Begriff nur, dass man von dort fortgeht, wo man ist. Da man bei ständigem Fortschritt dort, wo man hinkommt, auch nicht bleiben wird, hat eine Gesellschaft, die ständig auf Fortschritt setzt, kaum Zeit, das Gute zu erleben, das sie erreicht. Wird das Gute aber nicht erlebt, entsteht der Eindruck, dass es fehlt; und nur durch Fortschritt erlangt werden kann.

Wer das Gute für etwas hält, das er in der Zukunft erlangen muss, schiebt das Erlebnis des Guten auf die lange Bank.

Die Wachstumsgesellschaft kann kein Interesse daran haben, dass ihre Mitglieder glücklich sind. Der Treibstoff ständigen Wachstums ist Begierde. Glückliche Menschen begehren nichts mehr.

Im Zeitalter des Glaubens waren persönliche Begierden verpönt; leider zu dem Preis, dass das Individuum als Ganzes abgewertet wurde. Die Aufklärung hat sich gegen die Abwertung zur Wehr gesetzt und das Individuum ein Stück weit aus dem Diktat einer selbsternannten Obrigkeit befreit. Die Befreiung kam aber nicht nur dem Individuum zugute. Sie setzte auch seine Begierden frei... und löste damit eine Lawine von Veränderungen aus, deren Tempo uns heute den Atem raubt; und nicht nur erfreuliche Ergebnisse bringt.

Wachstum: Dieser Begriff ist das Credo der heutigen Zeit. Unisono wird es von Politik und Wirtschaft über Medien verkündet, die die Dynamik, zu der sie gehören, kaum je lauter kritisieren, als ein Hofnarr den Monarchen, der seinen Unterhalt bezahlt. Der Monarch hat seinen Thron in Vorstandsetagen aufgestellt und die Politik, die im Auftrag seiner Logik Gesetze so verfasst, dass sie dem Credo entsprechen, ist darum bemüht, das Eingeständnis zu verdrängen, dass hinter der Fassade schwindender Freiheitlichkeit daran gearbeitet wird, den Einzelnen ins Geflecht einer babylonischen Gesellschaftsordnung einzuweben, die ihn im Fortschrittseifer achtlos übergeht.

Hinter dem Glauben an das Heil des ständigen Wachstums, wirkt die Psychodynamik von Egozentrizität und angst­abwehrendem Begehren. Sich dem Einfluss dieser Dynamik als Individuum zu entziehen, wird umso schwerer, je mehr man in gesellschaftliche Prozesse eingebunden wird, die der Dynamik entsprechen. Um sich gegen den Einfluss abzuschirmen, bedarf es großer Achtsamkeit und der Bereitschaft zu gelassener Distanz.

7. Begierde und mystisches Bemühen

Hinter allen Begierden steht Angst. Auch die Begierde nach mystischer Erkenntnis ist von dieser Regel betroffen. Erst wenn mystische Erkenntnis erlangt ist, fällt die Angst fort, die die Suche danach antreibt. Und erst, wenn die Angst des Ich vor seinem Untergang wegfällt, erlischt die Begierde tatsächlich.

Das einzige Ziel, an dem mystische Begierde festhält, ist loszulassen.

Übliche Begierden

Ich will haben.

Mystische Begierde

Ich will sein.

Die Begierde nach mystischer Erkenntnis unterscheidet sich trotzdem vom Spektrum der übrigen. Während alle übrigen Begierden am Ziel festhalten, den Bestand der Person zu festigen, will das Begehren nach mystischer Erkenntnis das Gegenteil. Übliche Begierden wollen haben, was die Person stärkt, das mystische Begehren lässt los, was das Selbst schwächt. Es versucht, die besondere Bindung des Ich an die Person aufzugeben. Dazu gehört, sich der Dominanz der egozentrischen Begierden zu verweigern.

Auch die dualistischen Religionen fordern, persönliche Begierden aufzugeben, aber nicht um das Individuum aus seinen inneren Zwängen freizusetzen, sondern um es in politische und soziale Strukturen einzubinden. Dualismus führt zur Fixierung des Gegensatzes zwischen Ich und Du. Damit stärkt er das Ego, dessen Dominanz er zugleich und zu Recht als Übel beklagt.

Das Motiv dualistischer Religionen mag die Suche nach dem Wohl des Einzelnen in einer heilen Gemeinschaft sein, ihre Mittel führen aber oft zum Gegenteil. Nur das freie Individuum findet einen Platz im Ganzen, an dem es zugleich gut für alle ist. Das bezwungene bleibt mit sich selbst beschäftigt.