Grundregeln für das seelische Gleichgewicht


  1. Allgemeine Regeln
  2. Besondere Regeln
  3. Weichenstellungen
Den anderen sein zu lassen, wie er ist, heißt bei sich selbst zu sein.

Leben ist der Impuls, Ausgesetztsein durch Selbstbestimmung zu ersetzen.

Wer den Wert eines anderen leugnet, leugnet den eigenen.

Viele sind so mit der Welt beschäftigt, dass sie nichts von sich wissen.

Regeln zur Förderung der seelischen Gesundheit können in zwei Gruppen eingeteilt werden:

  1. allgemeine, übergeordnete Regeln
  2. besondere, nachgeordnete Regeln

Die allgemeinen Regeln befassen sich mit der Haltung des Einzelnen zur Wirklichkeit. Die besonderen Regeln befassen sich mit der Haltung des Einzelnen zu anderen.

1. Allgemeine Regeln

1.1. Verwechseln Sie sich nicht mit Ihrer Person

Die Welt mag Sie Bernd Maier, Alicija Schulte oder Thorsten Kahlenbeek nennen, Sie selbst sind das aber nicht. Namen bezeichnen Personen. Ihre Person ist eine Rolle, die Ihr Selbst in der Raumzeit spielt. Die Raumzeit ist ein Feld dualer Gegensätze, die von jenseits betrachtet vorüber­gehend wirksam sind. Sie selbst sind aber nicht, was vorübergeht. Sie selbst sind das, was das Vorübergehende erlebt. Sie selbst sind zeit- und namenlos. Alles, was Sie erleben, geht vorüber. Alles, was bleibt, ist das, was Sie sind.

Zusammenspiel und Gegensatz

Der Mensch verwechselt sich mit seiner Person. Er unterscheidet zwischen dieser Person und der Welt. Er sagt nicht: Ich bin Ausdruck der Welt und verwirkliche sie. Er sagt: Ich bin auf der Welt und begegne ihr. Er sieht den Gegensatz, aber nicht das Zusammenspiel. Daher ist er latent paranoid. Wenn etwas Uner­wünschtes passiert, meint er, das Leben wolle ihm etwas Böses; oder es laufe etwas schief. Dabei ist alles, was schiefläuft, ein Weg zu dem, was richtig ist.

Wer davon ausgeht, dass er Ausdruck der Welt und nicht nur deren Insasse ist, erkennt, dass das Wohl der Welt sein eigenes ist und sein eigenes das Wohl der Welt. Erst dann begegnet er der Welt mit jener Gelassenheit, die das Unangenehme nicht daran hindert, ihm nützlich zu sein.

1.2. Beachten Sie das Jetzt

Der Mensch kann denken. Mit Hilfe des Denkens plant er für später. Er kann die Weichen so stellen, dass er in der Zukunft Vorteile hat und Nachteile verhindert. Das ist nützlich; und gefährlich zugleich.

Das Denken ist nützlich, wenn man es in Maßen praktiziert. Es ist schädlich, wenn man übertreibt. Wer zu viel darüber nachdenkt, wie er zukünftige Nachteile verhindert und sich Vorteile verschafft, verpasst die Gegenwart. Wer die Gegenwart verpasst, wird niemals satt. Das Leben will gelebt und nicht nur geplant sein.

Nur im Jetzt liegt Wirklichkeit. Alles andere ist Illusion. Meist glaubt man, man habe dieses oder jenes Geräusch schon einmal gehört. Das ist falsch. Kein Ge­räusch hat man jemals zuvor bereits gehört. Es waren bestenfalls ähnliche. Und selbst wenn es die gleichen waren, ist das Gehör nicht mehr das gleiche; weil sich, wer hört, in der Zwischenzeit verändert hat.

Oft beachtet man zwar die Wirklichkeit, jedoch durch eine Brille, die nur zwei Farben passieren lässt. Man schaut bloß nach dem, was man für nützlich oder schädlich hält. Da man das Nützliche und das Schädliche im Voraus nur schwer unterscheiden kann, filtert man mit dieser Brille einen großen Teil des Lebens weg.

Machen Sie sich klar, was Sie hier und jetzt erfahren. Bündeln Sie Ihre Aufmerksamkeit auf die Gegenwart. Schenken Sie auch dem Beachtung, was Ihnen weder nützlich erscheint noch Ihnen schaden könnte. Beachten Sie den Grashalm am Wegesrand und das, was sein Anblick in Ihnen auslöst.

Es gibt keinen Augenblick in Ihrem Leben, der weniger wert als irgendein anderer wäre. Warten Sie nicht darauf, dass das Wesentliche kommt. Es findet bereits statt. Hier und jetzt sind überall und immer.

1.3. Unterscheiden Sie zwischen Vorstellung und Wirklichkeit

Das Denken führt den Menschen in eine Welt der Vorstellungen, Begriffe und Bilder. Das ist eine virtuelle Welt. Sie ist erfunden. Der Unterschied zwischen der Wirklichkeit und der Welt der Vorstellungen ist der gleiche wie der zwischen einem Rezept und einer Mahlzeit.

Glauben Sie nie, Sie hätten den Unterschied zwischen Vorstellung und Wirklichkeit vollständig erkannt. Im Kopf entstehen immer neue Bilder, die es von der Wirklichkeit zu unterscheiden gilt. Wer Vorstellungen nicht als Vor-stellungen erkennt, dem verstellen sie den Blick auf die Wirklichkeit. Sie stehen vor ihm und lassen ihn nicht mehr weiter.

Denken ist Vermutung. Fast jede Vermutung ist eine Annahme, deren Wahrscheinlichkeit, wahr zu sein, geringer ist als 1.

Der Gedanke, dass die Wahrscheinlichkeit von Vermutungen, wahr zu sein, meist geringer als 1 ist, ist selbst eine Vermutung; und somit ungewiss. Zu vermuten ist jedoch, dass die Wahrscheinlichkeit, dass diese Vermutung zutrifft, sieht man von mathematischen Regeln und richtig erkannten Naturgesetzen ab, gegen 1 tendiert.

Je mehr Vermutungen miteinander verkettet werden und in der Verkettung aufeinander aufbauen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Endresultat stimmt.

Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Vermutung x zutrifft, mag 0.9 sein. Fußt die Vermutung y, die ihrerseits zu 90% wahr sein könnte, auf der Vermutung x, sinkt die Gesamtwahrscheinlichkeit auf 0.9 x 0.9 = 0.81.

Bekanntermaßen kommt es daher meist anders, als man denkt. Obwohl es meist anders kommt, als man denkt, hängt die Aufmerksamkeit oft im Kreislauf der Gedanken fest. Das geht so weit, dass viele kaum eine Vorstellung davon haben, wie man Vorstellung und Wirklichkeit unterscheiden könnte. Oft lebt man so, als sei das, was man denkt, keine Vorstellung, sondern die Wirklichkeit selbst.

Üben Sie, zu unterscheiden. Was ist bloß Gedanke? Was können Sie tatsächlich wahrnehmen? Halten Sie Abstand zum Denken, wenn es sich im Kreise dreht. Achten Sie stattdessen auf das, was tatsächlich wahrzunehmen ist. Es ist besser auch die Details zu sehen als in großen Entwürfen verlorenzugehen.

1.4. Denken Sie positiv! Alles könnte zu Ihrem Besten sein

Wenn Sie ein Rückschlag trifft, prüfen Sie, wie Sie ihn zu Ihrem Vorteil nutzen können.

Selten läuft das Leben genauso, wie man es sich wünscht. Meist ist es durch­wachsen. Oft scheint es gar, als hätten sich die Dinge gegen Sie verschworen. Das führt dazu, dass Sie sich dem Schicksal verweigern. Doch unterscheiden Sie: Zweifellos gibt es Menschen, die sich Ihnen gegenüber abwertend oder gar feindselig verhalten, ob Ihr Schicksal es ebenfalls tut, ist aber durch nichts bewiesen. Gehen Sie daher davon aus, dass in jeder Widrigkeit, die es Ihnen vor die Füße wirft, eine Chance steckt, die Ihnen ein Schicksal ohne Widrigkeit nicht böte. Denn: Wer nicht davon ausgeht, dass selbst Widrigkeiten Chancen bieten, erkennt sie nicht. Wer Chancen nicht erkennt, kann sie auch nicht nutzen.

Unangenehmes beharrlich zu umgehen, ist der sicherste Weg, darauf zuzusteuern.
1.5. Lassen Sie Erfahrungen zu

Viele Erfahrungen sind unangenehm. Das führt dazu, dass man sie nicht zu Ende erleben will. Man versucht, sie vorzeitig abzubrechen; zum Beispiel indem man sich betrinkt, sich ablenkt oder fluchtartig ein Kaufhaus verlässt, sobald man darin Angst bekommt. So nützt man Chancen nicht. Nichts stärkt das Selbstvertrauen mehr, als die Erkenntnis, dass man unangenehmen Erfahrungen standhalten kann bis sie vorübergehen.

Das Unangenehme an unangenehmen Erfahrungen ist oft nicht das äußere Ereignis, sondern die Gefühlsqualität, mit der die Psyche auf das Ereignis reagiert; und diese ist bloß das Resultat Ihres Urteils. Was man fühlt, ist das Ergebnis dessen, was man über die Dinge denkt. Lernen Sie, alle emotionalen Reaktionen Ihrer Psyche ungeachtet ihrer Qualität zu betrachten, statt vor der unerwünschten Hälfte wegzulaufen. Wer sich ein Urteil über die Dinge erlaubt, tut gut daran, das Resultat zu ertragen, das das Urteil mit sich bringt.

Sie sind kein Ereignis. Sie sind das Auge, das sie sieht.
1.6. Beachten Sie sich selbst

Der Mensch beachtet die Welt, weil er etwas von ihr haben will. Beachtet er die Welt zu viel, verliert er sich selbst aus dem Blick. Bedenken Sie: Die Welt ist ein Netzwerk vorübergehender Ereignisse. Nichts, was dort passiert, hat je Bestand. Nehmen Sie die Wechselfälle des Lebens daher nicht zu ernst.

Verlangen Sie keine Beachtung. Verschenken Sie sie. Beachten Sie die Wirklichkeit. Je mehr Sie die Wirklich­keit beachten, desto mehr wird sie sich an Sie verschenken.

Das einzige, was in Ihrem Leben nicht wegzudenken ist, das sind Sie selbst. Nur Ihr Selbst hat in Ihrem Leben Bestand. Schenken Sie dem, was Bestand hat, Beachtung. Nur, was in Ihnen unveränderlich ist, sind tatsächlich Sie selbst. Halten Sie danach Ausschau.

1.7. Lösen Sie sich von Regeln

Regeln sind nützlich. Sie beschreiben Verhaltensmuster, deren Einhaltung Früchte bringt. Regeln bilden die Vielfalt der Wirklichkeit aber nur teilweise ab. Sich blind an Regeln zu halten, kann Sie in die Irre führen.

Wachen Sie auf. Wenn es Ihnen gelingt, die Situation, in der Sie sich befinden, so wahrzunehmen, wie sie ist, finden Sie den richtigen Weg, ohne von einer Regel bestimmt zu werden. Um jedoch ohne Regeln zu leben, muss man ganz in der Gegenwart sein. Dort ist nur, wer den Mut hat, sich aufzugeben.

Wenn Sie den Kompass in Ihrem Inneren im Auge behalten, können Sie fast immer auf Regeln verzichten.
Sich von Regeln zu lösen, heißt nicht zwingend, sie aufzugeben. Sich von Regeln zu lösen heißt, Regeln zu haben, ohne ihnen unterworfen zu sein.

2. Besondere Regeln

2.1. Handeln Sie wie ein Erwachsener

Das Kind unterscheidet sich vom Erwachsenen. Gemeint ist ein psychologisch Erwachsener. Psychologisch erwachsen kann man mit 16 sein, man kann es später werden oder man ist es mit 98 immer noch nicht.

Das Kind braucht Liebe, ein Erwachsener nicht. Liebe ist eine tätige Zuwendung, die das Wohl des Geliebten sichert. Da ein Kind sein Wohl nicht selbständig sichern kann, ist es auf Beschützer angewiesen, die seine Bedürfnisse erkennen und geeignete Mittel bereitstellen. Ein Erwachsener kann auf Beschützer verzichten. Ein Erwachsener erkennt seine Bedürfnisse selbst. Er hat sowohl die Kraft als auch den Mut, sie zu vertreten. Fehlt ihm der Mut, wird er sich selbst nicht gerecht. Statt im eigenen Interesse zu handeln, appelliert er an andere, es an seiner Stelle zu tun.

Warum passt ein Beschützer zum Kind, aber nicht zum Erwachsenen?
Wer sich auf Beschützer verlässt, lässt Beschützer über sich entscheiden. Der Dank, den er den Beschützern dafür schuldet, engt seine Freiheit ein. Beim Kind ist der Impuls zur Autonomie nicht so ausgeprägt, als dass es seinem Wesen widerspräche, wichtige Entscheidungen anderen zu überlassen. Je älter man aber wird, desto unpassender ist es, sich an anderen zu orientieren. Tut man es doch, braucht man Manöver, um die eigene Kindlichkeit zu verbergen. Man muss sich verbiegen, um den Impuls zur Selbständigkeit daran zu hindern, die Unterordnung unter den Beschützer zu stören.

2.2. Respektieren Sie die Beziehungen anderer

Sie haben genug damit zu tun, Ihre eigenen Beziehungen sinnvoll zu gestalten. Muten Sie sich nicht auch noch die Probleme anderer zu. Überprüfen Sie gut, wann es wirklich sinnvoll ist, sich in die Beziehungen anderer einzumischen. Es mag verführerisch sein, bei Konflikten anderer Partei zu ergreifen, sich als Vermittler zu betätigen und dabei die Beziehung anderer nach eigenem Gutdünken zu steuern. Meist ist der Versuch jedoch für alle schädlich. Gehen Sie davon aus, dass jeder berechtigt und in der Lage ist, seine Beziehungen eigenständig und ohne Einmischung von außen zu gestalten.

Ausnahme
Wenn erkennbar ist, dass jemand, zum Beispiel ein Kind oder ein Mensch, der nicht in der Lage ist, sich gegen eine Bosheit zu wehren, einem anderen ausgeliefert ist und ihm daraus schwerer Schaden droht, ist Einmischung das Gebot der Stunde. Warum? Weil Neutralität gegen die nächste Regel verstößt.

Den Wert eines anderen zu achten, heißt ihn gegebenen­falls zu schützen.
2.3. Werten Sie niemanden ab

Die Missachtung eines anderen belegt nicht dessen Schlechtigkeit, sondern Ihre Schwäche. Andere zu verachten ist Sünde gegen das eigene Wesen. Wenn einer Tatsache überhaupt ein unabhängiger Wert zugeschrieben werden kann, dann der Subjektivität des Einzelnen, die allen gemeinsam ist. Wertet man daher einen anderen ab, vielleicht aus Ärger, weil er stört oder um sich selbst zu erhöhen, so betreibt man damit Selbstabwertung; denn jeder andere ist das Selbst des Einen. Schulen Sie darin Ihren Verstand: Jeder, auch wenn er Ihnen auf den ersten Blick unwert erscheinen sollte, ist Ihnen in mindestens einer Sache überlegen. Werten Sie ihn nicht ab! Lernen Sie von ihm!

Kontrapunkt
Auch wenn Sie klug daran tun, das Existenzrecht eines jeden als unantastbar anzusehen, bezieht sich das keinesfalls auf alles, was jeder gerade mal so denkt und tut. Dass der Wert des Einzelnen nicht anzutasten ist, heißt nicht, dass man seine Ideen und Taten nicht kritisieren dürfte. Unterscheiden Sie zwischen Tat und Täter.

2.4. Versuchen Sie niemanden zu verändern

Je weniger man auf den Erfolg selbständigen Handelns vertraut, desto abhängiger glaubt man sich vom Beistand anderer. Machen die anderen nicht, was man im eigenen Interesse für richtig hält, versucht man oft, ihr Verhalten zu ändern. Das ist selten klug; denn jeder Mensch ist vom Impuls gesteuert, autonom über sich selbst zu bestimmen. Versucht ein anderer von außen, ihm dieses Recht streitig zu machen, erzeugt er damit Widerstand. Doch, doch! Auch wenn sich jemand die Einmischung vordergründig gefallen lässt und auch wenn er selbst nichts davon merkt, entwickelt sich in ihm eine Kraft, die sich gegen denjenigen richtet, der von außen bestimmen will. Ungestraft über andere bestimmen kann nur, wer die Macht hat, sich der Rache seiner Opfer zu entziehen.

Spielregeln
Beim Schach kommt niemand auf die Idee, dem anderen vorzuschreiben, welchen Zug er machen soll; solange er sich an die Regeln hält. Stattdessen passt er sich dem Zug des anderen möglichst wirksam an. Machen Sie es im Leben ähnlich und bedenken Sie: Im Gegensatz zu den paar Zügen beim Schach ist im Leben jedem erlaubt, was er kann. Er muss jedoch die Konsequenzen tragen.

Radikale Friedfertigkeit in persönlichen Beziehungen ist ein unverzichtbares Element seelischer Gesundheit. Fried­fertigkeit heißt nicht, dass man sich nicht wehrt. Friedfertigkeit heißt, dass man nicht übergreift.

Jeder Krieg beginnt in einem Kinderzimmer.
Radikale Friedfertigkeit
Beziehungen gehören zum Ich wie das Wasser zum Fisch. Ohne harmonische Beziehungen ist das seelische Gleichgewicht ständigen Störungen ausgesetzt. Der Begriff Harmonie geht auf Griechisch harmozein [αρμοζειν] = zusammenfügen zurück, das seinerseits der indoeuropäischen Wurzel ar[ǝ]- = fügen, zupassen entspringt. Zur selben Wortfamilie gehört der Arm. Der Arm passt zum Gelenk wie das Gelenk zum Arm.

Das Motiv des Armes, der mit dem Gelenk eine Einheit bildet, verdeutlicht den wesentlichen Aspekt der Harmonie. Weder der Arm dominiert das Gelenk noch das Gelenk den Arm. Sie stehen gleichwertig zueinander. Bei gesunder Funktion versucht keiner der beiden dem anderen ein anderes Sosein aufzuzwingen.

In menschlichen Beziehung ist es meist anders. Die Partner versuchen - meist wechselseitig - über den jeweils anderen zu bestimmen. Durch subtile Manöver versuchen sie, das Verhalten des anderen zu beeinflussen. Sichtweisen, die der andere äußert, werden nur angenommen, wenn sie den eigenen gleichen. Entscheidungen, die der andere für sich trifft, werden im eigenen Interesse in Frage gestellt oder gar sabotiert. In Beziehungen, die von neurotischen Mustern durchsetzt sind, schwelt unter der Oberfläche der Normalität ein verleugneter Machtkampf, der die Harmonie und das seelischen Gleichgewicht untergräbt.

Wenn Sie mit sich ins Reine kommen wollen, dann respektieren Sie die Entschei­dungsfreiheit anderer über das eigene Leben radikal. Gestehen Sie dem anderen zu, genau die Sichtweisen auf das Leben einzunehmen, die spontan in ihm entstehen. Sagen Sie nicht: Das siehst Du falsch. Fragen Sie: Wie siehst Du das?

Nur wer den anderen ohne den Vorsatz wahrnimmt, durch kommu­nikative Manöver über ihn zu bestimmen, verhält sich in der Beziehung zum anderen friedfertig. Radikale Friedfertigkeit ist der Verzicht auf kommunikative Gewalt. Friedfertigkeit ist der Verzicht darauf, andere zu beherrschen. Wenn der Friedfertige kämpft, kämpft er nicht um die Macht. Er kämpft für die Freiheit. Frieden ist Freiheit. Alles, was keine Freiheit ist, ist auch kein Frieden.

2.5. Nehmen Sie sich ernst

Ein Bedürfnis ist ein Handlungsbedarf, der notwendig ist, um eine Übereinstimmung mit sich selbst herbeizuführen. Das Leben ist kompliziert. Es gibt viele Gründe, einen solchen Handlungsbedarf nicht ernst zu nehmen:

Um diese Argumente zu entkräften, gilt es, sich sein Bedürfnis ins Gedächtnis zu rufen.

Wohlgemerkt
Dass man sein Bedürfnis nicht aus den Augen verliert, heißt nicht, dass es sofort erfüllt werden müsste. Zum Erfolg gehört nicht nur, dass man ein Bedürfnis erkennt. Es gehört auch dazu, dass man warten oder gar verzichten kann. Und außerdem: Vieles, was uns als dringendes Bedürfnis erscheint, ist nur ein oberflächlicher Ersatz für solche, die viel tiefer liegen. Damit ein wichtiges Bedürfnis in Erfüllung geht, ist es nicht selten unerlässlich, auf die Erfüllung von hundert weniger wichtigen zu verzichten. Sich selbst ernst zu nehmen, heißt nicht, sich als Person und Rolle hervorzuheben, die man auf der Bühne des Daseins eben mal spielt. Es heißt, jene Schicht ins Auge zu fassen, die jedes Rollenspiel überdauert.

2.6. Finden Sie den richtigen Abstand
Stellen Sie zu jedem den Abstand her, von dem aus Sie ihn so sein lassen können, wie er ist, ohne sich selbst zu verbiegen.

Der richtige Abstand zum anderen ist der, von dem aus Sie ihm respektvoll begegnen können. Gelingt Ihnen das nicht, sind Sie zu nah dran. Meist ist man zu nah dran, weil man vom anderen Liebe, Zuwendung und Bestätigung erwartet. Wenn man mehr will, als der andere gibt, ist die Gefahr groß, dass man mindestens einen von zwei Fehlern macht:

Meist gibt er dann noch weniger, als wenn man nichts von ihm erwarten würde. Wenn Sie glauben, Ihr Problem sei, dass ein anderer zu wenig gibt, machen Sie sich abhängig. Wenn Sie erkennen, dass Sie mehr wollen als das, was das Leben Ihnen momentan zugesteht, haben Sie einen wichtigen Schritt getan. Ihr Problem ist nur selten ein anderer. Ihr Problem sind fast immer Sie selbst. Lösen Sie sich. Nur wer andere loslässt, findet zu sich selbst.

2.7. Respektieren Sie verschlossene Türen

Zum richtigen Abstand gehört der Respekt vor verschlossenen Türen. Jede Beziehung ist ein System aus zwei Räumen. Zwischen den Räumen sind jeweils zwei Türen. Zur gesunden Beziehung gehört, dass jeder seine Tür öffnen und schließen kann, so wie er es für richtig hält.

Akzeptieren Sie, dass Beziehungen ein Wechselspiel aus Zuwendung und Rückzug sind. Verlangen Sie von niemandem, dass er stets für Sie da ist. Lernen Sie stattdessen, sich selbst zu genügen.

Wenn der eine Rückzug braucht, um sein Zimmer zu ordnen, fühlt sich der andere womöglich abgelehnt. Wenn er allzu oft an der Türklinke zerrt und Einlass verlangt, riskiert er, dass der Bedrängte seine Tür immer fester verschließt.

3. Weichenstellungen

Die aufgezeigten Regeln können dafür verwendet werden, in vereinfachter Form zwei Skizzen zu entwerfen: eine, die beschreibt, wie man krank wird, wenn man grundsätzliche Regeln missachtet, eine zweite, die zeigt, wie wenig man eigentlich tun muss, um ein seelisch gesundes Leben zu führen.

Es ist schwer, psychisch gesund zu sein, wenn man sich für wichtig hält. Leute, die glauben, dass es sie nicht gibt, zählen zu den Glücklichsten der Welt.

Der Einzige, der die Aufgabe hat, Ihnen treu zu sein, sind Sie selbst. Niemanden zieht das Leben strenger zur Verant­wortung, sobald er Ihnen untreu wird.

Die Welt ist nicht dafür da, Ihren Vorstel­lungen zu entsprechen, sondern um Ihrem Versuch Gelegenheit zu bieten, das Richtige zu tun. Richtig ist, was Ihrem Wesen entspricht.
3.1. Wie man krank wird

Wenn Sie bereits krank sind, können Sie zur Lösung Ihrer Probleme übergehen. Falls nicht, führen Sie folgende Anweisungen aus. Dann werden auch Sie psychisch krank. Mit Glück und Beharrlichkeit schaffen Sie es bis zur wahnhaften Störung. Dann gehören auch Sie zum Kreise der psychotisch Kranken und werden für Psychiater und Psychotherapeuten zu einer quasi unbezwingbaren Festung. Niemand kann Sie dann noch davon abhalten, als Geisterfahrer Karambolagen auszulösen.

Wohlgemerkt:
Um aus eigener Kraft eine akute Psychose zu entwickeln, bedarf es einer Risikobereit­schaft, die nicht anzuraten ist. Der kürzeste Weg mag im riskanten Konsum einschlägiger Drogen liegen. Länger dauert es in der Regel beim Alkoholmissbrauch. Wer Risiken nicht scheut, hat aber auch dabei Aussicht auf eine Alkoholhalluzinose und ein Entzugsdelir. Dann weiß man, wie es sich anfühlt, wenn man so richtig neben der Kappe ist.

3.2. Wie man gesund wird

Es ist nicht schwer zu erraten: Wenn man etwas dazu beitragen kann, um seelisch zu erkranken, bleibt oder wird man gesund, indem man den Beitrag unterlässt. Zumindest stehen die Chancen dann besser. Nur organische Erkrankungen, Unfälle und endogen verursachte Transmitterstörungen sind dann noch eine echte Gefahr.

Schlägt ein Asteroid in Ihrem Garten ein, verzagen Sie nicht. Legen Sie im Krater einen Teich für Seerosen und Goldfische an.

Lernen Sie das, was Ihnen jetzt begegnet, wertzuschätzen, statt auf einen Wert zu warten, der irgendwo für Sie bereitliegt.

Der normale Mensch versucht zu haben. Der Gesunde versucht zu sein.

Verwenden Sie mehr Zeit darauf, sich selbst zu sehen. Gesund ist, wer sich gefunden hat; nicht, wer ständig etwas an sich und anderen etwas verbessern will. Sobald Sie sich beachten, wenden sich wesentliche Dinge von allein zum Guten.

Die Beachtung weniger Regel genügt, um den meisten Fragen des Lebens eine sinnvolle Antwort zu geben.