Dass autistischen Mustern biologische Anlagen zugrunde liegen, kann als wissenschaftlich gesichert gelten. Der entsprechende ⇗ Artikel bei Wikipedia zitiert im Juni 2026 dazu hunderte von Quellen.
Als genetische Grundlage kann eine Anomalie des zentralen Nervensystems angenommen werden, die dazu führt, dass autistisch veranlagten Menschen emotionale Signale im Vergleich zur Norm nur abgeschwächt bewusst werden.
Das hindert uns aber nicht daran, autistische Verhaltensmuster psychodynamisch zu betrachten. Beschränkt man sich auf die rein biologische Deutung, dann sind autistische Muster ein blindes Experiment der Natur, das durch zufällige, also ansonsten sinnleere Mutationen angestoßen wird. Betrachtet man die Muster psychodynamisch, unterstellt man ihnen eine Logik, die auf die Ausgestaltung des jeweiligen Daseins zugeschnitten ist und damit Sinn macht.
Von den Kernsymptomen der Autismus-Spektrum-Störung (ASS) sollen vier genauer betrachtet werden:
Um autistische Muster nicht nur als Defizite, sondern als Werkzeuge der Lebensführung zu verstehen, gilt es, sich zunächst das Grundproblem des menschlichen Daseins vor Augen zu führen.
Grundproblem des Daseins
Wie jedes biologische Wesen ist der Mensch einer Welt ausgesetzt, die nicht nur die Ressourcen für sein Überleben liefert. Vielmehr bedroht dasselbe Umfeld die Existenz des Individuums in ungezählter Art und Weise. Was lebt, muss immer auf der Hut sein, um sein Ende abzuwehren. Leben ist der Versuch einer Struktur, ihren Bestand zu erhalten. Das Resultat ist eine untergründige Existenzangst, die eine breite Palette von Ausdrucksformen annehmen kann. Das Spektrum reicht von lebhafter Umtriebigkeit bis zu lähmender Angst.
Alles, was im weitesten Sinne dazu dient, die Position des Einzelnen gegen die Gefahren des Daseins abzusichern, kann als Lösungsstrategie des existenziellen Grundproblems bezeichnet werden. Die nähere Betrachtung der typisch autistischen Merkmale zeigt, dass sie als wirksame Strategien gegen Angst und Gefahr zu erkennen sind.
| Ich | Nicht-Ich |
Durch die Einteilung gewinnt der Einzelne ein Ordnungsprinzip, das den Zuständigkeitsbereich, den er gegen Gefahren zu verteidigen hat, radikal verkleinert. Ohne die Verkleinerung wäre menschliches Leben, wie wir es kennen, nicht möglich. Erst die Verkleinerung bietet dem Einzelnen die Möglichkeit, mit den begrenzten Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, den Untergang des auf überschaubare Maße verkleinerten Kompartiments zu verhindern.
Das Ich wird auch als Ego bezeichnet. Das Ich empfindet sich als sich selbst. Selbst heißt auf Altgriechisch autos [αυτος]. Das ist dieselbe Wurzel, der auch der Begriff Autismus entspringt. Die Verhaltensmerkmale, die man unter dem Begriff Autismus zusammenfasst, fallen durch eine betonte Fokussierung selbst-bezogener Themen auf. Der Begriff ist also gut gewählt.
Abwehrmuster, also Strategien gegen Gefahren und damit verbundene Existenzängste, können offensiv oder defensiv sein. Offensiv heißt, dass das Ich durch ausgreifende Maßnahmen erweitert wird, um die Machtbalance gegenüber dem Nicht-Ich zu verbessern. Bei der ASS sind sie vorwiegend defensiv. Defensiv heißt, dass die Ich-Grenzen eher gestrafft und befestigt werden, um den Zugriff des Nicht-Ichs auf das Ich einzudämmen.
Um autistische Muster als Werkzeuge zu verstehen, gilt es daher zu untersuchen, in wie weit sie sich dazu eignen, das Ich gegen potenziell schädliche Eingriffe der Außenwelt abzuschirmen.
Emotionen sind Herausbeweger. Der Begriff enthält das lateinische Verb emovere = herausbewegen. Wer Emotionen viel Bedeutung beimisst, gesteht ihnen zu, ihrem Wesen gemäß Bewegungen von innen nach außen auszulösen. Da die Außenwelt aber genau die Gefahren enthält, die dem Ich gefährlich werden könnten, macht es im Dienst einer Vermeidungsstrategie Sinn, ihren Einfluss einzugrenzen, um im abgesicherten Horizont des eigenen Selbst zu verbleiben. Das geht auf zweierlei Art:
Emotionen sind Impulse. Von innen heraus stoßen sie Handlungen an, die die Interaktion mit dem Umfeld verstärken. Indem der Autist seinen Gefühlen wenig Beachtung schenkt, drosselt er ihren Einfluss bei der Steuerung seines Umgangs mit dem Umfeld. Gefahren, die intensiven Kontakten entspringen, bleiben so unter Kontrolle.
Emotionen sind aber auch Signale, die von außen nach innen wirken. Wer einem anderen seine Wut signalisiert, versucht ihn damit einzuschüchtern, oder zu ebenfalls emotionalen Reaktionen herauszufordern. Gleiches gilt für andere Signale, die emotionale Ebenen ansprechen, z.B. erotisches Interesse.
Transportmittel
Emotionen sind uralte Werkzeuge der Evolution. Lange bevor der Mensch eine differenzierte Sprache entwickelt hat, die einen sachlichen Informationsaustausch ermöglicht, tauschten seine Vorfahren emotionale Signale aus, die durch körpersprachliche Mittel übertragen wurden. Zu diesen Mittel gehören:
Mit Hilfe solcher Signale wurden Rangordnungen festgelegt, Unterwerfungsgesten eingefordert, vor Gefahren gewarnt oder Kontakte geknüpft.
Das Unvermögen des Autisten, anderer Leute Mimik und Gestik auszulesen, schützt ihn zugleich vor dem Einfluss, den solche Signale auf ihn haben könnten. Gleiches gilt für die Sprachmelodie. Auch sie überträgt nonverbale Signale, die etwas in Bewegung setzten können: Ironie, Spott, Neckerei, Überlegenheitsansprüche, Vorwürfe, verführerische Aufforderungen, Zurückweisungen, Verachtung, Hilfsappelle etc. Wer solche Signale nicht erkennt, wird von ihnen auch nicht aus sich herausbewegt und auf gefährliches Terrain gelockt.
Emotionale Interaktion wirkt quasi unmittelbar und ohne reflektierte Kontrolle. Bei der rein sachlichen Komponente sprachlicher Kommunikation ist das anders. Die unmittelbare Berührung durch emotionale Komponenten fällt dabei weg. Wer die emotionalen Signale anderer nicht zur Kenntnis nimmt, vermindert das Risiko, davon überrumpelt zu werden.
Dazu passt, dass Autisten auch im Körperkontakt zurückhaltend sind. Die sensorische Empfindung des Körperkontakts dringt unmittelbar ins Bewusstsein des Berührten ein. Durch Berührung wird das Berührte von außen bewegt. Die Vermeidung des Körperkontakts erleichtert die Kontrolle des zum Ich verkleinerten Innenraums.
Das verminderte Interesse an einer Abstimmung mit dem Umfeld, folgt logisch aus dem bisher Gesagten. Wer sich darauf spezialisiert, seinen Innenraum gegen Gefahren abzusichern, hat damit alle Hände voll zu tun und somit keine frei, die er anderen entgegenstrecken könnte.
Abstimmung überhaupt ist wechselseitige Einflussnahme, die die Beteiligten einander aussetzt. Durch die Abstimmung bekommt der jeweils andere ein Mitbestimmungsrecht. Das ist ein Risiko, das aus Sicht eines konsequenten Sicherheitskonzeptes zu vermeiden ist.
Der Widerstand gegen Einfluss von außen ist eine Zuspitzung des verminderten Interesses, an dem, was draußen vorgeht. Während ein vermindertes Interesse vergleichsweise lautlos vonstatten geht, indem sich der Autist nur wenig Mühe gibt, Kontakte herzustellen, kann sich der Widerstand gegen die Versuche anderer, es von ihrer Seite her zu tun, wuchtiger Mittel bedienen. Der Autist sträubt sich aktiv, weicht konsequent aus und kann dabei auch heftige Affekte einsetzen, die er ansonsten lieber unter Kontrolle hält.
In diesem Zusammenhang ist vor allem das Symptom der PDAElizabeth Newson zu nennen. PDA steht für Pathological Demand Avoidance, also eine krankheitswertige Neigung Betroffener, sich Anforderungen, die das Umfeld an sie heranträgt, zu verweigern. Dabei werden aggressive und passiv-aggressive Mittel eingesetzt.
Die Logik des Widerstands ist klar: Würde sich der Widerständige Anforderungen unterwerfen, verlöre er die vollständige Kontrolle über sich selbst. Da die Kontrolle des Innenraums jedoch sein Leitmotiv ist, scheidet die Möglichkeit für ihn grundsätzlich aus und er ist bereit, einen hohen Preis zu zahlen.
Erwartungen des Umfelds zu erfüllen, ist eines der wesentlichsten Muster sozialer Interaktion überhaupt. Sowohl in privaten als auch in beruflichen Kontexten. Menschen machen miteinander Geschäfte, die im guten Falle für beide Seiten von Vorteil sind. Dabei werden Kompromisse akzeptiert, die für beide Seiten Verzicht bedeuten: den Verzicht, sämtliche Belange vollständig autonom zu regulieren. Der Autist, so kündigt es die Bezeichnung an, entscheidet sich für die Autonomie. Er deutet sie als seine Freiheit, ohne zu berücksichtigen, dass er durch den Anspruch auf diese Art Freiheit, eine andere verliert: sich durch Absprachen mit dem Umfeld Vorteile zu verschaffen, die nur durch Absprachen zu erreichen sind.
Je vollständiger das Ego auf sein Selbstbestimmungsrecht pocht, desto mehr beschneidet es seine Freiheit, zu kooperieren.
Die Welt ist ein unüberschaubares Erfahrungsfeld. Da man dort auch unerfreuliche Erfahrungen machen kann, ist man gut beraten, zu wählen, welchen Erfahrungen man sich aussetzt. Klug ist es, sich besonders mit solchen Themen zu befassen, auf denen man Erfolge feiern kann. Der Fuchs, der jedem Hasen nachläuft, wird am Ende keinen fangen. Im schlimmsten Fall verirrt er sich bei seiner ungezielten Jagd in ein Revier, wo er zur Beute eines Bären wird.
Auch jedes neurotypische Ego beherzigt die Weisheit, dass es Sinn macht, im Leben Dinge zu bevorzugen, die man im Griff hat. Vorteil dieser Strategie sind einerseits faktische Erfolge, andererseits ein wohliges Gefühl von Kompetenz und Überlegenheit. Zumindest auf den Gebieten, auf denen man es zur Meisterschaft bringt.
Was das normale Ego tut, tut der Autist erst recht. Er interessiert sich für spezielle Wissensgebiete, die, statistisch gesehen, allerdings spezifischer und damit noch enger sind, als das, womit sich der Neurotypische beschäftigt. Das führt zu zweierlei:
Während die Verkleinerung des Horizonts das Selbstwertgefühl tendenziell vermindert, wird es durch die überragende Kompetenz auf dem Spezialgebiet gesteigert. Auf dem Gebiet seines Spezialinteresses kann ein Autist Kompetenzgrade erreichen, bis zu deren Gipfeln ihm niemand mehr folgen kann. Auch so schafft er einen Abstand, der der Sicherheit dient.
Wir haben gesehen: Die klassischen Merkmale, die man typischerweise dem Autismus zuordnet, dienen der Abschirmung des Ich gegen unerwünschte Einflüsse von außen. Da jeder Mensch egozentrisch ist und nur lebt, weil er den Binnenraum seines Ichs selektiv vor Schaden schützt, kann das autistische Muster als Zuspitzung der Normalität verstanden werden. Der Autist weicht nicht nur vom Normalmodus ab und wird so zu etwas Besonderem. Er ist zugleich hypernormal. Er ist ein Mensch, der die Normalität über das normale Maß hinaus ins Besondere steigert. Normal ist die dualistische Spaltung der Wirklichkeit in die beiden primären Kompartimente Ich und Nicht-Ich, eine Spaltung, deren Sinn es ist, das Überleben des Individuums zu sichern. Normal ist die selektive Bevorzugung des Ichs. Grenzen, die auch der Normale setzt, setzt der Autist konsequenter.
Zum Erscheinungsbild des autistischen Musters gehören weitere Merkmale, die der Sicherheit dienen. Sie sind mit den bisher Genannten verwoben.
Zu den aufdringlichsten Merkmalen der Welt gehört ihre Unberechenbarkeit. Nicht umsonst sagt man: Es kommt immer anders, man denkt. Das führt dazu, dass sich die Welt unentwegt über unsere Pläne hinwegsetzt und uns dazu zwingt, uns nach ihren Launen zu richten.
Auch der neurotypische Mensch ist über die Bocksprünge der Tatsachen nicht immer erbaut. Nicht jeder begrüßt jeden Schwenk des Verlaufs als willkommene Abwechslung, die sein Leben bereichert.
Die Sprunghaftigkeit der Wirklichkeit ist dem Autisten erst recht ein Dorn im Auge, dem er durch selbstbestimmte Bollwerke einen Schutzwall entgegenzusetzen versucht. Solche Bollwerk sind Routinen und sich stereotyp wiederholende Handlungsabläufe. Während die Außenwelt mal nach rechts, mal nach links, mal nach oben, unten, rückwärts oder mittendurch abbiegt, sagt der Autist: Nichts da! Es wird gemacht, wie ich es will. Änderungsvorschläge kann die Welt über Formular 23/fz-5 beantragen. Mit einer Bearbeitungsdauer von drei bis sechs Monaten muss gerechnet werden, weil die Entscheidung über Annahme oder Ablehnung des Antrags aus Sicherheitsgründen wohl durchdacht sein muss.
Das starre Festhalten an selbstbestimmten Handlungsabläufen kann das soziale Umfeld des Autisten zur Verzweiflung bringen; vor allem, wenn die Routinen wie aus blanker Willkür gewählt erscheinen. Oft tun sie das, da ihre sachliche Notwendigkeit nur selten im Vordergrund steht, umso mehr ihre Funktion, den Impetus der Außenwelt wie auch immer auszubremsen.
Autisten neigen zu überdurchschnittlich präzisen Formulierungen. Auch das dient dazu, Selbstbestimmung abzusichern. Wer die Dinge so genau beschreibt, dass Einwände von außen von vorn herein verhindert werden, hat genau die Fremdbestimmung ausgeschlossen, die der Autist so sehr fürchtet.
Dem Sprachstil entspricht in der Regel auch ein übergenauer Denkstil. Denken entwirft Modelle von der Wirklichkeit, die es erleichtern, sich ihrer Übermacht zu erwehren. Je genauer der Plan, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, die eigenen Schachzüge so zu wählen, dass der König König bleibt und ihm niemand etwas vorschreiben kann.
Zweierlei Beziehungsmuster werden von Autisten bevorzugt:
Es ist nicht so, dass ein Autist grundsätzlich allen zwischenmenschlichen Bindungen aus dem Weg gehen will. Auch bei ihm ist ein Zugehörigkeitsbedürfnis angeboren, dessen mangelnde Erfüllung schmerzhaft sein kann. Interpersonelle Bindungen setzen für den autistische Menschen aber ein höheres Maß an Vertrauen voraus, als das beim neurotypischen der Fall wäre. Daher ist der Neurotypische bereit, schneller Bindungen zuzulassen, die er gegebenenfalls nicht weiter vertieft.
Bindungsmuster
| autistisch | normotypisch |
|
|
Ob ein Autist alle engeren Kontakte vermeidet oder einige zulässt, hängt von der Intensität seiner Vermeidungshaltung ab. Da er aber grundsätzlich großen Wert darauf legt, Einmischungen von außen enge Grenzen zu setzen, konzentriert er sich lieber auf wenige Menschen, die er gut kennt und dank seiner Kenntnis gut einschätzen kann. So behält er den Überblick über das gefürchtete Gefahrenpotenzial.
So kann es durchaus sein, dass ein Autist über Jahrzehnte hinweg stabile Beziehungen hat, in denen er sich unverstellt zum Ausdruck bringt, büßt er durch widrige Lebensumstände aber bestehende Kontakte ein, fällt es ihm schwer, neue zu knüpfen, bevor er in quälende Einsamkeit fällt.
Die mangelnde Bereitschaft, Menschen an sich heranzulassen, bevor ihre Vertrauenswürdigkeit eindeutig feststeht, gehört zu den Bedingungen, die der Autist dem Leben stellt... und durch die er sich das Leben schwermacht.
Einmischungen von außen drohen aber nicht nur von Seiten anderer Leute, sondern vom Leben an sich. Um zu verhindern, durch die Unvorhersehbarkeit des Weltenverlaufs in seiner Selbstbestimmung beeinträchtigt zu werden, formuliert der Autist eine Kaskade von Bedingungen, die er dem Nicht-Ich zur Erfüllung anheim stellt.
Bewirbt man sich um einen Arbeitsplatz, ist immer ein Stück Lotterie dabei.
All das gibt dem Nicht-Ich Gelegenheit, sich Zugang zum ureigensten Hoheitsbereich des autistischen Ichs zu verschaffen. Die Bewerbung droht daher genauso ins Wasser zu fallen, wie der Ausflug, der neulich gestrichen werden musste, weil es dem Ausflugswetter misslang, die Bedingungen zu erfüllen, ohne deren Erfüllung vom Ausflug vernünftigerweise abzuraten war. Man hätte in einen Regenguss geraten können, der eine Erkältung nach sich zieht! Und woher kommen die Kälte und das Virus, das mit ihrer Hilfe ins Innere eindringt? Von außen!
Beim Umgang mit der Wirklichkeit kann man sein Verhalten Impulsen überlassen. Impulse sind die Hebel der Emotionen, mit deren Hilfe ein emotional gesteuertes Individuum in die Wirklichkeit eingreift. Wer wenig Begabung hat, emotionale Komponenten auszulesen, vertraut sich Impulsen nur ungern an. Man weiß ja nicht, wohin sie führen. Bleibt die zweite Möglichkeit: der Verstand, mit dessen Hilfe man die Lage sondiert und dann Entscheidungen trifft, die die Vorgaben der Vernunft am besten erfüllen.
Meist ist der Mensch mit seinen Gefühlen identifiziert. Gefühle gelten als unverzichtbare Komponente, die den Menschen erst menschlich macht. Das mag sein. Emotionen sind aber auch Ausgangspunkt grotesker Fehlentscheidungen und der meisten Verbrechen der Menschheit.
Dass Autisten Gefühlen weniger Bedeutung geben, hat daher auch Vorteile. Der entscheidende ist: Oft können sie überdurchschnittlich klar denken. Nicht erst seit Spock, der als Halb-Vulkanier Eigenschaften von einem Volk geerbt hatte, das rationalen Überlegungen stets den Vorrang vor Affekten gab, wissen wir, dass die Crew eines Raumschiffs durch einen Menschen bereichert werden kann, der in der Lage ist, die segensreiche Seite des Autismus einzubringen.
Wahrheitsliebe
Es heißt, Autisten falle es schwer zu lügen. Das hängt mit ihrer Bevorzugung des logischen Denkens zusammen. Logisches Denken versucht möglichst klar zwischen wahr und unwahr zu unterscheiden. Eine Logik, die sich streng an der Wahrheit zu orientieren versucht, entspricht der Booleschen Algebra, die der binären Funktionsweise eines Computers zugrunde liegt. Für die Boolesche Logik ist etwas entweder wahr oder unwahr. Dazwischen gibt es nichts.
Während die kognitive Struktur des Autisten ihn eng an eindeutig wahre Aussagen bindet, folgt die Logik des neurotypischen Menschen einem anderen Prinzip: der Fuzzy- bzw. Unschärfelogik. Eine Tabelle zeigt die Unterschiede beider Prinzipien.
| Boolesche Logik | Fuzzylogik |
| autistisches Muster | neurotypisches Muster |
| Aussagen sind entweder wahr oder unwahr. | Aussagen sind mehr oder weniger wahr. |
| Ob eine Aussage wahr oder unwahr ist, entscheiden ausschließlich Fakten. | Aussagen wird ihr Wahrheitsgehalt situations- oder bedarfsorientiert zugeschrieben. |
| Was als wahr zu gelten hat, kann mit Sicherheit vorausgesagt werden. Es ist das, was wahr ist. | Was als Wahrheit gilt, ist Resultat einer persönlichen Wahrheitsinterpretation. |
Das Bemühen des Autisten, sich durch eindeutiges Wissen abzusichern, führt dazu, dass sein Ich eher der Wahrheit dient. Die Unschärfelogik des neurotypischen Menschen hält Spielräume offen, damit bei Bedarf nicht das Ich der Wahrheit dienen muss, sondern das, was als Wahrheit gilt, dem Ich dienen kann.
Sind Sie etwa Autist und planen, in die Politik zu gehen? Das könnte schwierig werden. Gerade in der Politik sind sie darauf angewiesen, die Wahrheit täglich neu zu interpretieren. Die Wahrheit neu zu interpretieren? Ist das nicht bereits ein Euphemismus, den strenge Logiker als Lüge bezeichnen? Prinzipien, die Sie heute mit Inbrunst als unverrückbar anpreisen, müssen Sie morgen womöglich der Lage anpassen. Sonst kriegen Sie dort keine Schnitte. Wäre das Ihr Ding?
Sie verstehen nicht, was mit keine Schnitte gemeint ist? Dann sind ihre autistischen Züge eher stark ausgeprägt. Keine Schnitte zu kriegen, ist eine metaphorische Redensart. Solche Redensarten zu verstehen, ist keine Stärke der Booleschen Logik.
Das bisher Gesagte unterstellt, dass die autistischen Muster individuell modulierbare Werkzeuge sind, die der Einzelne - wenn auch meist unbewusst - so doch trotzdem gezielt zur Befriedigung seiner Bedürfnisse und zur Abwehr von Ängsten einsetzt.
Die biologische Erklärung des Autismus geht von einer primär neuropsychologischer Ursache aus; nämlich einer neurologisch bedingten Teilleistungsschwäche, die es dem Betroffenen erschwert, emotionale Signale aus Mimik, Gestik und Sprachmelodie auszulesen. So wie der Farbenblinde blind für bestimmte Farben ist, sei der Autist sehbehindert bei der Wahrnehmung von Emotionen. So wie Farbenblindheit unheilbar sei, sei es auch das autistische Defizit. Das stimmt zum Teil, aber...
Bei der Beschreibung autistischer Muster sind wir auf etliche gestoßen, die man auch anderen Diagnosen zuordnen könnte. Schaut man jedoch genauer hin, erkennt man leicht, welche psychodynamischen Unterschiede hinter den phänomenologischen Ähnlichkeiten verborgen sind.
Die Selbstbezogenheit des Autisten geht über die des neurotypischen Menschen hinaus. Sie stand bei der Namensgebung des Autismus daher Pate. Auch eine andere Persönlichkeitsvariante zeichnet sich durch eine gesteigerte Selbstbezogenheit aus: die narzisstische Persönlichkeit. Wer Narzissten und Autisten vergleicht, merkt aber schnell, dass es sich bei der Selbstbezogenheit beider um verschiedene Muster handelt.
Der Autist bezieht sich auf sich selbst, um sich gegen Übergriffe von außen abzuschirmen. Der Narzisst greift nach außen aus, um sich von dort Bestätigung zu holen. Der Narzisst fordert viel von anderen. Der Autist will, dass man ihn in Ruhe lässt.
Zwei Varianten betonter Egozentrizität
| Narzisstisches Muster | Autistisches Muster |
| Das narzisstische Ich fordert Anerkennung von außen. | Das autistische Ich schirmt sich gegen die Außenwelt ab. |
| Verlangt im Mittelpunkt des Interesses andere zu stehen. | Will Mittelpunkt seiner selbst sein, ohne von außen abgelenkt zu werden. |
| offensiv, fordernd, vereinnahmend | defensiv, vermeidend, ausweichend |
Die narzisstische Selbstbezogenheit dient entweder der Steigerung des Selbstwertgefühls, oder sie ist bereits Ausdruck einer scheinbar selbstbewussten Ausprägung, die die Bewunderung der eigenen Person durch andere als einzig angemessenes interpersonelles Verhältnis empfindet. Das Selbstwertgefühl des Narzissten lebt vom Vergleich mit dem vermeintlich unterlegenen Wert anderer.
Im Gegensatz dazu hängt das Selbstwertgefühl des Autisten weit weniger von einer angeblichen Minderwertigkeit anderer ab. Der Autist genügt sich selbst, sobald er das Gefühl hat, über den Binnenraum der eigenen Person autonom zu bestimmen. Einzig seine überlegene Meisterschaft auf dem Gebiet seiner Spezialinteressen bereitet ihm einen narzisstischen Genuss, sobald die Meisterschaft im Vergleich zur Messlatte, die andere maximal überspringen, in aller Bescheidenheit deutlich wird.
Das tiefenpsychologische Grundmuster des Autisten ist im Grundsatz ängstlich-vermeidend; vermeidet er doch aus Angst vor den Gefahren der Außenwelt allzu sehr mit derselben in Kontakt zu kommen. Braucht man den Begriff Autismus dann überhaupt? Aus zweierlei Gründen braucht man ihn; denn obwohl sich die Resultate beider Muster im Alltag nicht selten ähneln, gibt es wesentliche Unterschiede:
Im Wahrnehmungshorizont der autistischen Persönlichkeit tauchen Gefühle gar nicht oder nur als nebensächliche Signale auf. Statt von bewusst wahrnehmbaren Gefühlen dazu bewegt zu werden, potenziell angsterregende Situationen zu vermeiden, findet der wache Verstand des Autisten genügend rationale Argumente, die der Inkaufnahme von Gefahren widersprechen; lange bevor Angst überhaupt sein Bewusstsein in signifikanter Stärke erreicht. Der Autist intellektualisiert so geschickt, dass Gefühle durch Affektisolierung aus seinem Bewusstsein abgespalten bleiben. Er ist so weit von der Vorstellung entfernt, sich freiwillig in Gefahr zu begeben, dass sein Bewusstsein die Angst nicht vorwegnimmt, wie es die lebhafte Phantasie der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeit tut.
Während beim ängstlich-vermeidenden Menschen die sekundären Gefahren im Vordergrund stehen, ist es beim Autisten die primäre Gefahr; nämlich die, über sich selbst die Kontrolle zu verlieren. Dem entsprechend ist ein ängstlich-vermeidender Mensch durchaus bereit, sich dem Kommando eines mächtigen Beschützers zu unterstellen, sobald der den Schutz vor den Wildschweinen verheißt. Der Autist empfände eine solche Unterordnung als inakzeptablen Verlust der Kontrolle über sein Ich. Sein Verstand fände gute Gründe dagegen; Gründe, die zu entkräften selbst der mächtigste Beschützer kaum je die Macht hätte. Wer Autisten kennt, weiß, dass sie nicht schwach sind. Wer über sie bestimmen will, erlebt sie als quasi unbesiegbar.
Ähnlichkeiten gibt es auch zwischen dem Autisten und der Zwanghaften Persönlichkeit. Beide neigen dazu, selbst Details genauer Kontrolle zu unterziehen. Beide wollen verhindern, dass die Welt sie übermannt. Aber auch hier ist ein wesentlicher Unterschied erkennbar:
Die autistische Strategie ist defensiver als die zwanghafte. Zwar verteidigt sich auch der Zwanghafte gegen die Übermacht der Welt. Insofern ist er defensiv. Bei seinem Kampf um Selbstbestimmung, greift er aber auf die Welt zu und versucht, sozusagen präventiv, über sie zu bestimmen. Im Gegensatz dazu kontrolliert der Autist nicht die Welt, sondern den Übergang zwischen ihr und sich selbst. Seine Strategie ist nicht der Präventivschlag, sondern die Grenzkontrolle.
Besonders deutlich wird der Unterschied beim Thema Zwangsritual. Zum Spektrum der Zwangsstörung gehören Rituale, deren Sinn es ist, gefährliche Tendenzen der Außenwelt durch Magie zu entkräften. Mithilfe des Rituals glaubt das zwanghafte Ich, auf das Nicht-Ich einzuwirken.
Das Pochen des Autisten auf komplexe Routinen, deren Einhaltung er quasi zwanghaft kontrolliert, dient nicht dazu, Macht über das Nicht-Ich zu erringen. Es dient lediglich dazu, das Nicht-Ich davon abzuhalten, die Grenze zu überschreiten und sich des autistischen Ichs zu bemächtigen. Die Routinen sind eine Art bürokratischer Manöver, die den Grenzverkehr auf jenes Ausmaß drosseln, das der Autist autonom überwachen kann.
Unterschiedliche Strategien
| Routine | Ritual |
| Der Autist baut Hürden auf, die die Kontrolle des Nicht-Ich über sein Ich erschweren. | Der Zwanghafte greift über die Grenze hinaus und versucht, das Nicht-Ich unter seine Kontrolle zu bringen. |
Wer Bedingungen stellt, macht sich abhängig von ihrer Erfüllung. Während das Kernmotiv des Autisten darin besteht, jedwede Abhängigkeit des Ichs vom Nicht-Ich zu vermeiden, führt seine Abwehrstrategie in neue Abhängigkeiten.
Gewiss: Die Abhängige Persönlichkeit macht sich sorglos von anderen Leuten abhängig; stets im Glauben, unter deren Führung besser durchs Leben zu kommen als unter eigener Regie. Das ist das Gegenteil von dem, was der Autist erreichen will. Trotz allem Bemühen, sich fremdem Einfluss zu entziehen, bleibt er aber unfrei; ausgerechnet als Folge jener Maßnahmen, die seine Freiheit sicherstellen sollen: den zahlreichen Bedingungen, die er dem Leben stellt. Meist stellt er sie nicht aus sachlicher Notwendigkeit, sondern um - aus Prinzip und zum Beweis seiner Freiheit - seinen Eigenwillen durchzusetzen.
Die Bedingungen, die der Autist als Einfuhrkontrollen gegen freiheitsberaubende Übergriffe des Nicht-Ich konzipiert, engen seinen Bewegungsspielraum ein. So kommt es, dass er sich in der Burg zwar sicher fühlt, dass er in der Enge des Gemäuers aber eingesperrt bleibt. Der Wunsch, unabhängig zu sein, führt ihn in die Abhängigkeit eines Sicherheitskonzeptes, das ihn unfrei macht.
Das primäre Motiv des Autisten ist es, nichts Äußeres über sein Inneres bestimmen zu lassen. Meist ist das Motiv unbewusst oder wird nicht als entscheidende Ursache der vielfältigen Nöte eines autistischen Daseins erkannt.
Da Autisten die Mauern, hinter denen sie gefangen sind, selbst errichten und Befreiungsversuche von außen als versuchte Enteignung ihres Selbstbestimmungsrechtes zurückweisen, bleibt zu ihrer Befreiung eigentlich nur die Selbsthilfe übrig. Dazu stehen zwei Mittel zur Verfügung:
Grenzöffnungen bedeuten Unsicherheit. Auch wenn es nicht zu seinem gewohnten Muster passt, Unsicherheiten bezüglich der Selbstbestimmung hinzunehmen, hat ein Autist durchaus Spielraum, den er durch bewusste Willensentscheidungen nutzen kann.
Kurzum: Auch ein Autist ist keine Maschine, die sklavisch entsprechend unverrückbarer Algorithmen zu funktionieren hat. Angst ist der Schwindel der Freiheit. So hat es Kierkegaard gesagt. Obwohl der Autist Gefühlen nur wenig Bedeutung zumessen mag, ist es trotzdem Angst, die ihn beherrscht. Solange er die Grenzen immer dicht hält, spürt er sie bloß nicht. Sobald er sie probeweise öffnet, kann er die Ängste in seinem Inneren orten; und durch Angstakzeptanz erkennen, dass sie nicht unüberwindlich sind.
Passiert etwas, das uns unverständlich ist, reagieren wir eher mit Angst, als wenn wir den gleichen Vorgang verstehen. Streiten nachts Katzen und Marder um die Vorherrschaft im Garten, kann deren Fauchen und Jaulen so klingen, als habe die Hölle eine Satansbrut in die Freiheit entlassen. Wer das Fauchen nicht zuordnen kann, bekommt es leicht mit der Angst zu tun. Wer aber weiß, dass possierliche Tierchen am Werke sind, schließt die Augen und schläft weiter.
Mit den schmerzhaften Folgen des autistischen Abwehrkampfs gegen Invasoren aus dem Umfeld, ist es ähnlich. Nicht zu verstehen, was hinter den vielfältigen Symptomen des autistischen Musters steht, schürt Angst und Unsicherheit. Wer die Mechanismen der Psychodynamik erkennt, kann das Bündel der Symptome sinnvollen Regeln zuordnen. Sobald die Logik der Ereignisse verstanden ist, wächst das Vertrauen in die eigene Selbstbestimmung. Im Umkehrschluss sinkt der Bedarf, komplizierte Manöver einzusetzen, um Selbstbestimmung programmatisch zu erzwingen.
Oft sind die verborgenen Ängste so groß, dass ohne Einsicht in die psychodynamischen Zusammenhänge kontrollierte Grenzöffnungen kaum möglich sind. Die Einsicht ist daher als Heilmittel höher zu bewerten als bloße Veränderungen des konkreten Verhaltens.