Seele und Gesundheit

Kurz und bündig 4


Zuversicht

Verzicht ist mit Zuversicht entschieden leichter zu leisten. Wem der Himmel die Gnade schenkt, an ein Paradies als Lohn des Verzichtes zu glauben, hat einen Vorteil: die Zuversicht, dass gegenwärtiger Verzicht zukünftiger Erfüllung nicht nur nicht im Wege steht, sondern sie sogar fördert. Mit einer solchen Aussicht lassen sich die Härten des Lebens gelassen ertragen.

Wer auf die Gnade dieser Zuversicht aber verzichten muss, weil ihm der heilsame Glaube fehlt, läuft Gefahr, Sklave eines unstillbaren Antriebs zu werden: nämlich jeden Hunger noch vor Ablauf des Lebens zu sättigen. Da das unmöglich ist, droht ihm ein Leben in Hast und Angst. Rettung bietet freiwilliger Verzicht: Wer freiwillig verzichtet, muss vom Leben nicht dazu gezwungen. Wer klug verzichtet, legt ein Stück Macht der Welt in die eigenen Hände.

Unersättlichkeit

Das Bewusstsein ist eine Errungenschaft der Evolution. Mit seiner Hilfe sind biologische Individuen in der Lage, vorausschauend zu handeln. Sie eignen sich vorsorglich Ressourcen an. Das verlängert ihre Lebensdauer.

Die Fähigkeit vorauszuschauen, bringt aber auch Gefahren mit sich. Wer vorausschaut, erkennt, dass er unweigerlich auf sein Ende zugeht. Die an sich sinnvolle Vorsorge für zukünftige Notlagen kann in der Folge in eine Unersättlichkeit entgleisen. Im Wissen, dass man niemals genug hat, um das Ende zu verhindern, versucht man, sich vorsorglich mehr und noch mehr anzueignen. Sich der Endlichkeit bewusst zu sein, fördert Gier und Geiz; oder die Weisheit, dass auch sie nichts nützen.

Komplexität

Bekanntermaßen streben Systeme gemäß dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik spontan und unumkehrbar der größtmöglichen ⇗Entropie entgegen. Entropie misst den Grad der Unstrukturiertheit. Je komplexer die Struktur eines Systems, desto niedriger ist ihre Entropie. Entropie kann nicht vernichtet, sondern nur umverteilt werden. Das heißt: Um die Entropie an einer Stelle zu senken, muss sie an einer anderen Stelle erhöht werden. Um die Komplexität einer Struktur zu steigern, bedarf es folglich eines Energieaufwandes, der andere Strukturen in Unordnung bringt.

Je strukturierter ein System ist, desto mehr Energie braucht man nicht nur für ihren Aufbau, sondern auch für ihre Aufrechterhaltung. Gesellschaften sind solche Systeme. Die Komplexität der gegenwärtigen Gesellschaft wächst durch Diversifizierung, technologischen Fortschritt und Regelungsaktivität. Je komplexer sie wird, desto mühsamer wird es, sie aufrechtzuerhalten. Besonders Berufstätige bekommen das zu spüren. Der Leistungsdruck, dem sie ausgesetzt sind, wird immer größer.

Oben hieß es: Um die Komplexität einer Struktur zu steigern, bedarf es eines Energieaufwandes, der andere Strukturen in Unordnung bringt. Der Zuwachs an Komplexität unserer Gesellschaftsstruktur geht mit einem Ordnungsverlust an anderen Stellen einher. Zu den anderen Stellen gehören:

Zugleich wächst die Anfälligkeit des Systems. Mit der Komplexität wächst die Gefahr, dass das System kollabiert, weil seine Aufrechterhaltung eines so großen Energieaufwandes bedarf, dass im Falle unvorhergesehener Belastungen keine Reserven mehr da sind, um Schwankungen auszugleichen.

Eine der wichtigsten Aufgaben der Politik wäre es daher, das ihre zu tun, um die Komplexität der Gesellschaft zu begrenzen, z. B. durch einfache Regeln und Verwaltungsstrukturen. Denn: Je komplexer eine Gesellschaft ist, desto mehr muss sie zerstören um sich selbst zu erhalten.

Tatsächlich ist das Gegenteil zu beobachten. Das ist kein Zufall. Die Begriffe komplex und Komplize sind eng miteinander verwandt. Beide entspringen den lateinischen Wörtern com = zusammen und plectere = flechten. In der repräsentativen Demokratie ist die Gefahr groß, dass bei Koalitionsverhandlungen Sachfragen der Gemeinschaft und persönliche Interessen der politischen Akteure dergestalt miteinander verflochten werden, dass die Komplexität durch komplizierte Kompromisse weiter steigt.