Seele und Gesundheit

Kausalität · Karma · Verantwortungsprinzip


  1. Begriffe
  2. Ebenen
  3. Maßnahmen und Ansatzpunkte
Ohne Kausalität hätte das Leben keine Grundlage. Leben ist die Fähigkeit dergestalt auf die Wirklichkeit einzuwirken, dass die Wirkung dem Lebendigen nützt. Wären Folgen Zufall, wäre das unmöglich. Mehr noch: Taten hätten keine Folgen.

Wer Entscheidungen trifft und demgemäß handelt, führt Ereignisse herbei. Keine Entscheidungen zu treffen, ist unmöglich.

Wer Ereignisse herbeiführt, ist ihren Bedingungen ausgesetzt. Auf die Bedingungen muss er Antworten finden.

Wenn der Schmetterling unbedacht mit dem falschen Flügel schlägt, kann ihm das einen Sturm einbringen. Besser, man achtet auch auf das, was man im Kleinen tut.

1. Begriffe

1.1. Ursache

Kausalität geht auf lateinisch causa zurück. Causa heißt Ursache. Der Begriff Ursache verweist auf ein Grundprinzip der Wirklichkeit: Sie ist geordnet. Die Ereignisse im Zeitverlauf der Wirklichkeit folgen einander nicht zufällig. Sie hängen zusammen; durch Regeln und Gesetze miteinander verknüpft.

Die Vorsilbe Ur- in Ursache drückt ein weiteres Grundprinzip der Wirklichkeit aus: Zeitlichkeit. Zur Ordnung der Wirklichkeit gehören nicht nur gesetzmäßige Bezugsverhältnisse zwischen verschiedenen Elementen in einer ewigen Gegenwart, zum Beispiel dem Verhältnis zwischen Radius und Umfang eines Kreises. Zustände der Wirklichkeit entstehen und vergehen vielmehr in einer Abfolge, sodass sie einander nicht im Jetzt begegnen, und trotzdem miteinander in Beziehung stehen. B ereignet sich nur, wenn sich zuvor A ereignet hat.

1.2. Karma

Der Begriff Karma (Sanskrit: कर्म = Handlung) entspringt der ostasiatischen Philosophie. Er gibt oft Anlass zu Resignation und Verantwortungslosigkeit. Man sagt: Das ist eben Karma, und meint damit ein Schicksal, dem man ausgeliefert ist, weil man in einem früheren Leben Dinge tat, für die man heute büßen muss.

Ob das Individuum Rechnungen zu begleichen hat, die aus früheren Leben offen sind, ist ungeklärt. Tatsache ist jedoch, dass karmatische Verknüpfungen bereits in dem Leben wirken, mit dem wir derzeit beschäftigt sind. Bloße Schicksalsergebenheit ist fehl am Platz.

Der Begriff Karma verweist auf den Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Was ich heute mache (persisch: kardan كردن = machen), ist die Ursache von Folgen, die in der Zukunft auf mich warten. Selbst wenn nicht alles von den eigenen Taten abhängt, stimmt der Satz. Handlung hat Folgen. Was man erlebt, hängt von dem ab, was man früher tat. Was man heute tut, stellt Weichen für die Zukunft.

1.3. Verantwortung

Das Individuum kann Ereignisse herbeiführen. Da heutige Ereignisse spätere Ereignisse bahnen, denen der Verursacher des früheren ausgesetzt ist, unterliegt der Verursacher dem Prinzip der Verantwortung. Das Prinzip besagt, dass jedes Individuum auf die Situation, in die es gerät, eine Antwort zu finden hat. Ob es will oder nicht! Dabei ist klar: Antworten zu finden, kann leicht sein; oder schwer. Antworten, die schwer zu finden sind, tun weh.

In der Zwischenzeit ist der November hereingebrochen.

Nützliche Regeln

Die Wahrscheinlichkeit, im Leben Erfolg zu haben, steigt mit der Bereitschaft, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Dazu gehört zweierlei:

  1. die Bewältigung von Missständen, die man unverschuldet zu ertragen hat, als Aufträge des Lebens zu betrachten.

  2. einzusehen, dass die wesentliche Ursache vieler Missstände im eigenen Fehlverhalten liegt.

2. Vorsorge

Dass es kausale Zusammenhänge gibt, hat zwei Seiten. Die eine bedrückt, die andere befreit. Die eine verdunkelt, die andere bringt Licht.

Zwei Gesichter der Kausalität

Man muss etwas tun.
Man kann etwas tun.

Das Befinden des Einzelnen hängt von zwei Komponenten ab:

  1. dem, was das Schicksal ihm vorgibt.
  2. dem, was er selbst bewirkt.

Die Vorgaben des Schicksals können als Zumutungen verstanden werden, über deren Ungerechtigkeit man sich beklagt. Die Klagen können vor einem Gottesbild oder vor anderen Leuten vorgetragen werden. Ob sich eine transzendente Macht durch Klagen persönlich angesprochen fühlt und in der Folge Abhilfe schafft, ist umstritten. Unzweifelhaft ist, dass andere Leute nicht selten so wohlmeinend sind, dass sie abmildernd auf die beklagten Missstände des Einzelnen einwirken.

Unzweifelhaft ist aber auch, dass andere Leute kaum je so abmildernd auf die Missstände des Einzelnen einwirken, dass der seine Klagen dauerhaft einstellt. Das hat zwei Ursachen:

Da der Ruf nach Rettung von außen nur begrenzte Reichweite hat, kommt dem, was man im Leben selbst tun kann, besondere Bedeutung zu. Dem Überblick zuliebe können drei Handlungsebenen unterschieden werden, deren Bearbeitung in der Wirklichkeit jedoch ineinander verzahnt ist. Man kann:

  1. technische Maßnahmen ergreifen, um die Beantwortung der Fragen des Lebens in der Zukunft zu erleichtern.
  2. die Beziehungen zu anderen Menschen verbessern.
  3. die Sichtweisen auf sich und die Welt grundsätzlich ändern, um mit der bestimmenden Instanz der Kausalität ins Reine zu kommen.
2.1. Technische Vorsorge

Technik geht auf Griechisch techne [τεχνη] = Kunst, Handwerk zurück. Zur selben Wurzel gehört lateinisch texere = weben, flechten, bauen, dem leicht hörbar der Text und das Textil entspringen. Mit Kunst und Handwerk sind Verfahrensweisen gemeint, die Abläufe der äußeren Wirklichkeit verändern. Da Lebewesen vorsorgen müssen, damit ihr Leben weitergeht, dienen technische Verfahrensweisen stets dazu, die Zukunft durch Ausnutzung kausaler Zusammenhänge günstig zu gestalten.

Das Murmeltier Jonathan ging bei der Anwendung der Kausalität auf die äußere Wirklichkeit mit gutem Beispiel voraus, indem es die Technik des Heueinbringens ausübte. Auch im Menschenleben dominiert zunächst die technische Vorsorge. Dazu hat die Menschheit hunderttausend unterschiedliche Verfahrensweisen erfunden, deren gemeinsame Grundlage die Ordnung der Wirklichkeit ist, die sich als Gewebe kausaler Vernetzungen darstellt. Nicht umsonst ist im Begriff Wirklichkeit das Verb wirken enthalten, das Pate bei der Geburt der veralteten Bezeichnung für Textilien stand: Wirkwaren.

2.2. Psychosoziale Bereinigung

Das Wohl des Menschen hängt nicht nur davon ab, was er durch seine alltagspraktischen Techniken bewirken kann. Sein Wohl ist vielmehr mit Gesetzmäßigkeiten verflochten, die individualpsychologisch und interaktionell wirksam sind. Wie ich mit mir und mit anderen umgehe, hat weitreichende Folgen. Beachte ich bei der Steuerung innerseelischer Befindlichkeiten und beim Umgang mit Bezugspersonen die Regeln der psychosozialen Interaktion, die uns der Himmel in die Wiege gelegt hat, habe ich mehr Einfluss darauf, wie es mir in der Zukunft gehen wird, als wenn ich willkürlich auf die Tastatur der Kommunikation haue.

Dabei gilt: Grobe Missachtung der Regeln führt bereits kurzfristig zur Verstimmung. Subtile Missachtung kann gravierende Wirkungen entfalten, die möglicherweise erst dann in Erscheinung treten, wenn es uns kaum noch gelingt, den Zusammenhang zu sehen.

2.3. Spirituelle Befreiung

Bei der Realitätsdeutung gibt es zwei grundsätzliche Muster.

Die Idee der Transzendenz ist der Ausgangspunkt aller Bemühungen, die sich mit der spirituellen Befreiung des Einzelnen aus den Begrenzungen der Personhaftigkeit befassen. Hier ist zwischen den Begrenzungen der Person und den Begrenzungen durch die Personhaftigkeit zu unterscheiden.

3. Maßnahmen und Ansatzpunkte

Die ostasiatischen Traditionen der Spiritualität empfehlen uns, "Gutes Karma" zu erzeugen. Ist die Idee nur den Asiaten gekommen? Keineswegs! Schon Seneca meinte vor 2000 Jahren:

Richtig zu leben, heißt nichts anderes, als die Gesetze der Kausalität, bei dem, was man tut, mit Weisheit und Mut zu beachten. Wer erkennt, dass er für die Zukunft, die er erleben wird, durch seine Taten unausweichlich selbst die Weichen stellt, wird rechtzeitig Verantwortung für das übernehmen, was er tut.

Liebkosungen

Den Kausalgesetzen unterworfen zu sein, ist oft ungemütlich. Oft ist es sogar unerbittlich. Das gibt Anlass zur Frage, ob wir der bestimmenden Kraft der Wirklichkeit überhaupt etwas wert sind. Und es gibt Anlass zur Frage, ob Wertschätzung, also die wohlmeinende Anerkennung einer Instanz durch andere bloß ein Hilfsmittel des menschlichen Denkens ist, um das Zusammenleben zu erleichtern, oder ob Wert an sich eine Größe ist, die auch jenseits ihrer anthropozentrischen Funktion bei der Glättung zwischenmenschlicher Konflikte eine ontische Grundlage hat; ob sie also im Sein der Wirklichkeit verankert ist.

Um ein Indiz zur Beantwortung dieser Fragen beizusteuern, dient ein erneuter Blick auf die Etymologie des Begriffs Kausalität. Dort entdecken wir: Das lateinische causa ist nicht nur Ursprung der Kausalität, es hat auch das Verb kosen hervorgebracht, das uns heute noch in liebkosen gegenwärtig ist.

Der Weg dorthin führte über das juristische Vokabular. Als causa bezeichnete man den Sachverhalt, der vor Gericht verhandelt wir. Da Verhandlungen bekanntlich verbal erfolgen, hat sich davon ausgehend das althochdeutsche Verb kōsōn = verhandeln, reden, erörtern, plaudern entwickelt. Bei einer Liebkosung handelt es sich dementsprechend um einen liebevollen Zuspruch, eine wohlmeinende Plauderei, bei der verbale Streicheleinheiten ausgetauscht werden.

Übertragen auf das Verhältnis zwischen uns und der bestimmenden Kraft der Wirklichkeit heißt das: Durch die Kausalität mutet uns der Himmel zwar einiges zu, indem er uns die Freiheit überlässt, die Gesetze der Kausalität für unser Gedeihen einzusetzen, verhält er aber sich so, als ob er uns einen Wert beimesse.

Wenn man den personifizierenden Begriff für das Absolute verwenden mag, kann man sagen: Kausalität ist die Sprache, durch die sich Gott tatsächlich mit uns unterhält.

Gutes Karma zu erzeugen, ist daher angebracht; egal unter welchen Folgen der Vergangenheit man leiden mag. Gutes Karma erzeugt man, indem man das Richtige tut. Alles andere macht keinen Sinn. Richtig ist, zu tun, was man für richtig hält. Um zu erkennen, was man für richtig hält, muss man ernsthaft danach fragen. Bloßen Gewohnheiten oder Impulsen zu folgen, reicht oft nicht aus.

Gehen Sie bei der Frage nach dem, was Sie für richtig halten, ins Detail. Bevor Sie etwas sagen oder tun, überprüfen Sie die Absicht, der Sie folgen. Halten Sie die Absicht selbst für gut? Nur eine Absicht, die Sie für gut halten, wird Ihnen selbst auch guttun.

Grundregeln zur Erzeugung guten Karmas

Sollten die Folgen unserer Taten uns nur diesseits des persönlichen Todes betreffen, macht die Erzeugung guten Karmas bereits Sinn. Sollten sie bis ins Jenseits reichen, haben wir dort Gelegenheit, uns daran zu erfreuen.

Eine Angelegenheit, die unser Wohl gewiss diesseits des Todes und womöglich jenseits davon bestimmt, verdient es näher untersucht zu werden. Wir greifen auf: Karma heißt Handlung, Tat. Was kann als Tat begriffen werden? Taten sind Eingriffe in die Wirklichkeit. Wo setzen sie an? Zwei Felder kommen in den Blick: außen und innen. Taten bewirken etwas um uns herum und sie bewirken etwas in uns selbst.

3.1. Außen

Die Gedanken sind frei. Man kann in Gedanken einem anderen den Schädel einschlagen, ohne dass ihm der geringste Schaden entsteht. Üble Folgen hat der Gedanke jedoch, wenn er umgesetzt wird, wenn also etwas passiert, das Veränderungen in der Realität hervorruft. Ein Schachzug, der in der Außenwelt Fakten schafft, kann leicht zur Ursache von Folgen werden, die uns entweder guttun oder nicht.

Um zu bestimmen, welche Taten uns guttun, bedarf es nicht viel. Es reicht ein Blick auf die Bedeutung des Wortes gut. Dabei entdecken wir, dass gut auf die indoeuropäische Wurzel ghedh- = zusammenfügen zurückgeht. Gut für uns ist, was unsere Einbettung in den Kontext bewirkt und damit unser Zugehörigkeitsbedürfnis befriedigt. Karmatisch gut sind Taten, die uns einen Platz im Ganzen sichern, an dem sich unser wahres Wesen verwirklichen kann. Dabei gilt zu beachten:

Die Einordnung des Guten ins Ganze ist keine Unterordnung Schwacher unter Mächtige.

Weil Menschen primär egozentrisch sind und miteinander konkurrieren, werden Einordnung und Unterordnung von Leuten mit Machtanspruch häufig gleichgesetzt. Es sind aber zwei verschiedene Dinge, weil sich das Wesen des Geistes nicht nur in der Zugehörigkeit verwirklicht, sondern substanziell auch in der Selbstbestimmung.

Karmatisch gut ist eine Kausalverkettung in der Realität daher nur, wenn der Einzelne am Platz im Ganzen, zu dem sie führt, frei ist, über sich selbst zu bestimmen.

3.2. Innen

Wenn ein Gedanke, der die selbstbestimmte Zugehörigkeit erst dann gefährdet, wenn ihm in der Außenwelt Taten folgen, könnte man meinen, innerseelische Ereignisse seien bei der Erzeugung "Guten Karmas" zu vernachlässigen. Dem ist nicht so.

Urteile und Bewertungen sind innerseelische Ereignisse. Sie steuern Gefühle und Stimmungen. Abgesehen davon, dass sich die Stimmung einer Person unmittelbar auf das Umfeld auswirkt, bahnen Gefühle und Stimmungen Handlungsbereitschaften. Handlungsbereitschaften gehen zwar nicht zwingend in faktische Taten über, statistisch gesehen aber doch. Wer schlechter Laune ist, sendet häufiger abwertende Botschaften, die negative Entwicklungen verursachen.

Abwertungen können drei Ziele treffen:

  1. den Absender
  2. seine unmittelbare Bezugsperson
  3. Dritte, einschließlich der Gesellschaft sowie die Welt als Ganzes

In allen drei Fällen riskieren Abwertungen zur Ursache negativer Entwicklungen zu werden.

Wohlgemerkt:
Weder eine kritische Betrachtung der eigenen Person noch die anderer ist grundsätzlich falsch. Auf Irrtümer - auch die anderer - hinzuweisen, läuft gutem Karma nicht zuwider; wenn die Kritik sachlich begründbar ist und bereit, sich ihrerseits sachlicher Kritik zu stellen. Erst wenn die Kritik nicht die Sache fokussiert, sondern Personen abwertet und aus der Gemeinschaft auszuschließen versucht, wird sie bedenklich.

In jedem auch das Gute zu sehen, bringt Gutes hervor.

Betrachtet man die Nachteile, die sich aus problematischen Urteilen und Bewertungen auch dann ergeben, wenn kein unmittelbarer Eingriff in die Realität erfolgt, wird klar, dass ein selbststeuernder Umgang mit innerseelischen Ereignissen beim sinnvollen Umgang mit dem Kausalitätsprinzip keineswegs zu vernachlässigen ist. Die Qualität der eigenen Urteile über die Wirklichkeit der Wirklichkeit anzupassen, statt sie als Werkzeug momentaner Entlastung zu missbrauchen, ist ein wesentlicher Baustein für zukünftiges Wohlbefinden.