Nur wenige werden im Laufe des Lebens vollständig geboren.

Die psychologische Geburt ist vollzogen, sobald ich erkenne, in eigener Sache selbst handeln zu können.

Die soziale Geburt ist vollzogen, wenn ich nicht mehr glaube, dass mir jemand etwas schuldet.

Die spirituelle Geburt ist vollzogen, wenn ich verstehe, dass ich nicht die Person bin, die ich im Spiegel sehe.

Heraushebung

Geboren zu werden heißt herausge­hoben zu sein. Darauf verweist der Begriff Heb­amme. Die Hebamme hebt das Neugebo­rene aus dem Mutterschoß heraus. Allem Geborenen kommt qua Geburt eine erhöhte Position zu.

Das Kind kommt auf die Welt, nicht in die Welt. Darin liegt die gleiche Aussage. Das Geborene liegt nicht nur in dem vor, worin es entsteht. Es liegt über dem, woraus es hervorgehoben wird.

Geburt


  1. Das Wesen des Geborenwerdens
  2. Vier Etappen auf dem Weg zur Reife
  3. Matrix und Existenz
  4. Entwicklungen im Mutterleib

1. Das Wesen des Geborenwerdens

Der Begriff Geburt besteht aus der Vorsilbe ge = zusammen und einer Abwandlung des althochdeutschen Verbs beran = tragen, hervor­bringen. Somit ist das Gebären ein Zusammentragen. Geboren zu werden bedeutet, aus einem Vorgang hervorzugehen, bei dem einfache Elemente zu einer komplexen Struktur zusammengesetzt werden.

Was umgangsprachlich als Geburt bezeichnet wird, nämlich der Wechsel des Kindes vom Mutterleib in die Außenwelt, ist lediglich ein spektaku­lärer Moment innerhalb eines langfristigen Vorgangs. Tatsächlich wird man nicht nur am Tag der Geburt geboren, sondern solange sich die Struktur, aus der man besteht, durch Integration weiterer Elemente vervollständigt.

Dass die übliche Verengung des Begriffs auf den Tag der Abnabelung vom Mutterleib den Vorgang der Geburt nur schemenhaft erfasst, macht die Betrachtung einer weiteren umgangssprachlichen Wendung deutlich. Man sagt: Das Kind ist auf die Welt gekommen. Dabei ist klar, dass es schon vor dem Verlassen des Mutterleibs auf der Welt war; es sei denn, man fasst die Gebärmutter als Bereich jenseits der Welt auf. Das wird man nicht machen.

2. Vier Etappen auf dem Weg zur Reife

Jede weitere Geburt nach der körper­lichen weist dem Geborenen eine existenziell hervorgehobene Position gegenüber dem zu, der den entsprechenden Schritt noch nicht vollzogen hat. Abhängigkeiten lösen sich auf, Zugehörigkeiten verändern sich, Selbstständigkeit wächst.

Betrachtet man die Geburt des Menschen als vielschichtiges Ereignis, stellt man fest, dass sie nicht nur einen funktionsfähigen Körper hervorbringt. Parallel zur Ausgestaltung des Körpers, gibt es drei weitere Geburten, die mit abnehmender Vollständigkeit vollzogen werden. Somit sind in einem Menschenleben vier Geburten auszumachen:

  1. Körperliche Geburt
  2. Psychologische Geburt
  3. Soziale Geburt
  4. Spirituelle Geburt
2.1. Körperliche Geburt

Die körperliche Geburt im weiteren Sinne zielt auf die Erschaffung eines selbständig funktionierenden Körpers ab. Sie umfasst drei Etappen:

  1. die foetale (griechisch phyton [φυτον] = Pflanze) Entwicklung im Mutterleib
  2. die Abnabelung vom Mutterleib
  3. die Entwicklung eines autonomen körperlichen Funktionsniveaus

Bis körperliche Selbständigkeit erreicht ist, dauert es in der Regel viele Jahre. Im hier genannten Wortsinn schließt die körperliche Geburt intrauterine und extrauterine Entwicklungen ein. Intrauterin (lateinisch uterus = Gebärmutter) entspricht der Embryonalzeit, extrauterin der Zeit nach der Abnabelung. Die Verwurzelung des Foetus (des Eingepflanzten) im Mutterleib wird durch die Abnabelung gelöst.

Körperliche Selbständigkeit ist erreicht, wenn ausgereifte Körperfunktionen es dem Kind erlauben, ohne den Schutz persönlich zuständiger Bezugspersonen zu überleben. Je nach sozialem Umfeld, physikalischen Umweltbedingungen und individuellem Entwick­lungstempo dauert diese Phase unterschiedlich lange.

Durch Gendefekte, Krankheiten, Unterernährung oder Unfallfolgen kann die Entwicklung eines autonomen Körpers aufgehalten werden. Die Folge davon kann eine dauerhafte Abhängigkeit von der Versorgung durch andere sein.

2.2. Psychologische Geburt

Paranoide Vermengung

Paranoides Erleben ist in besonderer Weise egozentrisch. Im Vollbild des paranoiden Wahns bezieht der Kranke alles auf sich selbst. Dinge, die ihn objektiv kaum betreffen, deutet er als Botschaft, Signal oder feindseliges Treiben, das unmittelbar auf ihn verweist. Die Leute haben nichts anderes zu tun, als ihn zu überwachen, ihn zu bewerten, ihn zu schädigen und über ihn zu reden.

Statt die Angst vor Abwertung und Ausgren­zung oder auch die vor der Bedeutungslosigkeit als innerseelisches Ereignis zu erkennen, vermengt der Paranoide Innerseelisches und Äußeres zu einem vermeintlich unauflösbaren Zusammenhang, in dessen Zentrum er seine Person platziert. Seine Person ist als mentales Konzept nicht aus dem Umfeld herausgeboren.

Paranoide Störungen sind oft unvollständig. Dann bezieht sich die Vermengung von innen und außen nur auf Teilbereiche des Weltbilds.

Die psychologische Geburt umfasst die Entstehung eines Selbst­bilds, das bewusst und zielsicher zwischen Ich und Nicht-Ich unterscheidet. Untersuchungen mit Kleinkindern machen deut­lich, dass das kindliche Bewusstsein die konzeptuelle Aufteilung der Wirklichkeit in Ich bzw. Nicht-Ich in der vorsprachlichen Lebensphase kaum vollzieht.

Erst beim Säugling reift die Unterscheidung des eigenen Körpers von der übrigen Welt und bei Kleinkindern Schritt für Schritt die Unterscheidung innerseelischer und außerseelischer Ereignisse. Ein polares Selbst- und Weltbild entsteht. Das Kind erkennt: Ich bin eine personale Einheit, die der Welt und den anderen als Anwalt eigener Interessen gegenübersteht.

Nach der Geburt des polaren Selbstbilds ist das Kind in der Lage zu verstehen, dass sich die eigene Sicht auf die Wirklichkeit von der Sicht anderer Personen unterscheidet. Es erkennt:

Jetzt kann es sich von der eigenen Perspektive gedanklich lösen und sich in die Perspektive anderer hineinversetzen.

Die psychologische Geburt kann durch endogene Ursachen oder schwere seelische Traumatisierungen gestört werden. Endogen heißt von innen heraus. Gemeint sind bislang unverstandene, wohl körperliche Faktoren, die psychotische Erlebnisweisen bahnen. Liegt eine Störung vor, erweist sich die Unterscheidung zwischen Ich und Nicht-Ich im Laufe des Lebens als brüchig. Betroffene Personen neigen dazu, bei seelischen Belastungen psychotisch zu entgleisen. Bei der psychotischen Entgleisung werden innerseelische und äußere Ereignisse zu einem paranoiden Erleben vermengt. Die Entgleisung kann vorübergehend oder chronisch sein.

Die psychologische Geburt ist keineswegs nur bei psychotischen Menschen unvollständig. Auch Menschen, deren psychologisches Funktionsniveau als normal bezeichnet wird, vollziehen die Unterscheidung zwischen Ich und Nicht-Ich nur selten ganz. Auch der normale Mensch handelt im Alltag oft so, als sei seine Sichtweise keine Sichtweise und damit relativ. Auch er geht oft stillschweigend davon aus, dass die Dinge 1:1 so sind, wie er sie sieht. In der Folge setzt er voraus, dass andere seine Sichtweisen zu teilen haben... und dass, sobald sie es nicht tun, bei ihnen - und nur bei ihnen - etwas nicht stimmen kann. Resultat sind Vorwurf, Forderung, Empörung, Abwertung, Kränkung und der schier endlose Streit der Menschheit darüber, was die einzig legitime Interpretation der Wirklichkeit ist.

2.3. Soziale Geburt

Nachdem das Individuum zwischen sich und anderen grundsätzlich unterscheiden kann, bleibt es oft ein Leben lang in das Gewebe wechselseitiger Erwartungen verstrickt, das von sozialen Gemeinschaften meist als selbstverständliche Grundlage menschlichen Zusammenlebens betrachtet wird. Lebensangst und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit festigen vermeintliche Loyalitätspflichten und eine Anspruchshaltung, die die psychologische Abhängigkeit vom Umfeld aufrechterhält. Der sozial Ungeborene wird als Person nie autonom. Stets schielt er nach der Bestätigung durch andere.

Kontaktmuster

Was Menschen verbindet, ist...
verstrickt oder bezogen
Wer sich verstrickt, macht den Anderen für das eigene Wohlbefinden verantwortlich. Der Andere soll dafür sorgen, dass man nicht einsam, traurig, gelangweilt oder eifersüchtig ist. Damit er die Aufgabe erfüllt, versucht man ihn gezielt oder verdeckt zu beeinflussen. Wer sich auf den Anderen bezieht, versucht zu erkennen, wie der Andere tatsächlich ist. Was er erkennt, lässt er so stehen. Er versucht, sich auf das Sosein des Anderen so einzustellen, dass es zu beiderlei Vorteil ist.
Der Verstrickte sieht weder sich selbst noch den Anderen. Er sieht nur das, was er vom Anderen erwartet. Er überprüft, ob das Erwartete eintrifft oder nicht. Dass der Andere abweichende Interessen hat, empfindet er als Missstand oder Verrat. Der Bezogene sieht sich und den Anderen. Er sucht Möglichkeiten, zwei unterschiedliche Interessen­felder vorteilhaft zu einer Partnerschaft zu verbinden.
Der Verstrickte will vollständige Übereinstimmung erzwingen. Der Bezogene akzeptiert, dass der gemeinsame Nenner unvollständig ist.

Die soziale Geburt ist vollzogen, wenn man andere nicht mehr als Werkzeuge zur Erfüllung eigener Bedürfnisse sieht. Dazu gehört, dass man die Verantwortung für das eigene Erleben vollständig übernimmt.

Die soziale Geburt ist ein großes Projekt. Normalerweise bleiben wir mehr oder weniger der Vorstellung treu, zur gesunden Kommunikation gehörten wechselseitige Ansprüche aneinander. Normale Beziehungen sind regelhaft von mehr oder weniger Verstrickung durchsetzt. Ohne uns der Fragwürdigkeit bewusst zu sein, leben wir in einem Netzwerk beengender Geschäfte und unausgesprochener Erwartungen:

Bewegung und Sichtbarkeit
Viele schrecken davor zurück, sich in Sichtweite anderer auffällig zu bewegen. Wenn sie tanzen, dann bestensfalls nach festen Regeln. Aber bloß nicht frei! Selbst vom Tisch aufzustehen, um das stille Örtchen anzusteuern, kann für sie eine Hürde sein; denn wer sich bewegt, wird sichtbar und wer sichtbar wird, kann anderen missfallen. Durch Unbeweglichkeit versuchen sie in der Gebärmutter umfassender Zugehörigkeit zu bleiben, doch da sie sich durch die Hemmung ihrer Impulse ständig selbst begrenzen, macht das Leben wenig Spaß und die Schwermut ist nah.

Sollte es Ihnen ähnlich ergehen, dann bewegen und gebären Sie sich. Kommen Sie ans Licht der Welt. Nehmen Sie es einfach hin, wie andere Sie empfangen. Schränken Sie Ihre Bewegungen nicht ein; bloß um nicht übel aufzufallen.

Übrigens: Die Angst aufzufallen entspringt nicht nur individualpsychologischen Entwicklungen. Sie ist genetisch gebahnt. Sie entspricht den Existenzbedingungen eigenbeweglicher Lebewesen, die zur Beute anderer werden könnten. Solange sich die Maus nicht bewegt, wird sie von der Katze übersehen. Geboren zu werden heißt auch, sich über die Schwerkraft der Gene hinwegzusetzen. Unter dem Einfluss unbewusster Erinnerungen kann sich der Mensch als Maus empfinden. Im Licht des Verstandes kann er erkennen: Das ist längst vorbei.

2.4. Spirituelle Geburt

Je mehr die soziale Geburt vollzogen wird und je mehr wir uns von der Vorstellung lösen, andere seien uns jenseits ausdrücklicher Absprachen überhaupt etwas schuldig, desto unbefangener können wir im eigenen Interesse handeln. Nach der sozialen Geburt ist das Ego in seine volle Handlungsfreiheit entlassen. Es muss nicht mehr so tun, als täte es etwas für andere. Es kann dazu stehen, nichts anderes als Ego zu sein. Mit dieser Sicht auf die Welt kann man zufrieden und erfolgreich leben; wenn man es hinnimmt, dass Zufriedenheit von äußeren Faktoren abhängig bleibt.

Von der überwertigen Sorge um das Wenige, was die eigene Person tatsäch­lich ist, wird man erst durch die spirituelle Geburt befreit.

Die Sicht des Egos auf die Wirklichkeit ist vom eigenen Vorteilsdenken bestimmt. Das Ego unterscheidet zwingend zwischen dem, was der Person nützt und dem, was ihr schadet. Das ist seine Aufgabe. Es wird nie etwas anderes tun.

Die Ausrichtung des Weltbilds am eigenen Vorteil verhindert jedoch, genau über diese Einschränkung hinauszublicken... und jenseits der Sorge um Vor- und Nachteil zu erfahren, dass sich das eigene Wesen nicht in der Sorge um die eigene Person erschöpft.

Der psychologisch Geborene sagt: Das ist die Wirklichkeit. Er sieht zuerst die Unter­schiede. Der spirituell Geborene sagt: Ich bin die Wirklichkeit. Er sieht zuerst die Einheit.

Das Ego zu übersteigen ist Thema der spirituellen Geburt. Dabei löst sich das Ich von der Vorstellung, seine Identität sei durch die Identifikation mit der Person und deren Eigenschaften zutref­fend bestimmt. Nach der spirituellen Geburt wird die Unterschei­dung zwischen Ich und Nicht-Ich als notwendiges Werkzeug einer vorläufigen Lebendigkeit erkannt, der aber keine endgültige Wirklichkeit zukommt. Jenseits der Unterscheidung fallen die Gegensätze in eins zusammen (Nikolaus von Kues, Giordano Bruno: Coincidentia oppositorum).

Reifungsschritte im Überblick

Stufe Ziel Störfaktoren Folgen gestörter Entwicklung
Körperliche Geburt Selbständig funktionierender Körper

Die Grundlage des Egos entsteht.

Genetische Defekte
Schwere Krankheiten
Unfallfolgen
Abhängigkeit von der Versorgung durch Bezugspersonen
Psychologische Geburt Stabile Unterscheidung zwischen Ich und Nicht-Ich

Ein separates Selbstbild entsteht.

Unbekannte endogene Faktoren (vermutlich Transmitterstörungen)
Schwere seelische Traumatisierungen
Anfälligkeit für psycho­tische Erlebnisweisen

Unvermögen, eigene Sichtweisen zu relativieren
Soziale Geburt Ablösung vom sozialen Anspruchsdenken

Das Ich übernimmt die Verantwortung für sich.

Neurotische Kommunikation im Elternhaus
Fehlende Übernahme der existenziellen Verantwor­tung für eigenes Erleben
Abhängige, unterwürfige oder fordernde Verhaltensmuster
Verleugnete Fixierung auf eigenen Egoismus
Persönlichkeitsstörungen
Spirituelle Geburt Auflösung der Identifi­kation mit dem Selbstbild

Das Ich befreit sich aus den Grenzen des Selbstbilds.

Fehlender Abschluss der psychologischen und sozialen Geburt
Desinteresse an religiösen Fragen
Normalität diesseits der absoluten Wirklichkeits­erfahrung

Verbleiben in der persön­lichen Vorstellungswelt

Durch die spirituelle Geburt wandelt sich das Selbstverständnis des Ich. Es setzt sich nicht mehr mit dem relativen Selbst gleich, sondern mit dem absoluten. Der Begriff Geburt kann dabei irreführend sein. Er ist als Sinnbild zu verstehen. Tatsächlich ist das absolute Selbst nicht zusammengetragen. Es bleibt somit ungeboren. Durch die "Geburt" wird es lediglich als Grundlage aller Erscheinungen entdeckt.

3. Matrix und Existenz

Existenz

Jede Existenz (lateinisch existere = herausragen) ist ein Herausragen in ein Begegnungsfeld. Jede Begegnung trägt den Keim einer potenziellen Gegnerschaft in sich. Mit dem Verlassen der biologischen Matrix des Mutterleibs gerät das Individuum in die Gegnerschaft zum physikalischen Umfeld. Mit der psychologischen Geburt formuliert es einen Gegensatz zwischen Ich und Nicht-Ich. Mit der sozialen Geburt löst es sich aus dem Schoß einer symbiotischen Gemeinschaft, um anderen als entbundene Person gegenüberzustehen, ohne sie für sich selbst zu verpflichten. Durch jede Geburt wird das Individuum existenter. Die letzte Matrix, aus der es entbunden werden kann, ist das Vor­stellungsbild der Gegnerschaft im Begegnungsfeld. Mit der spirituellen Geburt gibt das Ich den Anspruch auf, Anwalt in privater Sache zu sein. Es wird zum Ich der Wirklichkeit.

Durch jede Geburt wird eine Matrix verlassen. Die körperliche Geburt vollzieht sich in zwei Etappen. Durch die Abnabelung vom Mutterleib wird der kindliche Körper in eine vegetative Autonomie entlassen. Statt vom Mutterleib fließend mit Sauerstoff, Nahrung und Wärme versorgt zu werden, über­nimmt der Organismus grundlegende Stoffwechselprozesse selbst. Er atmet, verdaut und reguliert seine Temperatur.

Ein Neugeborenes ist nicht aus eigener Kraft lebensfähig. Zwar hat es die biologische Matrix des Mutterleibs verlassen und existiert nun als eigenständig vegetativ regulierter Organismus, es ist aber auf die interaktionelle Matrix der Mutter-Kind-Beziehung oder der Beziehung zu entsprech­enden Ersatzpersonen angewiesen.

Erst wenn die körperliche Reifung soweit fortgeschritten ist, dass das Kind auch ohne Bezugspersonen überleben kann, ist die körperliche Geburt im Sinne des Zusammentragens aller Bestandteile einer autonomen Ganzheit abgeschlossen.

Parallel zum zweiten Abschnitt der körperlichen vollzieht sich die psychologische Geburt. Während im Feld des frühkindlichen Bewusstseins mittelbare und unmittelbare Wahrnehmungen in ungeordeneter Vermengung auftauchen, ist nach Abschluss der psychologischen Geburt eine polare Vorstellung der Wirklichkeit entstanden, die zwischen Ich und Nicht-Ich unterscheidet. Das Selbstbild einer separat gedachten Person ist aus der Matrix eines undifferenzierten Bewusstseins entbunden.

Phasen

Mit dem Fortschritt der psychologischen Geburt setzt auch die soziale ein. Während der Säugling davon ausgeht, dass die Erfüllung aller Bedürfnisse aus der interaktionellen Matrix der mütterlichen Zuwendung heraus erfolgt, entdeckt das Kind mit der psycholo­gischen Geburt die Möglichkeit eigenständigen Handelns. Aus dem Konzept seines Ich bin dies, aber nicht das, formuliert es einen eigenen Willen: Ich will dies, aber das will ich nicht.

Matrizes

  1. Mutterleib
  2. Undifferenziertes Bewusstsein
  3. Anspruchsdenken
  4. Duales Selbst- und Weltbild

Einheiten, die nur Teile sind, begegnen anderen Einheiten. Sie sind daher zerbrechlich. Die Einheit, die alles umfasst, begegnet keiner anderen. Daher ist sie unvergänglich. Sie kann ihr Erscheinungsbild wandeln, nicht aber die Fähigkeit, es zu tun.

Die soziale Geburt führt nicht nur zum Konzept eines abgegrenzten Selbstbilds, sondern zur Übernahme der Verantwortung für die konzipierte Person. Die Ablösung aus der Mutter-Kind-Dyade (griechisch dyas [δυας] = Zweiheit) ist dabei nur ein erster Schritt. Abschließend vollzogen ist die soziale Geburt, wenn sich das Individuum dergestalt aus der Matrix des gesellschaftlichen Netzwerks ablöst, dass es andere nicht mehr für das eigene Wohl verantwortlich macht. Die soziale Geburt wird nur von wenigen je zu Ende gebracht. Fast jeder hegt unterschwellige Erwartungen an andere und grollt, sobald er sie unerfüllt sieht.

Mit der spirituellen Geburt verlässt das Ich seine letzte Matrix. Es löst sich von der Vorstellung als Ich in ein Nicht-Ich eingebunden zu sein. Es begreift sich nicht mehr als Existenz, die in ein Feld hinausragt, sondern als Sein, das das Feld umfasst. Dadurch macht es die Erfahrung der eigenen Unvergänglichkeit.

Gewohnheiten
Zu existieren heißt hinauszuragen. Hinauszuragen heißt Fremdem ausgesetzt zu sein. Fremdem ausgesetzt zu sein, ist mal segensreich, mal schmerzhaft. Dass Existenz schmerzt, kommt so oft vor, dass der Mensch stets versucht, sich vor ihren Kanten in Sicherheit zu bringen.

Wohnen hat mit Wonne zu tun, mit der Wonne, in ein Umfeld eingebettet zu sein, das mehr als die schiere Weite der ungeschützten Existenz auf die Bedürfnisse ihres Bewohners zugeschnitten ist.

Die Gewohnheit ist eine abstrakte Wohnung, bestehend aus eingeschliffenen Routinen. Routine geht auf französisch la route = der Weg sowie lateinisch rumpere = brechen zurück. So wie der gebahnte Weg das Gelände für den Reisenden glättet, schleift die Routine des Gewohnten die Existenzbedingungen für jene glatt, die das Gewohnte bewohnen.

Jetzt verstehen wir auch, warum es Menschen so schwer fällt, Gewohnheiten aufzugeben, selbst dann, wenn sie in ihrer Enge leiden und das Gewohnte ihre Entwicklung verhindert. Selbst die schlechteste Gewohnheit bietet Schutz vor weiterem Ausgesetztsein.

4. Entwicklungen im Mutterleib

Für das Verständnis der Entstehung des Bewusstseins wäre es aufschlussreich, mehr über die Entwicklung der Psyche im Mutterleib zu wissen. Vermutlich werden dort Grundsteine gelegt, auf denen später das Ich-Bewusstsein ruht. Darüber ist aber fast nichts bekannt. Verlässliche Erinnerungen, die überprüfbar auf tatsächlicher Wahrnehmung realer Erlebnisse beruhen, stehen nicht zur Verfügung. Die folgende Beschreibung ist daher ein intuitiver Versuch.

Die ersten neun Monate

Anfangs schwamm das Leben im Fruchtwasser und ein dunkler Rhythmus durchdrang wie das ewige Wogen der Brandung sein Reich. Die Welt war in wiegenden Wellen gelöst. Die Schwingung trug das Leben über alle Abgründe hinweg in einer Geborgenheit, in der es nichts davon ahnte, dass die Vibration, in deren Schoß es das Geheimnis entband, sich dereinst in eine Kaskade von Erschütterungen verwandeln würde, die es aus der Genügsamkeit seines abgeschiedenen Daseins ins Licht einer erstaunlichen Existenz hinauskatapultiert.

Nachdem es geraume Zeit vor sich hingedöst und die Existenz gleichmütig als ein Pulsieren hingenommen hatte, das ein bedingungsloses Schicksal vorgab, wurde das rhythmische Pochen immer lauter, so dass es die Vibrationen nicht mehr nur als den einzigen Inhalt des Daseins empfand, sondern sie als besonderes Phänomen sogar hörte. Das Pochen hatte seinen Ursprung in der Nähe. Und doch klang es im Vergleich zum lautlosen Beben, das den Kosmos bis dahin ohne Unterschied füllte, fern. Manchmal war kaum zu entscheiden, ob das Gehör selbst dieser schlagende Rhythmus war oder ob der Rhythmus es wie ein tanzender Raum umgab.

Als die Position des Horchens wechselte, kam das Pochen nicht mehr aus der gleichen Richtung. Es schien, als ob das Klopfen jenseits des Erwachens eigenständig war. Durch die Richtungswechsel, die ohne jedes Zutun einfach so geschahen, wurde das Lauschen des Erwachens peu-á-peu gebündelt, sodass es - angelockt vom Reiz der erstaunlichen Entdeckung - den Weltraum wie ein tastender Radarstrahl als dreidimensionales Phänomen erkunden konnte.

Die Richtungswechsel des Pochens, aus deren Echo das Erwachen überhaupt begann, machten es auf asymmetrische Spannungen und Strömungen aufmerksam, die die Fülle unter der regelmäßigen Brandung von Zeit zu Zeit verformten. Nach solchen Verformungen - die den Raum, den die Schwingung stets offenhielt, wie ein träges Schwappen durchzogen - stellte es fest, dass der Mond des Pochens am Himmel ein Stück um es herumgewandert war.

Seit das Leben Schwingungen nach Gehör und Schwerkraft unterschied, weil die eine Sorte laut und ausgerichtet war, während die zweite alles ohne Ursprung leis erfasste, trennte es vom durchgehend rhythmischen Bu-Bub ein stilles Schaukeln der Schwerkraft ab, das nur manches Mal zu spüren war, das sein Gemüt dann aber mehr als jedes Pochen in einen beruhigenden Bann zog.

Während das Erwachen die Aufmerksamkeit an wundersamen Vorgängen schulte, überkam es beim Schaukeln eine süße Müdigkeit, die alles, was seine erstaunte Neugier bis dahin in der Nähe versammeln konnte, sich in der Ferne des grenzenlosen Raumes wieder verlieren ließ.

Die Gleichgültigkeit, mit der alles Greifbare unaufhaltsam ins Nichts zerfloss, trug auch jenes allfällige Glucksen und Blubbern mit sich fort, das um das Zentrum herum scheinbar völlig regellos an- und abschwoll. Das Geblubber war dem Gehör von Anfang an derart ungeordnet vorgekommen, dass es darin verborgen keinen Halt und keine Botschaft suchte und sich die Jungfräulichkeit seines kaum erwachten Geistes lieber von der Symmetrie des Pochens fesseln ließ.

Kaum hatte den Geist nämlich wegen der unerklärlichen Richtungswechsel des Pochens eine erste Ahnung davon erreicht, dass er nicht nur als pulsierender Raum sich selbst mit unbegrenzter Majestät erfüllte, sondern dass er sich auch irgendwo in diesem rätselhaften Raum befand, wurde ihm schwindelig und instinktiv erdachte sich seine Phantasie zwei Hände, mit denen sie durch die Konzentration auf die Symmetrie des Pochens in der Bodenlosigkeit des Daseins einen ersten Halt fand.

Nach seinen ersten Ausflügen in die namenlose Existenz kehrte das Erwachen im Traum in den beruhigenden Schoß seines Ursprungs zurück. Dort gab es nichts, was wie alles Reale zu seinem Bestehen den Gegensatz braucht, der es durch die Spannung eines Widerspruchs über dem Abgrund des Nichts im Dasein hält. Dort ist das Tönen noch reine Stille und jeder Punkt übersteigt grenzenlos den Horizont. Dort dauert das Jetzt seit ewigen Zeiten und Alles weiß die volle Spanne seiner Möglichkeit. Dort erreichte der kindliche Geist noch mühelos Anfang und Ende jeder Welt.

Kaum hatte sich der Schlaf in dieser ursprünglichen Welt mit der Tatsache befreundet, dass man gar nicht zu existieren braucht, um da zu sein, wurde er durch heftige Erschütterungen wieder aufgeweckt, die in anderer Art als die jenseits des Traumes bemerkten Verspannungen für Unruhe sorgten. Hatten die Verspannungen ihren Ursprung überall und fühlten sie sich an, als sei der ganze Raum lebendig, so stieß der lebendige Kosmos nun an herandrängende Grenzen, die zwar nachgaben wie ein weicher Frauenschoß, die nichtsdestotrotz aber eindeutig Grenze waren und somit die Vermutung, dass der Aufmerksamkeit etwas wirklich anderes gegenüberstand, verstärkten.

Die Erschütterungen waren schließlich so heftig, dass die Aufmerksamkeit mit den Händen ihrer Phantasie nicht nur nach dem tröstlichen Pochen griff, sondern solange durch die pulsierenden Dimensionen ruderte, bis sie die Nabelschnur zu fassen bekam; was ihre Vorstellung von Halt, Ort und Mitte sich in fleischhafte Konkretion verdichten ließ. Zwar konnte sie nicht entscheiden, ob da nun Hand oder Schnur oder zylindrischer Widerstand war, doch in der Halle des Erwachens spürte sie, wie hunderttausend Boten eines Märchenreichs von außen über eine Brücke schritten, um im Inneren für einen Tag lang das Zentrum der Welt zu sein.

Je mehr das Erwachen diesseits seiner ozeanischen Träume reale Strukturen spürte, je mehr Oberflächen im Dunkeln aneinanderstießen, desto flacher wurden die Ausflüge seiner Träume in das ursprüngliche Reich der Einheit, in dem Fläche und Tiefe noch wie das Erbgut ungezeugter Zwillinge beieinander lagen. Je öfter die leibhaftigen Wallungen des Lebens die Achtsamkeit durchbebten und je häufiger sie dadurch mit den weichen Wänden ihrer Außenwelt zusammenstießen, desto mehr löste sich das Bild der Dinge aus der endlosen Freiheit der Pulsation - auf deren Wellen es die ganze Welt erkunden konnte - und bekam eine strukturierte Form, in der die Grenzen immer dichter wurden.

Es war, als ob die merkwürdige Begegnung des Unvereinbaren das Leben samt seiner Neugier mehr und mehr ins Freie lockte. So war es nach jedem Erwachen aus dem schwingenden Ozean ein wenig mehr dort wo die Dinge sind und je mehr Unterschiede die Achtsamkeit um sich herum bemerkte, desto mehr wurde ihre Phantasie an die Konkretion des Unterscheidbaren gefesselt.

Parallel zum Pochen und zum Wetterleuchten der animalischen Präsenz bemerkte sie, dass den Kosmos im trägen Wechsel Wellen aus Hell und Dunkel durchzogen. Das Licht des hellen Pols, das sie erst viel später als die Farbe Rot und das Symbol der Leidenschaft benennen konnte, empfing sie mit einem heiligen Schauer, als trüge ihr die Liebe von weiter Ferne eine Fackel zu.

Es war die verspielte Koinzidenz dreier Sinne - des Hörens, Fühlens und Sehens - die schließlich den Grundstein dafür legte, dass auch später, als tausend mal mehr Nuancen in ihrer Gegenwart zusammentrafen, die Präsenz sich stets als einen Zeitpunkt verstand, der wie der wandernde Gipfel eines Wellenberges über dem Ozean der Zeit nach Westen flog. Die wechselnden Ereignisse, die das Erwachen gemeinsam wie treue Gefährten bereisten, die dann aber auch einsam kamen und einsam gingen, ließen für immer vergessen, dass das Jetzt sowohl jetzt als auch dann sein kann und je mehr die Präsenz hier war, desto ferner entrückte das Dort und verwandelte sich in die Keimzelle eines mystischen Symbols und eines allerletzten Ziels. So entschwand aus dem sorglosen Räkeln der Welt endgültig der heilige Stillstand der Zeit. Von da ab ging alles unumkehrbar voran.

Als die Unumkehrbarkeit vollends der Welt zeitlicher Verläufe verschrieben war, kam es ihr vor, als sei Fühlen, Denken und Sein schon seit den mystischen Tagen der ersten Brandung Ausdruck einer steten Beschleunigung, die auf ein unausweichliches Gegenüber zielte.

Jetzt war der Geist soweit präsent, dass er im Hintergrund des Pochens und Glucksens Stimmen hörte, die sich in gedämpftem Kauderwelsch besprachen. Zunächst verstand er kein Wort, doch da die Stimmen eine bizarre Vielfalt akustischer Landschaften erzeugten, sanfte Hügel beschrieben, schroffe Zacken, Täler und Stürme hervorbrachten, verwandte er viel Zeit darauf, sich den Stimmen anzunähern - Zeit, von der er, seit ihrem Entschluss, aus dem Jetzt wie aus einer unversiegbaren Quelle hervor zu fließen, im Überfluss zu haben schien.

Es gelang ihm zwar nicht, die Hügel, Zacken, Täler und Stürme auseinanderzuhalten, doch stimmten gewisse Schwingungen, die die Landschaft der Laute durchzogen mit Resonanzen überein, die er in der Halle des Erwachens modulieren konnte, je nachdem, wie weit er deren Weite zuließ. Die Stimmungen, die so entstanden, gingen fließend ins Wellenmuster der sonstigen Phänomene über, aus denen der Geist selbst vor dem Aufbruch der Zeit entstanden war. Trotz seiner wachsenden Präsenz, war er dem Stoff seiner Träume noch nah. Noch fühlte er in sich das Echo der schwingenden Substanz.

Nachdem er im Reigen der akustischen Signale lange Zeit Differenzen spürte, deren Gestalt sich ihm verschloss, fiel ihm ein erstaunlicher Schlüssel zu: Manche Landschaften lagen da und zuckten im Lichtschein des geistigen Auges. Sie ließen sich betrachten, ohne dass die Betrachtung auf sie erkennbar Einfluss nahm. Andere Stimmen jedoch sprachen so, als ob sich ihre Melodie nach innen wandte und als ob sie im noch ungeborenen Inneren der Materie nach ihm suchten.

Im Laufe der Zeit engten die Wände der Welt das Wetterleuchten der Lebendigkeit mehr und mehr ein. Dann setzten die Wände nicht nur dem Strecken und Räkeln des Binnenraumes wachsenden Widerstand entgegen, sondern derbe Waschfrauenhände begannen von draußen sogar, das Innere wie einen Zuber nasser Wäsche durchzuwalken. Dazu sangen die Weiber Lieder, die Sehnsucht, Schmerz und Leidenschaft als die Pforten des Himmelreichs verhießen. War die Massage anfangs noch recht angenehm, sodass das dunkle Innere genüsslich mit einem Lächeln reagierte, nahm die Zudringlichkeit der Außenwelt jedoch langsam Überhand und als der betörende Gesang in qualvolles Stöhnen und Jammern überging, schlug die Belustigung jäh in blankes Entsetzen um.

Dann griff die schwielige Pranke eines erbarmungslosen Bauern unnachgiebig nach dem wimmernden Katzenkind, um den entsetzten Auswurf der organischen Gärung im nächsten Dorfteich zu ertränken. Die Welt verwandelte sich in eine hemmungslose Kraft, sodass alles, was sie einst für sicher hielt, in einem tosenden Strudel zu Ende ging.

Das Pochen verschwand, nachdem es für kurze Zeit auf der Flucht vor dem Häscher des Untergangs ein letztes Mal raste. Wellen und Schwingung verloren jede Harmonie, als stürze all das Wasser, das einstmals das Lied der Wale in sich trug, fassungslos verstummt in einen queren Abgrund ohne Wiederkehr. Die Brücke, über die bis dahin Boten in das verhüllte Innere schritten, zerbarst und aus ihren sicheren Planken platzten Raben, die sich kreischend und mit wirrem Flügelschlag in alle Welt versprengten. Von überall her rasten schwarze Wände heran, deren Ansturm die angstvollen Sinne bis zur Unkenntlichkeit zusammenpressten und als der Druck mit einem mal im Nichts verschwand, klatschte den Sinnen ein Licht entgegen, das so gleißend kalt erschien, als bräche es wie klirrendes Kristall aus blauem Eis hervor.

Wo bis zum Schneegestöber, das plötzlich aus kollabierenden Kulissen stürzte, noch rotes Dämmerlicht und abgedämpftes Raunen einer rätselhaften Märchenwelt zu hören war, gellte jetzt ein schneidend lautes Kreischen, das aller Welt wie ein Hornissenschwarm in Augen, Ohren, Knochen und Kehlkopf fuhr. Nachdem das Entsetzen in der Sturmflut seiner freigesetzten Sinne zunächst samt seinem Schrecken zu ertrinken glaubte, bemerkte es - da das Kreischen trotz des apokalyptischen Sturzflugs beharrlich weitergellte - dass es die Welt leeseits des Orkans noch immer gab. Da nahm die neu geborene Angst ihren ganzen Mut zusammen und blinzelte misstrauisch der entfesselten Zukunft ins Auge.

Das Diesseits war ein Hexenkessel tobender Bilder, wirrer Geräusche und fremder Gefühle. Wie eine Meute hungriger Hunde stürzten sie ins Bewusstsein, als stünde dort ein Napf gefüllt mit Fleisch. Jaulend balgten sich die Bilder um die Beute, gejagt vom Wahn, sie könnten ohne Fleisch nicht überleben. Das Wirrwarr rasender Kontraste einer knallbunten Halluzination ballte sich mit ruppig zerrenden Kräften zur wilden Fahrt auf einer Achterbahn, sodass das Neugeborene im deliranten Feuerwerk der Sinne fast den Verstand verlor.

Auf einmal brach ein Donnern archaischer Vokale, ein Schnarren, Keifen, Zischen und Summen aus jedem Strudel der Flut. Es klang wie Stimmen und Kauderwelsch, die es aus seinem Vorleben schon kannte - bloß dass jetzt jede Milde und Dämpfung aus der akustischen Landschaft verschwunden war und sich der Schall wie ein Wald von Steilwänden ins Licht erhob.

Statt Berge und Täler gab es Schluchten und Gipfel von denen der entsetzliche Spuk als dröhnendes Echo grüner, roter und blauer Fetzen über dem bangem Lauschen zusammenschlug und hoch über dem Gewitter der verwirrenden Stimmen erhob sich der Raum in eine Kälte, aus der ein Vogelschwarm ins Meer schoss und ihm die Fische stahl.

Das alles hätte den zarten Verstand übermannt, wäre nicht etwas Weiches vor ihm aufgetaucht, das den Tumult der Farben verschwinden ließ und das gellende Plärren zum Schweigen brachte. Als sich von den Gipfeln nebelverhangener Berge Bäche ergossen, begann er voller Inbrunst an der duftenden Vanille zu saugen, als gelte es, ausgesetzt im Taumel der Dinge, die verlorene Heimat wieder in sich aufzunehmen. Je mehr Manna aus den Gipfeln floss, desto ferner klangen auch die Stimmen und schon bald träumte das Leben davon, dass der erlittene Schrecken bloß Schabernack und Maskenball gewesen war.