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Seele und Gesundheit |
Als die Natur das BIOS (Biological Operating System) programmiert hat, hat sie es sich leicht gemacht. Die Software besteht aus drei Zeilen:
Hat das BIOS das Individuum gestartet, wird die zweite Schicht des Betriebssystems geladen. Sie umfasst, entsprechend der Spezies, die die Natur auf Tauglichkeit testen will, zusätzliche Regeln. Beim Menschen gehören folgende dazu, wobei individuelle Varianten möglich sind:
Es gibt kaum einen Menschen, der den Algorithmus der Softwareentwicklerin nicht voller Überzeugung ausführt. Raffiniert: Sie hat uns programmiert, das Programm, das uns steuert, für selbstverständlich zu halten.
Es mag sein, dass die Natur es gut mit uns meinte. Sie will, dass wir nach Angenehmem streben und Unangenehmes vermeiden. Mit Zuckerbrot und Peitsche dressiert sie uns, bei Fuß zu gehen.
Gut gemeint ist aber nicht immer dasselbe wie gut. Während das uralte Betriebssystem von der Amöbe bis zum Orang-Utan gute Dienste geleistet hat, macht es beim Menschen Probleme. Der Grund ist klar: Die Amöbe ist dumm genug, um das Programm nicht durch Schläue misszuverstehen. Beim Menschen ist es anders. Er ist schlau genug, um dumm zu sein.
Was heißt das?
Die Phantasie des Orang-Utans reicht nicht über ein paar Hektar Urwald und dessen überschaubare Möglichkeiten hinaus. Der Horizont der Amöbe endet am Rand des Teichs, der sie gefangen hält. Der Mensch blickt weiter. Das ist sein Problem. Während der Affe zufrieden ist, sobald er einen Baum mit reifen Früchten gefunden hat, denkt der Mensch:
Wo ein Baum ist, da könnten viele stehen. Wenn mir ein Baum eine Portion Wohlbefinden verschafft, verschaffen mir hundert Bäume die schiere Ekstase! Mathematisch begabt markiert er im Sand: 100 x Pw = sE. Heureka!
Von da ab ist der Mensch nicht mehr nur Werk der Natur, sondern Marionette seines Hungers nach Wohlbefinden. Er übertaktet das Programm. Sein Denken läuft in jeder wachen Stunde. Es arbeitet sich an der Frage ab, wie mehr Wohlbefinden erreicht und als Dauerzustand festgezurrt werden kann.
Zugegeben: Was sonst sollten wir mit dem Leben machen, als das? Nur die Hoffnung auf ein endgültiges Wohl verleiht dem Leben so viel Sinn, dass es Sinn macht, es überhaupt zu führen. Das Dumme ist nur: Von der Idee eines umfassenden Wohlbefindens besessen hasten wir hinter der Möhre her, wie der Esel, der sie trotz aller Mühen niemals erreicht. Wie sollte sich das gut anfühlen?
Das Wohlbefinden, von dem wir nämlich glauben, mit hundert multipliziert tue es hundert Mal so gut, ist nicht mehr als ein Trick der Natur, mit dem sie Affen durchs Leben treibt, damit sie ihre Gene übertragen. Den Akt der Übertragung hat die Natur gar mit so viel Wohlbefinden ausstaffiert, dass dem Affen im passenden Moment alles übrige egal ist.
Wer ein Glück sucht, das länger hält als das Wohlbefinden, das die List der Natur als Leckerli zur Lenkung ihrer Kreaturen vergibt, darf sich von Möhren nicht verleiten lassen. Möhren, selbst hundert davon, vergeben immer nur ein Wohlbefinden, das vorübergeht. Je mehr man davon isst, desto kürzer hält es an. Wahres Glück ist eins, das weder anfängt noch jemals endet.
Was ist zu tun?
Wann immer es Ihnen gutgeht... Messen Sie dem keine große Bedeutung bei. Erleben Sie es, ohne sich einzubilden, dass Sie etwas Wesentliches bekommen haben. Genießen Sie im Wissen, dass Genuss entflieht. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist das, was Sie empfinden, nicht das wahre Glück. Es ist Faksimile: ähnlich und doch nicht dasselbe.
Zum wahren Glück gehört, vom Durst danach befreit zu sein. Glücklich ist, wen die Welt durch nichts Flüchtiges mehr von sich besessen machen kann. Nur wer sich nicht von jedem Leckerli in eine Sackgasse locken lässt, hat eine Chance über die Programmierung hinweg zu springen und tatsächlich frei zu sein.