Seele und Gesundheit

Vorteil


Das Leben besteht aus der Suche nach dem, was Leben erhält.

Teile können durch Teile nicht endgültig ergänzt werden, sondern nur durch das Ganze.

Im säkularen Lebensstil suchen Menschen nach den Vorteilen, die ihr Jahrhundert bietet (lat.: saeculum = Jahrhundert), im transzendenten nach einem Heil, das darüber hinausgeht.

Das Wort Vorteil ist vielsagend. Es besteht aus zwei Teilen, von denen jeder auf eine ebenso vielsagende Zweiteilung verweist.

Wortpaare
vor nach
geteilt ganz

Offensichtlich verweist Vorteil auf Teile, die vorgezogen werden. Sobald man etwas vorzieht, stellt man etwas anderes zurück; jene Teile nämlich, die man als Nachteil empfindet. Die Suche nach Vorteilen und das Vermeiden von Nachteilen macht die wesentliche Aktivität biologischer Organismen aus. Nur so können sie ihrem Wesen entsprechen. Das Wesen des Lebens besteht darin, seinen Bestand durch eigene Aktivitäten zu sichern.

Lebende Organismen sind ihrerseits Teile und zwar solche, die sich selbst nicht genügen. Leben bedarf laufender Ergänzung. Mehr noch: Leben, das sich nicht um Ergänzung bemüht, genügt sich im Laufe der Zeit immer weniger und geht schließlich zugrunde. Um lebende Organismen zur entsprechenden Suche nach Ergänzung zu ermuntern, hat sich die Natur einen Trick ausgedacht: Sie lässt ihre Kreaturen den Pegelstand des Ergänzungsbedarfs spüren.

Der Trick der Natur ist notwendig, weil die Suche nach Ergänzung ihrerseits oft unangenehm ist; und mit Gefahren verbunden, die die lebendige Instanz keinesfalls als Vorteil betrachtet. Gelebt wird in der Natur nicht freiwillig, sondern unter Androhung roher Gewalt. Auf die Abenteuerlust ihrer Kreaturen allein vertraut die Natur jedenfalls nicht.

Das Leben in der Raumzeit bringt es mit sich, dass nichts so bleibt, wie es ist. Hat sich ein Teil, das sich selbst nicht genügt, durch den Erwerb eines Vorteils teilweise ergänzt, verblasst das Gefühl der Zufriedenheit mit der Zeit. Neuer Ergänzungsbedarf meldet sich als Unbehagen in unterschiedlicher Qualität und Überzeugungsstärke an.

Obwohl die Hoffnung, durch den Erwerb neuer Vorteile endgültig ergänzt zu werden, ein ums andere Mal enttäuscht wird, suchen Organismen immer weiter. Naiv, wie sie in der Regel sind, glauben sie, man könne der ständigen Wiederkehr des Unbehagens entkommen, indem man die wirklich richtigen Teile findet. Doch der Schein trügt. Selbst wenn man alles in seinen Besitz bringen könnte, wäre man nicht ganz, sondern bloß ein Teil, der viel besäße.

Teile verweist auf den Bereich der Wirklichkeit, in dem all das geschieht. Es ist der, der als Gefüge von Teilen in Raum und Zeit erkennbar ist. Man nennt ihn auch Diesseits, also die Seite der Wirklichkeit, die als dies und das in Erscheinung tritt.

Teile suchen Vorteile, um nach vorne zu rücken. Das Ganze steht unsichtbar im Hintergrund.

Wenn es ein Diesseits der Teile gibt, so folgert die Logik, entspricht ihm ein Jenseits davon; also ein ungeteilt Ganzes, das alles in sich vereint. Der letzte Grund, warum Leben unbeirrbar nach Ergänzung strebt, liegt darin, dass es wie alles Aufgeteilte dem Ungeteilten entspringt; und daher ahnt, dass es nur dort endgültig ruhen kann, wo es selbst Einheit ist.

Lebensstile
säkular transzendent
Beharren auf abgeteilter, also separater Existenz Preisgabe jeder Sonderstellung
Ergänzung durch Erwerb von Teilen Vertrauen auf ursprüngliche Ganzheit
Methoden
Auswahl des Angenehmen und Zurückweisung des Unangenehmen Bedingungslose Akzeptanz und bewusste Erfahrung

Solange der Glaube vorherrscht, dieser oder jener Teil des Ganzen zu sein, und nicht das Ganze selbst, wird der vor diesem Glauben Bestimmte nach den Vorteilen suchen, die das Viele zu bieten hat; statt nach dem Heil, das er nur als Ganzes finden kann. Wer ganz sein will, muss auf vieles verzichten, ohne zu wissen, wann er ganz sein kann. Was er sofort bekommt, ist die Freiheit vom Zwang, alles haben zu wollen.