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Seele und Gesundheit |
Selig sind die Armen im Geiste, denn das Himmelreich ist ihr. So heißt es in der Bibel (Matthäus 5,3). Wie über vieles, was dort steht und bei der Übersetzung des aramäischen Originals in andere Sprachen womöglich verfälscht wurde, kann man darüber diskutieren, was der Satz bedeutet.
Ungeachtet dessen, was Jesus tatsächlich meinte, eignet er sich jedoch zur Beschreibung einer Tugend, die bei der Wahrheitsfindung von Bedeutung ist: der intellektuellen Enthaltsamkeit.
Existenzielle Ausgangslage
Zu leben ist prekär. Was lebt, unterliegt ständiger Gefahr, vernichtet zu werden. Was liegt also näher, als sich gegen Bedrohungen aller Art zu wappnen? Das erreicht man am besten, indem man sich Mittel verschafft, die die Machtbalance zwischen der eigenen Person und der Welt, der man ausgesetzt ist, verschiebt.
Das ursprünglichste Mittel zur Abwehr von Gefahren ist Nahrung. Schon früh hat der Mensch erkannt, wie nützlich es ist, Lebensmittel anzuhäufen. Im weiteren Sinne ist auch alles Übrige, was dabei helfen kann, Gefahren abzuwehren, Mittel zum Leben. Dazu gehört vor allem Wissen.
Begriffsbestimmung
Intellekt geht auf lateinisch intellectus = innewerden, wahrnehmen zurück. Intellectus besteht aus der Vorsilbe inter = zwischen und dem Verb legere = sammeln, auswählen, auflesen. Der Intellekt sammelt Ausgewähltes.
Gut erkennbar sind Wählen und Sammeln in den Abwandlungen Legion und Lexikon. Eine Legion ist eine Truppe, die aus rekrutierbaren Männern ausgewählt wurde. Ein Lexikon enthält gesammelte Begriffe.
Die etymologische Herleitung des Begriffs Intellekt macht klar, wozu er dient. Der Intellekt ist ein Werkzeug, das Informationen sammelt. Dabei wählt er zwischen Wahrheit und Irrtum, weil ihm nur Wissen die Macht verleiht, die er braucht, um sich zu schützen. Glauben kann man vieles. Wissen kann man nur Wahrheit.
Dem Menschen geht es wie dem, der im Wald Pilze sucht. Er würde gerne viele finden. Vor allem solche, die man essen kann; deren Genießbarkeit also wahr ist. Hungrig, wie er nun mal ist, ist der Pilzsammler vom Eifer beseelt, sein Körbchen möglichst voll zu kriegen. Verführt ihn sein Eifer zum Leichtsinn, landen Pilze im Korb, deren Genießbarkeit er ungenügend überprüft hat.
Was für den Sammler Pilze sind, ist Wahrheit für den Intellekt. Da Wissen Macht bedeutet und sich daher gut anfühlt, will auch der Intellekt sein Körbchen schnell mit Pilzen füllen. Und schwupp, landen Dinge darin, die ihm zwar vorgaukeln, dass er viel weiß, mit denen er sich aber den Magen verdirbt. Oder daran stirbt!
Ist der Intellekt ein sorgfältiger Sammler, so wie er es seinem Wesen gemäß sein soll, wird ihm das nicht passieren. Statt im Eifer, alles wissen zu wollen, sein Körbchen voreilig zu füllen, übt er intellektuelle Enthaltsamkeit. Er anerkennt nur das als wahr, was er mit den Bordmitteln seines Geistes als wahr erkennen kann. Wenn man Wissen als Reichtümer des Geistes auffasst, bleibt er lieber arm, als dass er Informationen das Siegel korrekt erkannter Wahrheit verleiht, obwohl sie tatsächlich Irrtümer, Introjekte, Konventionen, Narrative, Hypothesen, Glaubenssätze oder Halbwahrheiten sind.
Wahrheit ist die Nahrung des Geistes. Falls Jesus mit dem Himmelreich eine geistige Sphäre reiner Wahrhaftigkeit meinte, wäre der Spruch, den die Bibel ihm zuschreibt, eine Empfehlung, intellektuell enthaltsam zu sein und auf das Wohlgefühl zu verzichten, das Menschen befällt, die mehr zu wissen meinen, als sie es tatsächlich tun. Besser man kommt spät an, als zu früh, aber gar nicht.
Aus vertiefter Selbstbetrachtung
Ich beobachte meine Gedanken. Zu dem Schluss kann man kommen, wenn man nach Innen blickt. Ist der Gedanke aber hinreichend enthaltsam? Wohl nicht. Er unterstellt, dass das Ich Besitzer "seiner" Gedanken ist. Da man daran zweifeln kann, ist es klüger, man sagt: Ich beobachte Gedanken.