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Seele und Gesundheit |
Gesetze sind die Medikamente der Gesellschaft. Wie Medikamente sollen sie Gutes bewirken. Wie Medikamente haben sie aber auch schädliche Nebenwirkungen, die vom Gesetzgeber oft nur wenig bedacht werden. Darüber hinaus können Gesetze problematische Wechselwirkungen untereinander haben, die nicht nur im Voraus kaum erkennbar sind, sondern auch im Nachhinein nur schwer zu durchschauen.
Eine portugiesische Weisheit besagt: Países que querem afundar, criam muitas leis. Länder, die untergehen wollen, schaffen sich viele Gesetze.
Ähnliches hat Tacitus bereits erkannt: Corruptissima re publica plurimae leges. Je korrupter der Staat, desto mehr Gesetze hat er.
Heutzutage wird der Patient Gesellschaft mit einer Gesamtdosis unzählbarer Medikamente behandelt, die kein Jurist mehr überblickt und die gegeneinander abzuwägen, Gerichte in der Regel Jahre brauchen. Viele dieser Gesetzesmedikamente werden nur verabreicht, um die Nebenwirkungen ihrer Vorgänger zu lindern. Manchmal tun sie es. Manchmal richten sie noch mehr Schaden an.
In der Medizin wird der Übereifer vieler Ärzte durch das Gebot, bloß nicht zu schaden, in vertretbares Fahrwasser gelenkt. Auch der Politik stünde die Weisheit gut an, dass ein sparsamer Einsatz von Regeln mehr nützt als zu viele. Qualität vor Quantität gilt auch hier.
Eine Regierung, die eine Legislaturperiode lang keine neuen Vorschriften erlässt, sondern das Land aus dem Zugriff überflüssiger befreit, könnte als Glückfall der Menschheit in die Geschichte eingehen. Die Chancen darauf sind gering. Legislatur enthält den Perfekt (latus) des lateinischen Verbs ferre = bringen. Die Geschichte scheint sich außerdem mit einer glücklichen Menschheit zu langweilen. Lieber hat sie dramatische Szenen, wo Affekte kochen, wo Blut und Tränen fließen. Darum werden uns auch weiterhin Vorschriften gemacht, bis die Geschichte bekommt, was sie will.