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Seele und Gesundheit |
Entkennung im hier verwendeten Sinn könnte man auch als Des-Identifikation bezeichnen. Des-Identifikation besteht aus drei Komponenten:
| Des- | ent- |
| idem | gleich |
| facere | machen |
Des-Identifikation heißt: damit aufhören, etwas gleichzusetzen.
Über den Begriff Des-Identifikation liest man jedoch schnell hinweg. Als Fremdwort bleibt er einem deutschen Leser blutleer. Das, was im Folgenden als Entkennung bezeichnet wird, ist für das Verständnis spiritueller Prozesse jedoch so wichtig, dass es sich lohnt, einen Begriff zu prägen, der mehr Aufmerksamkeit erregt. Die Gegenüberstellung zweier Sätze schafft eine erste Klärung.
Zwei komplementäre Aussagen
| Erkenne dich selbst. | Entkenne das Selbst. |
Hier wird der Begriff selbst in zwei Varianten verwendet.
Üblicherweise fasst die Person ihr Ich als ihr Selbst auf. Sie sagt: Ich bin ich selbst. Sie meint damit ihren Körper und die psychischen Prozesse, die diesen Körper bewusst oder unbewusst steuern. Die altgriechische Weisheit Erkenne dich selbst [Gnothi seauton (Γνωθι σεαυτον)] betont den Wert, den es für eine reife Persönlichkeit hat, sich ihrer seelischen Prozesse bewusst zu werden. Mehr noch: Die Kenntnis der seelischen Prozesse und die Reife der Persönlichkeit sind eins.
Beobachtet eine Person ihre seelischen Prozesse genauer, erkennt sie, dass die erkennende Instanz nicht mit dem identisch ist, was sie erkennt. Erkannt werden Gedanken, Gefühle, sinnliche Wahrnehmungen, Körperempfindungen, Impulse, Meinungen, Grundüberzeugungen etc. Identifiziert sich die Person mit diesen Inhalten, hat sie ihr relatives Selbst erfasst. Sie weiß, wie oder wer sie als Person ist. Sie weiß, wie sie in der Zeit erscheint.
Spirituelle Menschen gehen einen Schritt weiter. Sie fragen nicht, wie oder wer sie sind. Sie fragen, was sie sind. Was bin ich, ist die Frage nach dem absoluten Selbst.
Hier setzt der Prozess der Entkennung an. Um zu verhindern, dass die Person das, als was sie erscheint, mit dem verwechselt, was sie tatsächlich ist, gilt es die Gleichsetzung des Wie mit dem Was zu beenden. Einer Person, die ihr Ich kognitiv überschreitet, wird klar, dass sie nicht erkennt, was sie ist, sondern nur das erkennt, was sie im absoluten Sinne nicht ist. Um bei sich zu bleiben, statt voreilige Schlüsse zu ziehen, entkennt sie sich von dem, was sie bisher für sich hielt. Sie löst ihr Selbstbild auf. Sie macht sich klar, dass nicht sie ihr Selbst erkennt, sondern das Selbst ihr Ich.
Die vollständige Erkenntnis des relativen Selbst geht Hand in Hand mit der Entkennung des absoluten. Das heißt: mit dem Ende aller Irrtümer über das eigene Wesen.