Diesseits der Atmung erscheinen die Dinge. Jenseits davon sind sie.

Sich selbst erfahren kann sich das Ich nur, wenn es das Interesse am Konkreten, das sein Dasein ausmacht, überwindet und sich auf dem Weg zur Selbsterfahrung selbst verwirklicht. Dazu muss es über alles hinausgehen, wodurch es zur Person verkleinert wird.

Meditation

Nachträgliche Bemerkungen


  1. Ausgangslage
  2. Inhalte des Bewusstseins
  3. Meditationsobjekte

1. Ausgangslage

Das Ich entsteht, indem das Selbst als Person ins Dasein tritt. Als Person erfährt das Selbst ein Dasein, das an konkrete Bedingungen geknüpft und durch konkrete Horizonte begrenzt ist. Deshalb ist das Ich grundsätzlich interessiert. Interesse setzt sich aus den lateinischen Begriffen inter = zwischen und esse = sein zusammen. Das Ich ist an den Sachverhalten interessiert, zwischen die es durch sein Da-Sein, also durch die Festlegung des Ortes, an dem es erscheint, eingewoben ist.

Interesse kommt dem zu, was zwischen anderem ist, sich von diesem anderen unterscheidet und durch anderes eingegrenzt wird. Durch spirituelle Meditation versucht sich das Ich selbst zu erfahren. Das eigentliche Hindernis, auf das es dabei stößt, ist sein Interesse an dem, was mit seinem Dasein als konkrete Person an einem konkreten Ort in der Raumzeit zusammenhängt. Die Themen dieses Daseins füllen sein Bewusstsein mit großer Hartnäckigkeit. Das Ich kann sein Interesse an dem, was es persönlich betrifft, kaum hinter sich lassen, da das persönliche Ich mit dem Interesse an dem, was es ausmacht, zusammenfällt. Das persönliche Ich ist eine Reduktion des Selbst auf das, was sich selektiv für sich interessiert.

Spirituell kann sich das Ich nur erfahren, wenn es versteht, dass es kein persönliches Ich, also kein Ego ist, das einem Du oder Es begegnet, sondern ein Ich, das das Du und das Es bereits ist. Spirituelle Erkenntnis befreit aus der Enge des Egos. Aus dem Interesse an den Objekten wird ein Interesse für die Objekte.

Atommodell
Man kann die Person mit einem Atom vergleichen. Das Atom besteht aus einem Kern und einer Wolke Elektronen, die den Kern in einer Schicht umkreisen. Der Kern der Person definiert den Ort, an dem sie sich aufhält. Um den Kern herum befindet sich eine Wolke kreisender Ideen, die der Kern durch mächtige Kräfte in einen geistigen Horizont bindet, der, verglichen mit der Weite jenseits davon, ebenso eng ist, wie die Schicht der Elektronen, die den Atomkern umkreisen. Der Geist kann den Raum jenseits dieses Horizonts nicht erkunden, solange er vom Kraftfeld des Kerns an dessen persönliche Interessen gebunden ist.

2. Inhalte des Bewusstseins

Beobachtet man den Inhalt des eigenen Bewusstseins, erkennt man, dass dort dreierlei auftaucht:

  1. Wahrnehmungen, die durch Sensoren des Körpers vermittelt werden

    Sensorische Wahrnehmungen informieren über Zustände der Außenwelt oder den Funktionszustand des Körpers.

  2. Gedanken
  3. Gedanken beurteilen Qualität, Nutzwert oder Gefahrenpotenzial des Wahrgenommenen und entwerfen Modelle der Wirklichkeit.

  4. Gefühle und Stimmungen
  5. Gefühle und Stimmungen bewerten die Wirklichkeit, gemäß dem Bild, das sich der Geist zum Zeitpunkt der Bewertung von ihr macht.

Gedanken, sind vorübergehende Vorstellungen, die sich in immer neuen Varianten wiederholen und thematisch auf die Belange der eigenen Person verengt sind. Den Gedanken sind Gefühlsqualitäten zugeordnet, die das grundsätzliche Verhalten der Person durch Impulse, die der Gefühlsqualität entsprechen, in der Welt ausrichten.

Gefühl und Impuls

Im Modus des normalen Daseinsvollzugs wird das Bewusstsein durch eine kontinuierliche, ineinander verflochtene Abfolge von sensorischen Wahrnehmungen, Gedanken, Bewertungen, Gefühlen und Stimmungen ausgefüllt, die das Ich als unmittelbare Darstellung der Wirklichkeit deutet. Tatsächlich ist die Abfolge der Bewusstseinsinhalte aber ein Film, der aus flüchtigen Impressionen besteht. Er ist eine Wirklichkeitsdeutung und nicht die Wirklichkeit selbst. Als Hypothese steuert er die Person analog durch die Situationen, die sie zum jeweiligen Zeitpunkt durchquert.

Diese Steuerung ist weitgehend automatisiert. Die Entscheidungsprozesse, die dabei anfallen, werden nicht bewusst reflektiert, sondern anhand von Mustern vollzogen, die Ergebnis bisheriger Erfahrungen und daraus abgeleiteter Urteile sind. Nicht mehr reflektierte Urteile werden als Vorurteile bei der weiteren Realitätsdeutung als wahr vorausgesetzt. Sie erscheinen als selbstverständlich. Das heißt: Das Ich definiert sich auf Grund vermeintlich selbstverständlicher Urteile, deren Wahrheitsgehalt es nicht weiter überprüft.

Zu den Vorurteilen der normalen Realitätsdeutung gehört die Hypothese: Ich befinde mich als Teil in der Welt und erfahre sie von da aus. Der spirituelle Mensch stellt diese Annahme in Frage. Das heißt: Er nimmt sie nicht ungeprüft an. Er geht zu dem, was er bislang als Ich aufgefasst hat, auf beobachtende Distanz und versucht sich durch die Untersuchung des Erkennbaren in eine Position zu entbinden, von der aus er das Wesen des Ich als das erkennen kann, was es tatsächlich ist.

3. Meditationsobjekte

Im normalen Modus hat der Bewusstseinsfilm eine enorme Suggestionskraft. Er hypnotisiert den Betrachter und bindet dessen gesamte Aufmerksamkeit auf seine Inhalte. Durch die Bindung der Aufmerksamkeit steuert er das Verhalten nahtlos. Um das selektive Interesse von all dem abzulösen, was dem Ich durch sein Dasein an Thematik zufällt, benutzt der Meditierende sogenannte Meditationsobjekte. Dabei handelt es sich um Objekte auf die er seine Wahrnehmung bündelt um durch die Bündelung der Aufmerksamkeit auf das ausgewählte Objekt den Blick vom hypnotisierenden Film zu lösen.

Das wohl am häufigsten ausgewählte Meditationsobjekt ist die Atmung. Vordergründig hat sie den Vorteil, immer und überall dabei zu sein. Sie kann leicht bewusstgemacht werden und bietet ein überschaubares Feld der Betrachtung.

Die Atmung hat aber auch eine tiefe Bedeutung. Sie ist das Tor zwischen Leben und Tod und damit das Tor zwischen Sein und Erscheinung. Diesseits der Atmung befinden sich die Erscheinungen und damit das, was vom Sein vorübergehend verwirklicht ist. Jenseits der Atmung liegt zeitlose Möglichkeit. Da die Grenze zwischen Leben und Tod zugleich die Verbindung zwischen beiden Bereichen ist, durch die das eine jeweils ins andere übergehen kann, eignet sich die Fokussierung des Atems in besonderer Weise dazu, über die bloße Erscheinung hinauszublicken und nach dem Ausschau zu halten, was zeitlos ist: die Wahrheit, die einzig dazu führen kann, dass sich das Ich in ihrem Spiegel richtig erkennt.