Wer etwas schuldet, ist dem Anderen verpflichtet. Wer einem anderen verpflichtet ist, unterliegt einem Soll, das sein Sein aus seinem Zentrum zieht. Das Soll mindert die Freiheit des Selbst, ungestört es selbst zu sein.

Schuld verursacht eine Beziehungs­asymmetrie. Schuld unterwirft den Schuldigen einem äußeren Anspruch. Sie ordnet ihn unter. Dem Gläubiger fällt das Recht zu, über den Schuldner zu bestimmen. Das Selbstbestimmungs­recht des Schuldners wird einge­schränkt, seine Ebenbürtigkeit mit dem Gläubiger ausgesetzt. Ohne eine Tilgung der Schuld kann die Asymmetrie ignoriert, aber nicht aufgehoben werden.

Vergebung kann als Akt verstanden werden oder als innerseelischer Prozess. Als Akt wird sie vollzogen. Als Prozess wird sie durchlebt. Nur wenn der Prozess ohne Abkürzung durchlaufen wird, ist der Akt an seinem Ende gültig.
Vergebung

  1. Begriffsbestimmung
  2. Zwei Ebenen
    1. 2.1. Soziale Ebene
    2. 2.2. Existenzielle Ebene
    3. 2.3. Mischformen
  3. Bereinigung schuldbedingter Beziehungsstörungen
    1. 3.1. Tilgung sozialer Schuld durch Verzeihen
    2. 3.2. Tilgung existenzieller Schuld durch Vergebung
    3. 3.3. Das Interesse des Gläubigers
  4. Instanzen
    1. 4.1. Fälle
      1. 4.1.1. Einseitige Vergebung
      2. 4.1.2. Trügerische Vergebung
      3. 4.1.3. Stellvertretende Vergebung
      4. 4.1.4. Absurde Vergebung

1. Begriffsbestimmung

Vergeben, verzeihen und versöhnen befassen sich mit der Bereinigung gestörter Beziehungen. Der Mensch lebt stets in Beziehung. Sein Wohlbefinden hängt davon ab, ob das Bezogen-sein mit dem Selbst-sein übereinstimmt.

Bei einer Störung, die durch Vergebung, Verzeihung oder Versöhnung behoben wird, handelt es sich um eine Beziehungsstörung, die durch eine bestimmte Form von Schuld hervorgerufen ist: jener, die nicht durch die Rückgabe eines geschuldeten Gegenstands beglichen werden kann.

Grundformen der Schuld

Es gibt zwei Grundformen der Schuld:

  1. Schuld, die beglichenBeglichen heißt hier: Die Schuld kann durch das Gleiche, was sie verursacht, getilgt werden. werden kann

    • Anna schuldet Peter 300 Euro. Sobald sie ihm das Geld zurückgibt, ist die Schuld beglichen.

  2. Schuld, die vergeben bzw. verziehen werden kann

    • Aus Eifersucht hat Peter ein Foto zerrissen, das Anna mit Marvin zeigt und ihr am Herzen lag. Diese Schuld kann er nicht mehr begleichenNicht mehr begleichen heißt hier: Die Schuld kann nicht durch das Gleiche, das sie verursacht hat, beglichen werden. Peters Schuld wäre nicht dadurch beglichen, dass Anna ihrerseits ein Foto zerreißt.. Sie könnte ihm verziehen werden.

      Bevor Anna Peters Geld zurückgab, hat sie mehrfach Zusagen nicht eingehalten. Auch diese Schuld, kann nur verziehen werden.

Eine Betrachtung der Begriffe verdeutlicht die Vorgänge, die sie beschreiben.

Ver-

Alle drei Begriffe beginnen mit der Vorsilbe ver-. Ver- zeigt ein Hinüberführen bzw. eine Zustandsänderung an (siehe dazu auch hier und hier). Durch das Vergeben, Verzeihen und Versöhnen wird die gestörte Beziehung in einen stimmigen Zustand überführt.

Vergeben

Beim Vergeben wird die Zustandsänderung durch ein Weggeben bewirkt. Der Geschädigte gibt den Anspruch auf Ausgleich aus der Hand. Er bestätigt die Freiheit des Schuldners, indem er den Schuldschein verwirft.

Verzeihen

Das gemeingermanische Verb zeihen geht, wie das Verb zeigen, auf indoger­manisch deik- = zeigen zurück. Zeihen heißt eigentlich: auf den Schuldigen zeigen, also jemanden beschuldigen. Heute kommt zeihen nur noch im Verb verzeihen vor. Verzeihen heißt: den Anderen nicht mehr als Schuldigen anzeigen.

Versöhnen

Versöhnung geht auf mittelhochdeutsch süene bzw. suone = Schlichtung, Friede zurück. Das zugehörige Verb sühnen bezeichnet den Ausgleich einer Schuld durch Buße ... also die Übernahme einer ausgleichenden Last, die dem Schuldigen ein Leid aufbürdet, das dem Leid entspricht, das er verursacht hat. oder Wiedergutmachung.... also eine Ausgleichsleistung, die den Schaden des Geschädigten behebt. Es ist ablautend verwandt mit norwegisch svana = abnehmen, gestillt werden. Als Grundbedeutung der entsprechenden Wortfamilie wird beschwichtigen, still machen, beruhigen angenommen. Versöhnung kommt zustande, wenn der Groll, der durch die schuldhafte Handlung entstand, durch eine Sühneleistung beschwichtigt ist.

2. Zwei Ebenen

Vergebung und Verzeihung benennen vom Grundsatz her das Gleiche; aber nicht dasselbe. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird das Verb verzeihen auf die Bereinigung sozialer Schuld angewandt. In Analogie zum biblischen Vergib uns unsere Schuld, wird beim Verb vergeben an den Ausgleich existenzieller Schuld gedacht. Obwohl die Trennlinie unscharf ist...und die Begriffe umgangssprachlich oft synonym verwendet werden..., macht die Unterscheidung Sinn.

Parallel zur Unterscheidung zwischen sozialer und existenzieller Schuld, kann Schuld auch in leichte und schwere Schuld aufgeteilt werden. Dabei ist soziale Schuld vergleichsweise leicht. Existenzielle Schuld gilt grundsätzlich als schwer.

2.1. Soziale Ebene

Die Tilgung sozialer Schuld, die nicht beglichen werden kann, ist Aufgabe des Ver­zeihens. Soziale Schuld resultiert aus der Missachtung der Ebenbürtigkeit des Anderen. Der Wert des Anderen wird nicht beachtet.

Die schuldhafte Missachtung des Anderen führt bei rein sozialer Schuld zu einer Krän­kung, jedoch nicht zu einem nachhaltigen Schaden. Die Schuld kann verziehen werden.

2.2. Existenzielle Ebene

Die Tilgung existenzieller Schuld ist Aufgabe des Vergebens. Existenzielle Schuld ent­steht durch eine Schädigung des Anderen, die nicht mehr gut zu machen ist.

Kinder...

... können sich einem Klima ständiger Missachtung ihres Eigenwertes kaum entziehen. Tausend Kränkungen ihres Selbstwertgefühls summieren sich zu einem psychologischen Schaden, der ihr Leben überschattet. Die Täter können sich so in einer Weise schuldig machen, die nicht mehr zu verzeihen ist, sondern nur noch vergeben werden kann.

2.3. Mischformen

Theoretisch ist die Einteilung in soziale und existenzielle Schuld klar. Bei der ersten entsteht ein Gekränktsein, das im Grundsatz spurlos zu beheben ist, bei der zweiten ein Schaden, der schwer oder nicht mehr gut gemacht werden kann.

In der Praxis ist die Unterteilung jedoch unklar. Von der sozialen zur existenziellen Schuld gibt es Übergänge. Durch dauerhafte Missachtung der Gleichwertigkeit des Anderen können schwerwiegende psychologische und biographische Schäden entstehen.

3. Bereinigung schuldbedingter Beziehungsstörungen

Die Bereinigung schuldbedingter Störungen führt zur Versöhnung. Je nach Art der Schuld ist die Erfüllung unterschiedlicher Bedingungen erforderlich.

3.1. Tilgung sozialer Schuld durch Verzeihen

Indem Jan Heike die Wahrheit vorenthielt, hat er sich über sie gesetzt und versucht, ihre Entscheidungen in seinem Interesse zu manipulieren. Er hat Heikes Ebenbürtigkeit missachtetFalls Jan Heike außerdem Treue versprach, ist sein Techtelmechtel mit Britta eine zweite Quelle sozialer Schuld..

Heike kann Jan verzeihen, wenn er ihr die uneingeschränkte Wahrheit zur Verfügung stellt und die Schuldhaftigkeit seiner Lüge eindeutig benennt. Mit beidem bestätigt Jan, dass er Heike nun als ebenbürtig anerkennt.

3.2. Tilgung existenzieller Schuld durch Vergebung

Benjamin hat sein Leben nach dem Unfall umgekrempelt. Er hat keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. Er hat nichts getan, um sich vor der Wucht der Justiz zu schützen. Er hat keine Ausreden erfunden, um das Ausmaß seiner Schuld kleinzurechnen. Er hat das Kind und seine Eltern unter Tränen um Vergebung gebeten. Er engagiert sich ehrenamtlich für Behinderte. Er ist bereit, Schuld solange zu empfinden, wie das Leben es für richtig hält.

3.3. Das Interesse des Gläubigers

Nicht nur der Schuldige hat einen Vorteil, wenn ihm vergebenAus stilistischen Gründen werden die Begriffe vergeben und verzeihen von nun ab auch stellvertretend für den jeweils anderen gebraucht. wird. Auch das Wohlbefinden des Gläubigers hängt davon ab, ob er vergibt oder nicht.

Der Anspruch auf Begleichung einer Schuld setzt auch die Freiheit dessen herab, der den Anspruch erhebt. Ein Anspruch, der nicht aufgegeben wird, bindet die Achtsamkeit des Gläubigers an die Person, gegen die er Vorwürfe erhebt. Das mindert seine Freiheit, anderweitig Gutes zu genießen. Zum Schaden, den er durch den Schuldigen erlitten hat, kommt der Schaden, den er durch Unversöhnlichkeit verursacht.

Bei der Vergebung ist der Schuldige dem Gläubiger nicht ausgeliefert. Vergebung kann nicht nur der Gläubiger erteilen, sondern auch das Gewissen des Schuldigen. Eigentlich ist das Gewissen die oberste Instanz.

4. Instanzen

Vergeben und Verzeihen sind Beziehungsakte. Sie bedürfen einer Instanz, die Vergebung erteilt und einer zweiten, die sie empfängt. Ihre Dynamik spielt sich zunächst zwischen Personen ab. Diese Sicht greift jedoch zu kurz. Vergebung und Verzeihung sind keine ausschließlich zwischen­menschlichen Ereignisse. Sie erfordern innerseelische Vorgänge. Zuweilen gründen sie ausschließlich darauf.

Die Grundlage echter Vergebung ist die Läuterung des Schuldigen. Dazu gehören vier Schritte, die von Fall zu Fall aufeinander auszurichten sind.

Schritte zur Vergebung

Schritt Bedeutung
Erkennen der Schuld Erklärt das Weltbild des Schuldigen die Schuld zu Recht, ist Läuterung nicht möglich.
Anerkennen der Schuld Erkennt der Schuldige die Schuld, behält er aber seine Erkenntnis für sich, reicht das nicht aus. Zumindest auf Nachfrage hat er die Schuld dem Anderen gegenüber anzuerkennen.
Durchleben des Schuldgefühls Gefühle sind Wirkfaktoren innerseelischer Entwicklungen. Sie wirken nur dann ungehindert, wenn man ihre Einwirkung nicht steuert. Nur wenn ich mich dem Schuldgefühl vollständig überlasse, kann ich es vollständig durchleben. Nur dann bewirkt es das, wozu es gut ist. Nur dann kann es vollständig überwunden werden. Ansonsten wird es verdrängt.
Tätige Wiedergutmachung Bei Schuld, die nur vergeben werden kann, ist der faktische Schaden nicht mehr gutzumachen. Alternativ kann im Sinne tätiger Reue jedoch anderes gut gemacht werden.

Hat der Schuldige alle vier Schritte durchlaufen, kann Vergebung durch zwei Instanzen erteilt werden:

  1. Den Geschädigten
  2. Das Gewissen des Schuldigen
4.1. Fälle

Die Wirklichkeit neigt dazu, sich nicht an den theoretischen Verlauf zu halten, den der Betrachter ihr zuschreibt. Neben dem idealtypischen Verlauf, der über die Läuterung des Schuldigen zu dessen Freispruch durch beide Instanzen führt, gibt es Varianten. Je nachdem, welche Wege dabei beschritten werden, wird Vergebung im eigentlichen Sinne verwirklicht oder nicht.

4.1.1. Einseitige Vergebung

Wie gesagt: Im idealen Fall wird die schuldbedingte Beziehungsstörung bereinigt, indem die Schuld von beiden Instanzen vergeben wird. Es gibt jedoch Fälle, in denen nur eine der beiden Instanzen vergibt.

Harmoniebedürfnisse
Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Harmonie ist eine wichtige Wirkkraft im sozialen Gefüge. Es fördert die Bereitschaft zur Versöhnung. Das Bedürfnis kann Gemeinschaften aber auch korrumpieren. Wenn Vergebung aus Verlustangst voreilig gewährt wird oder wechselseitige Akzeptanz als ideologischer Vorsatz propagiert, ist die Gefahr groß, dass unter der scheinbaren Harmonie eine Beziehungsstörung schwelt, die das Klima auf Dauer vergiftet.
4.1.2. Trügerische Vergebung

Vergebung kann auch trügerisch sein. Ist der Geschädigte so harmoniebedürftig, dass er die Spannung einer Beziehungs­störung nicht aushält, kann es sein, dass ihn seine Verlustangst dazu verleitet, vorgeblich zu vergeben, obwohl er im Herzen nicht wirklich vergeben kann.

4.1.3. Stellvertretende Vergebung

Bei der echten Vergebung sind nur zwei Instanzen im Spiel: Der Geschädigte und das Gewissen des Schuldigen.

Im Kulturkreis der konfessionellen Religionsauffassung hat die stellvertretende Vergeb­ung echter, eingeredeter und eingebildeter Schuld Tradition. Sie ist eine Existenz­grundlage des konfessionellen Priestertums.

Beim stellvertretenden Schulderlass werden die eigentlichen Instanzen der Vergebung außer Kraft gesetzt. Statt durch den Geschädigten oder das Gewissen des Schuldigen wird Vergebung verbal durch einen Dritten erteilt. Das ist ein Hilfskonstrukt, das unter gegebenen Umständen sinnvoll ist.

Wann macht stellvertretende Vergebung Sinn?

Stellvertretende Vergebung macht Sinn, wenn der Schuldige...

  1. unter Schuldgefühlen leidet, die sein weiteres Wohlergehen gefährden, und wenn er...

  2. intellektuell nicht in der Lage ist, das Schulderlebnis so zu verarbeiten, dass er durch einen eigenständigen Gewissensentscheid vom Schuldgefühl befreit werden kann.

Fälle bei denen die stellvertretende Vergebung sinnvoll ist, sind selten. In der abend­ländischen Tradition ist sie zumeist keine Anwendung eines sinnvollen Hilfskonstrukts, sondern ein soziales Geschäft zwischen Laie und Priester.

So nutzlos, wie es theoretisch erscheinen mag, ist die stellvertretende Vergebung im Beichtstuhl nicht immer. Immerhin wird erlebte Schuld einem anderen Menschen gegenüber zugegebenEs ist für Jan allerdings leichter, seine Untreue dem Priester als Heike zu beichten. Wenn er mit ein paar Rosenkränzen davonkommt, macht sein Ego ein Geschäft, von dem sein Selbst nicht profitiert. Der Umweg über den Priester ist ein billiger Kurzschluss, der echte Läuterung verhindert. Was juckt mich mein Gewissen, wenn mir der Glaube doch Absolution erteilt?. Das ist einer der vier oben genannten Schritte auf dem Weg zur Vergebung. Und schließlich ist davon auszugehen, dass die Mehrzahl der Büßer das Ritual nicht soweit missbraucht, dass sie eine Auseinandersetzung mit dem Gewissen dadurch vollständig umgehen.

Der Laie zahlt mit zweierlei:

  1. Der KirchensteuerGalater 6, 6:*
    Wer sich unterweisen läßt im Worte, gebe dem, der ihn unterweist, Anteil an allen Gütern.

    1 Timotheus 5, 17:*
    Presbyter, die gute Vorsteher sind, halte man doppelter Ehre wert... Denn es sagt die Schrift: "Du sollst einem dreschenden Ochsen das Maul nicht verbinden" (5 Moses 25,4).
    , von der der Priester lebt

  2. Der Befriedigung der narzisstischen Bedürfnisse des Priesters. Indem der Laie den Priester zwecks Schulderlass anspricht, festigt er dessen Illusion, dazu von Gott befähigt worden zu sein.

Im Austausch dazu befreit der Priester den Laien von der Not­wendigkeit eigenständiger Gewissensprüfung. Statt sich Schuld und Schuldgefühl zu stellen, führt der Laie Anweisungen aus, nach deren Ausführung sich sein Ego schuldfrei wähnt.

4.1.4. Absurde Vergebung

Vergebung macht nur Sinn, wo tatsächliche Schuld entsteht. Schuld, die nur auf Illusion beruht, kann nicht vergeben werden, da sie nie zustande kam. Schuldgefühle, die auf einer wahnhaften Verkennung der Realität beruhen, werden nicht durch Vergebung getilgt, sondern durch Einsicht beseitigt... oder im Falle produktiver Psychosen durch Medikamente gedämpft..

Ideologisch geschlossene Weltanschauungen entwerfen regelhaft Moralvorstellungen, deren Missachtung eine vermeintliche Schuld erzeugt, die angeblich nur durch die Re­präsentanten der Gemeinschaft und die Bereitschaft zur Unterwerfung vergeben werden kann. Die Vergebung, die sie nach erfolgter Unterwerfung erteilen, ist absurd. Wenn Bernhards Beichtvater, nach erfolgter Buße, die Schuld an dessen erotischem Interesse an Rosamunde "vergibt", wird ein Hirngespinst durch ein anderes ersetzt.


* Die Heilige Schrift / Familienbibel / Altes und Neues Testament, Verlag des Borromäus­vereins Bonn von 1966.