Unser Weltbild ist die Karte, an Hand derer wir uns in der Realität orientieren. Je mehr wir sie durch Urteile vereinfachen, desto öfter stolpern wir über das, was wirklich ist.
Beim Urteilen wird das ursprünglich ungeteilte Ganze aufgeteilt und den Zwecken dessen zugeordnet, der das Urteil fällt.
Seelische Gesundheit ist die Übereinstimmung von Weltbild und Wirklichkeit. Je mehr das Weltbild durch Vorurteile gestört wird, desto kränker wird man.
Zuletzt ist jedes Urteil falsch, weil es an einer Ganzheit scheitert, über die sich nichts erheben kann.
"Urteil" setzt sich aus dem Verb "teilen" und der Vorsilbe "ur" zusammen. "Ur" heißt ursprünglich "aus heraus" und bezeichnet somit den Beginn eines Geschehens. In seiner abgeschwächten Form "er" taucht es vor vielen Verben auf. Es denkt dort nicht nur Beginn, sondern auch Abschluss und Zweck von Ereignissen mit.
Das Urteil der Rechtsprechung nimmt Güter (z.B. Land, Freiheit und Gerechtigkeit) aus dem Fundus des Verfügbaren heraus und teilt sie den Parteien zu.
Das Urteilen ist eine grundsätzliche Aktivität unseres Geistes. Es führt zur Ur-Teilung unseres Weltbildes in Gegensatzpaare. Diese Aufteilung erleichtert uns die Orientierung in der Außenwelt.
Gegensatzpaare| Kategorie | Beispiele | Was bestimmt den Unterschied? |
| sinnlich | kalt-warm groß-klein hell-dunkel rot-grün |
Die Dinge selbst |
| abstrakt | gut-böse gut-schlecht nützlich-nutzlos sinnvoll-sinnlos |
Unsere Erwartungen |
Die Aufteilung in Gegensatzpaare zwecks besserer Orientierung hat jedoch Nebenwirkungen. Sie vereinfacht unser Weltbild und fördert damit unsere Bereitschaft, die Wirklichkeit als bekannt vorauszusetzen...und sie damit zu übersehen.
Bei den einfachen Gegensatzpaaren der sinnlichen Wahrnehmung (kalt-warm) sind die Nebenwirkungen gering. Ob wir etwas noch als "warm" bezeichnen oder bereits als "kalt", ist nicht so wichtig. Hier sagen die Urteile viel über die Wirklichkeit aus. Je genauer man unterscheidet, desto besser.
Weitreichende Folgen hat die Vereinfachung jedoch bei abstrakten Gegensatzpaaren, die meist komplexe Sachverhalte beurteilen, deren Sinn sich nicht aus den Dingen selbst ergibt, sondern in Relation zu unseren Bedürfnissen und Erwartungen steht. Ob wir etwas als "gut" oder "schlecht" bezeichnen, sagt wenig über die Wirklichkeit und mehr über uns selbst. Solche Urteile hängen davon ab, ob wir Vor- oder Nachteile vom beurteilten Sachverhalt erwarten.
Urteile bilden wir aus den Erfahrungen, die wir im Laufe des Lebens machen; oder wir übernehmen sie von Autoritäten, denen wir uns durch die Übernahme ihrer Urteile unterwerfen. Zur Orientierung in passenden Situationen halten wir Urteile als Vorurteile für die Zukunft bereit. In neuen Situationen überprüfen wir unbewusst, ob wir hinreichend passende Vorurteile haben. Haben wir eine passende Schablone gefunden, lässt unser Bemühen, die Situation genauer zu erfassen, meist nach.
Seelische Krankheiten beruhen auf einem Bruch zwischen der Wirklichkeit und dem Bild, das man sich von ihr macht. Je mehr das Bild von der Wirklichkeit abweicht, desto kränker ist man. Störungen der seelischen Gesundheit durch "traumatisierende Erlebnisse" der Vergangenheit werden durch die Urteile vermittelt, die man sich zum Schutz vor weiteren Traumatisierungen zurechtgelegt hat.
Je mehr Urteile man im Laufe der Zeit fällt, desto mehr zersplittert das eigene Weltbild in ein Schachbrettmuster voreiliger Gewissheiten. Die Fähigkeit, sich seelisch gesund in der Wirklichkeit zurechtzufinden, nimmt damit ab.