Wer mit sich übereinstimmt, empfindet den, der ihn kränken will, als krank.

Leben bestimmt sich selbst. Was dem Leben nicht dient, reicht sich selbst nicht zur Ehre.

Wer sich ein Versagen eingesteht, hat Erfolg gehabt.

Niemand verhält sich würdig, wenn er das, was er ist, nicht mehr achtet, als das, was aus ihm werden könnte.

Ehre

  1. Begriffsbestimmung
  2. Ehre, Ansehen, Furcht und Selbstwertgefühl
  3. Ehre und psychologischer Grundkonflikt
  4. Exkurs: Der sogenannte "Ehrenmord"

Kränkungen der Ehre sind mächtige Faktoren, die das seelische Gleichgewicht gefährden. Seelische Gesundheit ist ohne das Gefühl des eigenen Wertes nicht möglich. Wert kann von außen oder von innen anerkannt sein. Je weniger wir unseren Wert von innen heraus selbst anerkennen, desto empfindlicher reagieren wir auf abwertende Botschaften von außen.

1. Begriffsbestimmung

Ehre geht auf althochdeutsch era = Ehrfurcht, Verehrung, Scheu, Ansehen zurück. Ausgehend von der indogermanischen Wurzel ais = ehrfürchtig sein hat der Begriff Verwandte in verschiedenen Sprachen. Man findet altisländisch eir = Gnade, Milde, Hilfe und griechisch aidos = Scheu, Ehrfurcht.

2. Ehre, Ansehen, Furcht und Selbstwertgefühl

Das Ehrgefühl entspringt einer komplexen Dynamik. Vordergründig befasst es sich mit der Wertschätzung durch andere. Wir fühlen uns in der Ehre verletzt, sobald wir unseren Wert von außen in Frage gestellt sehen. Die Bedeutungsfacetten des Begriffs belegen, dass unser Interesse an der eigenen Ehre mit der Angst vor der Aggression der anderen zusammenhängt. Ehre schützt uns vor den anderen. Sie bringt andere dazu, uns milde, nachsichtig und hilfsbereit gegenüber zu stehen.

Aspekte des Begriffs Ehre

Facetten der Ehre... und ...ihre nützlichen Folgen
Ehrfurcht Wer mich fürchtet, wird sich hüten, mir etwas anzutun.
Scheu Wenn ich als ehrenvoll gelte, scheut man davor zurück, mich zu bedrängen.
Ansehen Wer mich sieht, wird mich beachten.
Milde Wenn ich als ehrenvoll gelte, wird das Urteil bei Verfehlungen milde sein.
Hilfe Die Interessen des Ehrenvollen werden von anderen unterstützt.

Tatsächlich wird das Ehrgefühl jedoch nicht von der Meinung anderer bestimmt, sondern von der Bedeutung, die wir der Wertschätzung durch andere zumessen. Das Ehrgefühl spiegelt daher erst in zweiter Linie eine zwischenmenschliche Dynamik wieder. Grundlegend für den Umgang mit unserer Ehre ist vielmehr das Selbstwertgefühl. Das Selbstwertgefühl beurteilt die Übereinstimmung mit uns selbst. Es beurteilt, ob wir uns unserer selbst gerecht werden.

3. Ehre und psychologischer Grundkonflikt

Ehre ist das Gegenteil von Schande. Um die Dynamik von Ehre und Selbstwertgefühl zu verstehen, lohnt ein Blick auf die zwei Ursachen der Schande.

Wir schämen uns dafür...

Beide Ursachen des Schamgefühls verweisen auf den psychologischen Grundkonflikt. Während das Schuldgefühl signalisiert, dass wir gegen die Zugehörigkeit verstoßen haben, zeigt uns das Schamgefühl an, dass wir unserem Anspruch auf Selbstbestimmung nicht gerecht werden.

An dem, was man als ehrverletzend erlebt, spiegelt sich der Reifegrad der Persönlichkeit. Je reifer man ist, desto eher wird man seine Ehre darin sehen, selbstbestimmt zu sein. Je mehr man davon ausgeht, dass man mit sich selbst übereinstimmt, desto unempfindlicher wird man gegenüber Abwertungen von außen. Ein gesunder Erwachsener ist in der Lage, sein Wertgefühl durch eigenes Urteil zu schützen. Kränkungen prallen an ihm ab. Konstruktive Kritik weiß er gelassen für sich zu nutzen.

Der Gesunde sieht seine Ehre darin, selbstbestimmt zu sein. Der Kranke ahnt wie fremdbestimmt er ist. Er fühlt seine Ehre verletzt, wenn andere über sich bestimmen. Er glaubt, er kann seine verletzte Ehre heilen, indem er dem anderen Fremdbestimmung aufzwingt.


Grundregel

Je mehr eine Weltanschauung selbstbestimmte Individualität missachtet, desto eher betrachtet sie ein Verhalten, das ihr nicht zustimmt, als ehrlos.

Je weniger ein Erwachsener jedoch den Anspruch seiner Psyche auf Selbstbestimmung verwirklicht, desto weniger kann er sich aus eigener Kraft wertschätzen. Er bleibt auf die Wertschätzung anderer angewiesen. Er reagiert entsprechend empfindlich, wenn sein Wert von außen angezweifelt wird.

4. Exkurs: Der sogenannte "Ehrenmord"

Der sogenannte "Ehrenmord" beleuchtet die seelische Dynamik der krankhaften Ehrverletzung. "Ehrenmorde" werden in der Regel von Personen verübt, die einem Glaubenssystem unterworfen sind, das den Wert des Individuums missachtet.

Je mehr der Gläubige vom Glauben entmündigt ist, desto unerträglicher erscheint es ihm, wenn ein anderer selbständige Entscheidungen trifft. Weil sich der gläubige Mörder Selbstbestimmung schuldig bleibt, glaubt er, seine Ehre zu retten, indem er die Fähigkeit zur Selbstbestimmung im anderen tötet. Wenn auch andere nicht über sich selbst bestimmen, ist die eigene Unterwerfung weniger schmerzlich.

Die Schuld an der Ehrverletzung wird dabei ebenso wie die Schuld am Mord auf das Opfer projeziert. Ist es ein eigenes Kind, zeigt sich der Hass gegen das Leben exemplarisch.