Die Psychiatrie spricht von "Persönlichkeitsstörungen". Der Begriff ist problematisch. Er unterstellt die Existenz einer "gesunden" Normpersönlichkeit, von der die gestörte Persönlichkeit kategorisch abgetrennt werden kann. Da Personen aber Subjekte sind, ist die Definition einer Norm wissenschaftlich unkorrekt. Alternativ kann man von "akzentuierten Persönlichkeiten" oder "Persönlichkeitsvarianten" sprechen.
Persönlichkeitsstörungen fallen durch Häufungen charakteristischer Verhaltensweisen auf, unter denen der Betroffene und/oder das Umfeld leidet. Obwohl Leid an sich kein hinreichendes Kriterium ist, um Krankheit zu definieren, ist der Begriff "Persönlichkeitsstörung" insofern passend, weil er eine Störung des Selbst- und Weltbezuges anzeigt, die durch das daraus entstehende Leid medizinisch bemerkenswert wird.
Hintergrund der Persönlichkeitsstörungen sind typische Muster im Umgang mit dem Zugehörigkeits-Autonomie-Konflikt, Besonderheiten bei der Wahl typischer Abwehrmechanismen, sowie im Umgang mit Wahrnehmungen, Gefühlsausdruck und Selbstbild.
Zur Beschreibung von Persönlichkeitsvarianten gibt es eine ganze Palette von Begriffen:
Im Folgenden werden zehn häufige Persönlichkeitsstörungen beschrieben. Typische Varianten in reiner Form sind selten. In Wirklichkeit gibt es nicht zehn Varianten, auch nicht 20 oder 100. Bei genauer Betrachtung ist vielmehr jeder Mensch einzigartig. Die Eigenschaften der typisierten Varianten gehen fließend ineinander über.
Persönlichkeitsstörungen gemäß ICD-10-Klassifikation der WHO.| Name | ICD | Leitsymptom |
| Paranoide Persönlichkeit | F60.0 | Misstrauen |
| Schizoide Persönlichkeit | F60.1 | Sozialer Rückzug |
| Dissoziale Persönlichkeit | F60.2 | Rücksichtslosigkeit |
| Emotional-instabile Persönlichkeit | F60.3 | Stimmungsschwankungen |
| Histrionische Persönlichkeit | F60.4 | Theatralisches Verhalten |
| Zwanghaft Persönlichkeit | F60.5 | Perfektionismus |
| Ängstlich-vermeidende Persönlichkeit | F60.6 | Übervorsicht |
| Abhängige Persönlichkeit | F60.7 | Unterordnung |
| Narzisstische Persönlichkeit | F60.8 | Selbstüberschätzung |
| Dysthymie/Depressive Persönlichkeit | F34.1 | Schwermut |
Abhängige Persönlichkeiten überschätzen ihr Bedürfnis nach Liebe und Zugehörigkeit. Sie suchen ständig nach Bestätigung durch andere und leiden unter Trennungsangst. In der Folge stellen sie autonome Impulse zurück, vermeiden Konflikte und eigene Entscheidungen. Sie fahren im Windschatten der Mutigen und sind schnell bereit, sich den Wünschen und Erwartungen anderer zu fügen. Wie brave Kinder hoffen sie auf den Schutz derer, denen sie das Feld überlassen.
Klingelt es an der Tür, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der Abhängige ein Abo bestellt. Wenn der Vertreter sagt, dass man bestellen soll, wird es wohl richtig sein.
Der abhängige Mensch sucht sich gerne einen Partner, der für ihn Entscheidungen trifft. Solange dieser Partner sein Wohl bedenkt, kann der Abhängige ein zufriedenes Leben führen, ohne dass er je tatsächlich Führung übernähme. Beachtet der Partner das Wohl des Abhängigen aber nicht, ist hilfloses Unglück vorprogrammiert; es sei denn, das brave Kind wird doch noch erwachsen und sorgt selber für sich.
Auch die ängstlich-vermeidende Persönlichkeit vertraut nur wenig auf die eigene Möglichkeit zur Selbstbehauptung. Auch sie sucht Zuneigung, Liebe und Schutz und reagiert beunruhigt auf kleinste Zeichen der Kritik. Während der Abhängige aber glaubt, es gebe keinen Grund mehr zur Sorge, sobald er sich der Führung eines Starken anvertraut, sorgt sich der Ängstliche immer weiter. Hinter allem, was das Leben bringt, sieht er zuerst Gefahr. Während der Abhängige Achterbahn fährt, wenn sein Partner sagt Wir machen das!, ruft der Ängstliche Um Himmel Willen, lass uns gemeinsam nach Hause gehen!
Klingelt es an der Tür, macht der Ängstliche gar nicht erst auf. Es könnte ja jemand sein, der ihm ein Abo zu verkaufen versucht und so aufdringlich ist, dass man ihm nicht widerstehen kann.
Bei der Wahl des Partners gerät der Ängstlich-vermeidende oft an Personen, die eigene Ängste verleugnen, die im Umgang mit der Außenwelt offensiv und streitbar sind. Solange das System im Gleichgewicht bleibt, sagt der Partner Hab keine Angst, wir machen das schon!. Kommt es in der Partnerschaft zu Spannungen, lässt der streitbare Partner seine Unzufriedenheit zuweilen hemmungslos am Ängstlichen aus. Aus dem Schäferhund, den der Ängstliche sich zu seinem Schutz gesucht hat, wird ein Wolf, der ihn frisst.
Die depressive Persönlichkeit vermeidet ebenfalls Konflikte. Mehr als Abhängige und Ängstliche spekuliert sie jedoch auf Lohn und Dankbarkeit, wenn sie andere nicht nur bestimmen lässt, sondern deren Bedürfnissen vorauseilend dient. Sie denkt: Wer so bescheiden ist wie ich, hat sich tätige Zuwendung verdient. Bleibt der Lohn für den Verzicht auf die Vertretung eigener Interessen aus, verfällt sie in Schwermut und leidet am Undank der Welt.
Auch der Depressive bestellt an der Haustür ein Abo. Er tut es aber nicht nur, weil er dazu aufgefordert wird. Er tut es, damit der Vertreter denkt, es gäbe doch noch gute Menschen auf der Welt.
Bei der Partnerwahl entscheidet sich der depressiv Strukturierte allzu oft für einen Menschen, der wie selbstverständlich glaubt, dass ihm alle Welt zu dienen hat. Ihm zuliebe verzichtet der Depressive auf den eigenen beruflichen Erfolg - was er nicht ungerne tut, weil er eh Angst hat, sich durchzusetzen -, ihm zuliebe schränkt er sich finanziell ein und wenn er sogar noch für die Schulden des Partners gebürgt hat, wird er von ihm verlassen.
Die narzisstische Persönlichkeit glaubt, dass ihr jede Menge Liebe und Bewunderung zufällt, wenn sie begabt, leistungsfähig, selbständig und überlegen erscheint. Entweder bildet sie sich ein, genau so von jeher gewesen zu sein oder sie gibt sich ständig Mühe, es zu werden. Bleibt die Bewunderung aus, ist ihr klar: Die anderen sind zu dumm dafür, Großartigkeit gebührend zu beachten.
Der Narzisst bestellt an der Haustür kein Abo. Er glaubt, der Vertreter kommt in Wirklichkeit nur, um einem Menschen wie ihm zu begegnen. Drängt der Vertreter trotzdem auf die Unterschrift, knallt der Narzisst dem Lümmel die Türe vor der Nase zu; es sei denn, der Vertreter macht ihm weis, dass höhere Kreise zu seiner Kundschaft zählen.
Bei der Partnerwahl gerät der Narzisst oft an einen bescheidenen Menschen, der ihn aus der Bescheidenheit heraus tüchtig bewundern kann. Insgeheim denkt der Narzisst jedoch, dass dieser Partner seiner nicht würdig ist. Begegnet er einem der wenigen Menschen, die er für ebenbürtig hält, kann es sein, dass er sich um dessen Zuwendung in ungewohnt demütiger Weise bewirbt.
Die zwanghafte Persönlichkeit sträubt sich gegen die Verführungskraft der Unterwerfung unter den Strudel der Welt und des Lebens an sich. Sie wünscht sich Sicherheit und Protektion und schämt sich doch dafür. Am liebsten hätte sie daher alles unter Kontrolle. Aus Angst, es sich durch Machtansprüche mit anderen zu verderben, konzentriert sie ihre Herrschaft vordergründig auf die Welt der Dinge.
Zur Bestellung eines Abos an der Haustür kommt es meistens nicht. Der Zwanghafte lässt den Vertreter zwar herein, bevor er unterschreibt, liest er jedoch das Kleingedruckte bis zum letzten Punkt. Dann stellt er soviele Fragen, dass der Vertreter entnervt das Weite sucht.
Da der sich Zwanghafte vor der eigenen Lebendigkeit fürchtet, ist er von der anderer fasziniert. So bietet er sympathischen Chaoten einen sicheren Hafen der Vernunft und nimmt durch die Ungezwungenheit seines Stellvertreters am Leben doch noch teil. Findet das Paar beim Kampf um den rechten Umgang mit Zahnpastatuben aber keinen Kompromiss, verfluchen beide den Tag, an dem sie sich begegnet sind.
Wie die narzisstische so wünscht sich auch die histrionische Persönlichkeit möglichst viel Beachtung. Während die narzisstische es jedoch durch distanzierte Überlegenheit und autonome Souveränität versucht, bleibt die hysterische (=histrionische) Persönlichkeit in der Nähe derer, denen sie gefallen will. Zugehörigkeit zählt für sie mehr als Selbstbestimmung. Daher überlässt sie sich auch gerne den Wogen der Gefühle.
Klingelt der Vertreter an der Haustür des Hysterikers, ist der auf jeden Fall zuerst einmal begeistert. Da das Leben unerträglich ist, wenn man es berechnen kann, lässt sich jedoch keine Prognose formulieren, ob der Vertreter im weiteren Verlauf eine Unterschrift bekommt oder nicht.
Eine Partnerschaft zwischen zwei Hysterikern hält in der Regel nicht lang. Mehr Chancen auf ein dauerhaftes Jawort hat ein Zwanghaft-depressiver. Weil er zwanghaft ist, bietet er einen sicheren Boden. Dank seiner depressiven Anteile erträgt er es mit Geduld, wenn auf dem Boden auch Mal herum getrampelt wird. Als Lohn hat er immer eine bunte Blume am Revers.
Die schizoide Persönlichkeit hat Angst, sich im Kontakt zu anderen zu verlieren. Lieber als auf ihre Autonomie zu verzichten, geht sie Kontakten daher aus dem Weg.
Auch der Schizoide öffnet beim Klingeln nicht die Tür. Anders als der Ängstliche hat er aber keine manifeste Angst. Er weiß, dass er nicht unterschreibt, selbst wenn der Vertreter noch so aufdringlich ist.
"Partnerwahl" ist für den Schizoiden ein Fremdwort. Aus der Einsamkeit heraus sehnt er sich zwar nach der Welt des Eros, wenn aber niemand kommt, der den Schizoiden trotz dessen Vorsicht seinerseits wählt, bleibt er mit seinen Phantasien über das Wesen des Eros allein.
Auch die paranoide Persönlichkeit wünscht insgeheim geliebt zu werden. In Sachen autonomer Selbstbestimmung macht sie dabei keine Kompromisse. Sie selbst hat Recht! Wer daran zweifelt, gehört zu jener Welt, die dem Paranoiden das Gute boshaft vorenthält.
Klingelt der Vertreter an der Tür, glaubt ihm der Paranoide nicht, dass er tatsächlich ein Abo verkaufen will. Eher hält er ihn für einen Spion aus der Nachbarschaft, oder er vermutet, dass der Abo-Verkauf ein Vorwand ist, um mit der erschlichenen Unterschrift sein Konto zu plündern.
Paranoide Menschen leben häufig allein; zum einen, weil Einsamkeit paranoide Tendenzen fördert, zum anderen, weil das Misstrauen des Paranoiden auch enge Bezugspersonen erfasst, sobald diese sein Weltbild nicht nahtlos teilen.
Die emotional-instabile Persönlichkeit, auch Borderline-Persönlichkeit genannt, ist ein Sonderfall. Wie die depressive Persönlichkeit gibt sie sich Mühe, durch Selbstverzicht und Dienstbarkeit Liebe zu verdienen. Während der Depressive sich aber erfolgreich der Verdrängung bedient, um den Misserfolg seiner Strategie zu ertragen, springt der Emotional-instabile in einem gespaltenen Selbstbild zwischen "gut" und "schlecht" hin und her. Zuerst ist er "gut", weil er dient und der Andere wird als ebenfalls "Guter" den Dienst einst mit Liebe belohnen. Bleibt die erhoffte Liebe aber aus, hält sich der Emotional-instabile für unwert und schlecht. Seine Wut lässt er wahlweise an sich selbst oder anderen aus.
Klingelt es an der Haustür droht auch die Borderline-Persönlichkeit - je nach Zeitpunkt des Klingelns - voreilig ein Abo zu kaufen. Weil man einen Vertreter, der so hart um sein täglich Brot kämpft, als guter Mensch unterstützen muss! Kaum ist der Vertreter aber weg, kommen die ersten Zweifel. Und bald ist der Emotional-instabile überzeugt, dass es heimtückisch ist, einem arglosen Menschen ein Abo anzudrehen und dass einer, der sich ein Abo andrehen lässt, wegen seiner Dummheit und Schwäche abgrundtief zu verachten ist. Um Wut und Schande zu ertragen, zerbricht er ein Glas und schneidet sich mit den Scherben.
Die Beziehungen der Borderline-Persönlichkeit beginnen meist mit Überschwang. Endlich hat er den Partner gefunden, der selbstlos nur Gutes für ihn will. Da es solche Menschen kaum je gibt, schlägt die Begeisterung über kurz oder lang in Enttäuschung um. Dann erscheint ihm der andere nicht mehr "nur gut", sondern zweifelsfrei "schlecht" und die Beziehung endet in einer Kaskade schmerzhafter Affekte.
Die dissoziale Persönlichkeit interessiert sich für ihren unmittelbaren Vorteil. Soziale Normen sind in ihren Augen Unfug, an den bestensfalls Dummköpfe glauben. Für das Wohl der anderen hat der Dissoziale keinen Blick. Dissoziale Persönlichkeiten finden sich gehäuft im kriminellen Mileu. Sie können aber auch im Wirtschaftsleben erfolgreich sein. Egal ob sie ganz unten oder ganz oben auf der Treppe stehen, führt Bestrafung bei ihnen kaum je zu echter Reue.
Klingelt es an der Haustür, überlegt der Dissoziale, wie er den Abo-Verkäufer am besten übers Ohr haut. Ist der Verkäufer eine Frau, kann es ihr passieren, dass sie sich der Dissoziale mit Lügen und Drohungen gefügig macht. Eventuelle Schuldgefühle verleugnet er oder er rationalisiert sie einfach weg. "In Wirklichkeit hat's die Schlampe doch nicht anders gewollt!"
Bei der Therapie der Persönlichkeitsstörungen muss man zwischen Grundproblem und Begleitsymptom unterscheiden. Das Grundproblem der Persönlichkeitsstörungen liegt stets in einem spezifischen Muster persönlicher Sichtweisen, Meinungen und Urteile über die Struktur der Wirklichkeit. Diese Sichtweisen betreffen sowohl die Außenwelt als auch die eigene Person und deren Rolle in dieser Welt. Sie sind teils bewusst, teils unbewusst. Aus den Sichtweisen resultiert dann das Verhalten, das zu Störungen führt.
Die Sichtweisen selbst und die Beziehungsstörungen, die Folge des Verhaltens sind, führen im zweiten Schritt zu den Begleitsymptomen. Dazu gehören vor allem Depressionen, Ängste und Wutausbrüche, aber auch Eßstörungen, Zwangserscheinungen und Wahn.
Medikamentöse Behandlungen ändern am Grundproblem in der Regel nur wenig. Psychopharmaka können aber nützlich sein, wenn die Begleitsymptome so ausgeprägt sind, dass sie die Handlungsfreiheit des Patienten zusätzlich einschränken.
Zur Behebung des Grundproblems ist Psychotherapie das Mittel der Wahl. Ziel jeder Psychotherapie ist eine Veränderung der Sichtweisen, mit denen der Patient an das Leben herangeht. Solche Veränderungen können sowohl durch verhaltenstherapeutische Übungsprogramme als auch durch aufdeckende Verfahren erreicht werden.