Abnorme Gewohnheiten (Störung der Impulskontrolle)

  1. Definition
  2. Einteilung
    1. 2.1. Pathologisches Spielen
    2. 2.2. Pathologische Brandstiftung (Pyromanie)
    3. 2.3. Pathologisches Stehlen (Kleptomanie)
    4. 2.4. Trichotillomanie
  3. Innerseelische Prozesse
  4. Lösungsstrategien

1. Definition

Unter der Überschrift der Abnormen Gewohnheiten bzw. der Störungen der Impulskontrolle fasst die ICD-10Internationale Klassifikation der Krankheiten eine Reihe seelischer Störungen zusammen, die durch neurotische Verhaltensstörungen gekennzeichnet sind. Dabei kommt es zu vernunftwidrigen Handlungen, die vom Kranken nur schwer zu unterdrücken sind.

Gemeinsames Merkmal ist außerdem, dass die Handlungsweisen entweder für den Kranken selbst oder für das Umfeld schädlich sind.

2. Einteilung

Klassifiziert werden vier konkrete Syndrome mit jeweils spezifischer Verhaltensstörung. Darüber hinaus gibt es die Kategorie der "Sonstigen Störungen". Dazu nennt die Klassifikation eine Störung mit intermittierendGelegentlich auftretend auftretender Reizbarkeit. In der Praxis wird man bei diesem Symptom an eine affektive Störung oder an eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung denken.

Zu den sonstigen abnormen Gewohnheiten kann auch das Nägenkauen (Onychophagie) und das Hautknibbeln (Dermatillomanie) gerechnet werden.

Abnorme Gewohnheiten gemäß ICD-10-Klassifikation der WHO
Name ICD-Nummer
Pathologisches Spielen F63.0
Pathologische Brandstiftung (Pyromanie) F63.1
Pathologisches Stehlen (Kleptomanie) F63.2
Pathologisches Haareausreißen (Trichotillomanie) F63.3
Sonstige Störungen der Impulskontrolle (z.B. Nägelkauen, Hautknibbeln) F63.8
2.1. Pathologisches Spielen

Zwang oder Gewohnheit?

Zwangshandlungen und abnorme Gewohnheiten dienen der Verdrängung unangenehmer Gefühle. Darin sind sie gleich.

Die abnorme Gewohnheit benutzt der Kranke aber nur um unangenehme Gefühle durch angenehme zu ersetzen. Er hat keine Theorie, wozu sein Handeln sonst noch gut ist.

Der Zwangskranke hat spezifische Befürchtungen. Er meint, dass etwas Schlimmes passieren könnte, wenn er seinem Impuls nicht folgt. Er handelt um bestimmte Zwecke zu bewirken.

Dynamik und emotionale Symptome des Glücksspiels zeigen große Ähnlichkeit mit denen der stoffgebundenen Suchterkrankungen. In der psychiatrischen Praxis hat es sich daher durchgesetzt, das Pathologische Glücksspiel als Suchterkrankung aufzufassen.

2.2. Pathologische Brandstiftung (Pyromanie)

Von den Taten der pathologischen Brandstifter erfährt man aus den Medien. Charakteristisch ist, dass den pathologischen Brandstifter der Impuls zu seinen Taten immer wieder überkommt. Ihm geht es um die Brandstiftung an sich, ohne dass er das Feuer aus sonstigen Gründen legt; zum Beispiel aus Rache, wegen Versicherungsbetrug oder politisch motiviert.

2.3. Pathologisches Stehlen (Kleptomanie)

Das Motiv des Kleptomanen liegt nicht in konkreter Bereicherung. Wie bei allen Störungen der Impulskontrolle geht es auch hier um den Abbau emotionaler Spannungen. Daher stiehlt der Kleptomane auch nicht gezielt. Er wählt das Diebesgut weder nach persönlicher Brauchbarkeit noch nach Wert. Hat er gestohlen, hortet er die Sachen, verschenkt sie oder er wirft sie einfach weg. Ihm geht es nicht um das, was er stehlen kann, sondern darum, dass er stehlen kann.

2.4. Trichotillomanie

Bei der Trichotillomanie handelt es sich um den heftigen Drang, sich Haare auszureißen.

Auftreten

Von der Erkrankung werden deutlich mehr Frauen als Männer betroffen. Man schätzt die Häufigkeit auf 1-2%. Meist beginnt die Gewohnheit in der Kindheit (6-8. Lebensjahr oder 11-12. Lebensjahr) und hält ein ganzen Leben an. Allerdings treten die Symptome phasenweise in den Hintergrund, oder sie verstärken sich bei Stress und emotionaler Belastung.

Symptome und diagnostische Kriterien

Begleiterkrankungen

Oft wird die Trichotillomanie von anderen seelischen Störungen begleitet. Zu nennen sind vor allem Angststörungen, Depressionen, Eßstörungen, Zwangs- oder TicstörungenTics sind spontane Bewegungen oder Lautäußerungen, die der Betroffene meist nur kurzzeitig zurückhalten kann. Unterdrückt er den Tic, entsteht ein unangenehmes Spannungsgefühl..

Als Folge der Trichotillomanie sind Haut- und Zahnfleischentzündungen zu befürchten. Als seltene Komplikation kann es durch das Verschlucken großer Haarmengen zu einem Darmverschluss kommen.

3. Innerseelische Prozesse

So unterschiedlich abnorme Gewohnheiten auch sein mögen, der innerseelische Mechanismus, der zum problematischen Verhalten führt, ist bei allen Störungen im Grundsatz gleich. Dem Fehlverhalten geht eine unangenehme Anspannung voraus, die durch die abnorme Tat wieder nachlässt. Somit lässt sich die Gewohnheit als Abwehrmechanismus verstehen. Sie dient dazu, unangenehme Selbstwahrnehmungen zu unterdrücken, indem sie die Aufmerksamkeit vom Selbst weg und hin zur Tat oder deren Folgen lenkt.

Durch die Verdrängung unliebsamer Wahrnehmungen wird die seelische Entwicklung gestört. Dadurch steigt die Spannung, was den verstärkten Einsatz des Abwehrverhaltens auf den Plan ruft.

Während der Mechanismus der innerseelischen Dynamik im Grundsatz gleich ist, sind die individuellen Ausgestaltungen und die hintergründigen Motive unterschiedlich und facettenreich. Bei der Therapie müssen sie im Einzelnen verstanden werden.

Achtsamkeitstraining

Beim Pathologischen Stehlen und der Pathologischen Brandstiftung, aber auch beim Glückspiel können ungelöste Zugehörigkeits-Autonomie-Konflikte im Hintergrund erkennbar sein. Stehlen, Brandstiften und die Teilnahme am scheinbar so sinnlosen Glücksspiel können als Versuche des Kranken gedeutet werden, eine Überanpassung an die Erwartungen des Umfelds durch Taten auszugleichen, die kaum je auf Zustimmung stoßen. Indem er das Verpönte tut, erzwingt der Täter ein Stück Selbstbestimmung.

4. Lösungsstrategien

Bei der Behandlung der abnormen Gewohnheiten kommen medikamentöse und psychotherapeutische Methoden zum Einsatz.

Eine spezifische Medikation gibt es nicht. Da Impulskontrollstörungen oft mit Depressionen einhergehen, hat der Einsatz von Antidepressiva aus der Gruppe der SSRI (Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer) eine gewisse Verbreitung gefunden. Lithium, Neuroleptika und Naltrexon sind nur in Einzelfällen wirksam.

Im Vordergrund stehen psychotherapeutische Maßnahmen. Dabei kommt dem Training der Achtsamkeit und der Bearbeitung innerseelischer Konflikte eine zentrale Rolle zu. Weitere Bausteine sind das Erlernen konkurrierender Handlungen und allgemeiner Entspannungstechniken.

Konkurrierende Handlungen
Was könnte ich statt dessen tun?

Zu den allgemeinen Entspannungstechniken gehören Atemübungen, das Autogene Training und die Progressive Muskelrelaxation nach Jacobsen.

Das Erlernen konkurrierender Handlungen dient der Bereitstellung von sinnvollen Verhaltensalternativen. Diese dienen dazu, den krankhaften Impuls in weniger schädliche oder gar nützlichen Taten umzulenken.